Laufen

…laufe die Straße entlang, mitten auf der Fahrbahn, sie ist nass und glänzt im Licht der Straßenlaternen, die das einzige Licht sind, ihr Schein schluckt die Sterne, und der Himmel ist so schwarz hinter ihnen, dass ich mich nicht mehr erinnern kann, ob es wirklich Sterne gibt oder ob sie nur ein Märchen sind, das man Kindern erzählt, damit sie sich auf die Zukunft freuen, wie der Weihnachtsmann und der Osterhase und die Gerechtigkeit und dass es ein Happy End gibt, denn Happy Ends gibt es nicht, es geht immer weiter danach, immer weiter, so wie diese Straße immer weiter geht, ich kann ihr Ende nicht sehen, nur eine endlose, nass glänzende Asphaltstraße, gesäumt von sternenschluckenden Straßenlampen, und ich laufe mitten auf der Fahrbahn, denn es kommt sowieso kein Auto vorbei, niemand kommt hier vorbei, niemand kommt hierher, niemand will hierher, alle wollen nur weg von hier, so wie ich, deshalb laufe ich und laufe, aber die Straße scheint kein Ende zu nehmen, und wenn ich mich umdrehe und zurückschaue, ist dort dasselbe endlose, nass glänzende Band und dieselben sternenschluckenden Straßenlampen, und wenn ich den Kopf in den Nacken lege und nach oben schaue, ist dort nur Schwarz, ein schwarzer, sternenloser Himmel, der kein Ende zu nehmen scheint und keinen Anfang hat, und er ist so dunkel, dass ich mich nicht mehr erinnern kann, ob es je eine Sonne gab oder ob sie nur ein Märchen ist, das man Kindern erzählt, damit sie vor der Gegenwart keine Angst haben, wie die Schutzengel und die Schutzheiligen, all die Patrone und Nothelfer, und die Gerechtigkeit und dass die Guten gewinnen, denn die Guten gewinnen nur zufällig, und in dieser nassen und dunklen, dieser stern- und sonnenlosen Nacht gibt es nicht einmal den Zufall, ich darf nicht fallen, ich muss weiter laufen, also laufe ich, immer die Straße entlang, mitten auf der Fahrbahn, zwischen den sternenschluckenden Straßenlampen über den nass glänzenden Asphalt, immer weiter, obwohl es nicht so aussieht, als käme ich weiter, ich laufe an einer Straßenlampe nach der anderen vorbei, und eine sieht wie die andere aus, sodass ich nicht weiß, ob ich voran komme, ob ich wirklich weiter komme oder immer wieder an derselben Straßenlampe vorbeilaufe, ich könnte auch im Kreis laufen, wenn die Straße nicht so gerade aussähe, wie sie so nass und glänzend unter den Straßenlampen liegt, und ich frage mich, ob es mir helfen würde, wenn ich die Sterne sähe, ob ich mich daran orientieren könnte wie die Seefahrer früher, wenn sie über das nasse und glänzende Meer fuhren und wissen wollten, ob sie voran kamen, ob sie wirklich weiter kamen oder nur in die Irre fuhren, aber es ist sinnlos, darüber nachzudenken, denn ich sehe keine Sterne, ich sehe auch kein Meer, nur die Nässe auf dem Asphalt, und sie ist so flach, dass ich mich nicht mehr erinnern kann, ob es überhaupt ein Meer gibt oder ob es nur ein Märchen ist, das man Kindern erzählt, damit sie der Vergangenheit vertrauen, wie die Geister und die Helden und die Gerechtigkeit und das Ende der Geschichte, denn die Geschichte ist nicht zu Ende, sie geht immer weiter, wie diese Straße, und ich laufe und…

 

(30.11.2014, 528 Wörter.

Kurze Erinnerung: Die Abstimmung zu Probleme, Teil 5 ist noch offen.)

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ein Kommentar

  1. Ein fortlaufender Text! Wie schön. ;-)

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