Resonanzen (Teil 2)

Musik ist meine größte Freude, meine Leidenschaft, und es war meine Liebe zur Musik, die mich das erste Mal dazu brachte, mich in der Schule so richtig reinzuhängen. Wie meine Eltern gehofft hatten, schaffte ich es tatsächlich aufs Gymnasium, wenn auch nur knapp. Zur Belohnung nahmen sie mich mit in die Oper.

Ich war begeistert, und jetzt wusste ich auch, was ich werden wollte: Opernsängerin! Unbedingt. Es schien mir der perfekte Beruf. Meine Popmusik-CDs wanderten in die hinterste Ecke des Regals, und ich stürzte mich stattdessen auf Opernarien. Meine verwirrten Großeltern tauschten die CDs um, die sie für meinen Geburtstag gekauft hatten, und ließen sich von meinen Eltern stattdessen in Richtung Klassik verweisen. Die schönste Überraschung war allerdings mein Opa, Mamas Vater, der, als wir ihn in den Sommerferien besuchten, sein altes Klavier entstaubte und mich begleitete. Er spielte etwas holprig – „So ist das leider, wenn man ein paar Jährchen aus der Übung ist“, wie er erklärte –, aber mit großer Begeisterung. Oma kramte dann ein paar alte Notenhefte hervor, darunter ein Liederzyklus von Schubert, und wir versuchten uns im zweistimmigen Gesang. Es war die schönste Woche des ganzen Sommers.

Ich glaube, Oma war irgendwann einfach erschöpft, oder vielleicht hat sie auch die Lust daran verloren und wollte es mir nicht sagen, aber ich konnte die ganze Woche nicht genug kriegen. Wenn Opa eine Pause machte – „Meine alten Finger machen das nicht mehr mit, Schätzchen“, erklärte er –, versuchte ich es erst selbst am Klavier, aber meine Finger waren einfach zu langsam und ungeschickt. Opa muss bestimmt sein ganzes Leben lang geübt haben, um das so gut hinzukriegen! Und sogar er verspielte sich ab und zu. Ich dagegen kriegte gar nichts hin, obwohl ich doch genau wusste, welche Taste welcher Ton war und in welcher Reihenfolge ich sie spielen musste. Ich hatte schließlich gut zugehört, und Notenlesen hatte ich im Kinderchor gelernt. Aber meine dummen Hände machten einfach nicht mit.

Irgendwann hatte ich dann genug von dem Instrument, und ich erinnerte mich daran, wie ich im Kinderchor die Orff-Instrumente gesungen hatte. Das musste doch mit so einem blöden Klavier auch gehen, beschloss ich. Als meine Großeltern mit meinen Eltern spazieren gingen, blieb ich also im Haus und versuchte, das Klavier nachzuahmen.

Es ging überraschend gut – ein Klavier klingt viel klarer als ein Xylophon, und einstimmig hatte ich es ziemlich schnell drauf. Das wirklich schwierige war aber die Mehrstimmigkeit. Schließlich spielt man Klavier mit beiden Händen, und man kann sogar mit den Fingern einer Hand mehrere Tasten gleichzeitig drücken. Da musste ich mehrfach rumprobieren und hinhören, bis ich das raushatte.

Am Ende, das weiß ich inzwischen, ist es nur eine einzige modulierte Welle, die im Ohr ankommt, und ich kann die Welle, die aus meinen Stimmbändern kommt, beliebig modulieren. Aber damals wusste ich nicht genau, wie das funktioniert, und musste das nach Gefühl machen, und weil ich niemanden kannte, der das auch konnte, musste ich es mir ganz allein beibringen. Das war ganz schön anstrengend. Eigentlich sind menschliche Stimmen für sowas nicht gemacht.

Aber woher sollte ich das wissen? Ich hatte, wie gesagt, gerade erst die vierte Klasse geschafft. Ich hatte von gar nichts eine Ahnung, und weder meine Chorleiterin noch mein Musiklehrer wussten, was ich versuchte und wie das bei mir funktionierte. Das sollte ich erst später herausfinden, und hier muss ich echt sagen, ein Glück, dass meine Eltern darauf bestanden, mich ans Gymnasium zu bringen.

Erstmal war es aber eine reine Folter. Sie hatten wie versprochen ein musisches Gymnasium für mich gefunden, aber das war natürlich am anderen Ende der Stadt, und ich musste jeden Morgen eine halbe Stunde hinfahren und jeden Mittag eine halbe Stunde zurück. Und bis auf den Musikunterricht war es furchtbar. So viel zu lernen! So viele Texte zu lesen und Aufgaben zu rechnen und Daten zu pauken! Ich sehnte mich jeden Tag zurück zu dieser einen unbeschwerten Woche bei meinen Großeltern, mit Schubert und dem Klavier und meinen ersten Versuchen, mehrstimmige Töne zu treffen. Nur wenn ich heimkam und eine CD mit klassischer Musik einlegte, wenn ich mitsang und mir ausmalte, eines Tages als Primadonna auf der Bühne zu stehen – nur dann war ich glücklich, und ich hielt mich mit dem Gedanken aufrecht, dass ich den ganzen anderen Mist, Mathe und Deutsch und Geschichte und Erdkunde, dass ich all das nur lernte, damit ich später an der Musikhochschule zugelassen wurde und endlich, endlich die Musik zu meinem Beruf machen konnte.

Die Zeit bis dahin kam mir endlos vor. Wenn ich an einem normalen Gymnasium mit weniger Musikunterricht gewesen wäre, hätte ich bestimmt schneller aufgegeben. Aber ich hielt durch, zumindest eine Weile. Und dann kam ich in die siebte Klasse und lernte Herrn Finkenbein kennen, den ersten Menschen, der mich wirklich verstand.

(06.11.2014, 791 Wörter. Der erste Teil ist hier zu finden.

Kurze Erinnerung: Die Abstimmung zu Probleme, Teil 4 ist noch offen, und momentan sieht es nach einem Unentschieden aus…)

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3 Kommentare

  1. Da musste ich doch unverzüglich auch den ersten Teil lesen. Für jemanden wie mich, dessen erste große Liebe die Musik war und ist, sind deine Zeilen herzerwärmend vertraut :-)

    1. Vielen Dank! Es freut mich sehr, dass die beiden Texte dir so gefallen :-)

  2. Nun überlegte ich schon, ob ich dich „500 Noten“ nennen soll ;-) Klingt doch gut, wie dein Text.

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