Die Spatzen von Berlin

Jede größere Stadt hat so ihre Probleme mit Vögeln. In den meisten Städten sind Tauben das Hauptproblem, „fliegende Ratten“, die Denkmäler und Fassaden mit ihren ätzenden Exkrementen ruinieren und Krankheiten übertragen wie ihre nagenden Namensgeber. Einige Städte aber haben noch einmal ihr ganz eigenes Problem: New York hat Kanadagänse, die den Flugverkehr aufhalten und Notlandungen bedingen; Kagoshima hat Krähen, die das Stromnetz lahmlegen, und Berlin hat Spatzen.

Spatzen sind, bedingt durch ihre geringe Körpergröße im Vergleich zu Gänsen, keine Gefahr für den Flugverkehr (dafür hat Berlin die Politik), und sie sind, bedingt durch ihre geringe Intelligenz im Vergleich zu Krähen, nicht imstande, gezielt wichtige Infrastruktur wie die Stromversorgung zu attackieren. Was ihnen an Kraft und Schläue mangelt, gleichen sie jedoch durch schiere Dreistigkeit aus. Selbst die Tauben auf dem venezianischen Markusplatz, von Touristen fett gefüttert und zum Posieren mit hilflosen Kindern abgerichtet (Hitchcocks „Die Vögel“ ist Venedigreisenden offensichtlich unbekannt), nähern sich Menschen nur, wenn ihnen Futter angeboten wird. Diese Art von Höflichkeit ist den Berliner Spatzen unbekannt. Sie lassen sich nicht füttern. Sie holen sich ihr Futter selbst.

Futter, in den Augen eines Berliner Spatzen, ist alles Essbare in Menschenhand. Das ist übrigens wörtlich gemeint, wie folgende Anekdote zeigt:

Ich saß mit einer Freundin in einem netten Berliner Café in der Nähe des Kollwitzplatzes, um das Frühstück einzunehmen. Wir hatten Urlaub, es war schönstes Sommerwetter, und natürlich saßen wir unter freiem Himmel. Man male sich aus: Blauer Himmel, Wölkchen wie hingetupft, ein Sonnenschirm in Gute-Laune-Farben, vor uns ein reichhaltiger Brotkorb, Obst, Käseteller, diverse Marmeladen – ja, so sollte Urlaub aussehen. Meine Freundin bestrich also ein ofenwarmes Brötchen liebevoll mit Marmelade, biss ein Stück ab, und dann beging sie den Fehler: Sie legte die restliche Brötchenhälfte nicht wieder auf den Teller, sondern hielt sie in der Hand.

In der Luft.

Im Luftraum.

Wir ahnten ja noch nicht, dass der Berliner Luftraum nicht den Menschen gehört.

Ich sagte etwas, sie antwortete, und in diesem Bruchteil einer Sekunde, in dem sie abgelenkt war, stieß der Feind im Sturzflug auf das Brötchen in ihrer Hand herab. Ich schrie auf, sie zuckte zusammen, und der Spatz verfehlte seine Beute um Haaresbreite. Laut schimpfend schwang er sich wieder in die Höhe, landete dann auf einem freien Tisch neben uns und ließ die restliche Zeit den Blick nicht von uns.

Wir aßen schneller danach, über unsere Teller gebeugt, den Blick unstet durch den Himmel schweifen lassend.

 

Berliner Spatzen haben vor nichts und niemandem Angst. Oh, sie halten durchaus gebührenden Abstand. Sie lassen sich nicht anfassen, sie weichen aus, wenn man nach ihnen wedelt, und sie wissen genau, welche Tiere ihnen gefährlich werden können. Aber Angst haben sie keine. Sie weichen im letzten Moment aus, fliegen ein Stück weiter und machen sich laut tschilpend über ihren Angreifer lustig. Sie wissen genau, dass sie schneller sind, und sie wissen, dass Berlin ihnen gehört. Für Nuancen ist in ihrem Spatzenhirn kein Platz. Der Unterschied zwischen Essen auf dem Boden und Essen auf dem Teller ist nur die Aufmerksamkeit der großen, flugunfähigen Zweibeiner, die ihnen das Futter missgönnen, und die Reichweite von deren Armen.

Immerhin, dank ihrer Kleinheit scheißen sie wenigstens nicht so viel wie Tauben.

 

(23.11.2014, 525 Wörter)

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3 Kommentare

  1. Mit einem Lächeln in den Tag gestartet. Danke :)

    1. Gern :-) Danke fürs Lesen und Kommentieren!

  2. Der Himmel über Berlin … gehört den Spatzen. Das hast du nun endgültig klar gemacht ;-)

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