Post für Ole

Wie jeden Morgen heizte Ole als erstes den Ofen wieder an, setzte das Kaffeewasser auf und ging dann zum Waschen hinter das Haus. Es hatte über Nacht gefroren, und im Schein seiner Laterne hackte er das Eis im Brunnen auf, um dann einen Eimer kalten Wassers hochzuholen. Er beeilte sich mit seiner Morgenwäsche – Ole war nun wirklich kein Weichei, aber heute war kein Wetter, um lange zu planschen.

Als er wieder das Haus betrat, begrüßte ihn der Wasserkessel mit einem fröhlichen Pfeifen. Ole lächelte. Er löffelte großzügig Kaffeepulver in eine Kanne und goss sie auf. Dann holte er die alte, zerbeulte Pfanne aus dem Schrank und legte ein paar Streifen Speck hinein. Sobald sie ordentlich Fett gelassen hatten, schlug er drei Eier dazu, und bis die gar waren, war auch der Kaffee fertig.

Ole frühstückte auf dem Bett sitzend. Der einzige Raum seiner Behausung war klein und sparsam möbliert, und da Stuhl und Tisch wie immer voller Papier und Werkzeug waren, blieb ihm nichts anderes übrig. Nicht, dass es ihm etwas ausgemacht hätte. Ole hielt nicht viel von Verschwendung, und ein Möbelstück für zwei unterschiedliche Zwecke zu gebrauchen, schien ihm kluge Raumnutzung. An den seltenen Tagen, an denen Besuch kam, räumte er allerdings den Tisch leer; eine Vorratskiste musste dann als zweites Sitzmöbel herhalten.

Nach dem Essen zog Ole sich endlich an. Auch das war ein Luxus, den ihm nur das Alleinleben gestattete: So rumzulaufen, wie es ihm passte, ohne auf den Geschmack anderer Rücksicht nehmen zu müssen. Er kratzte sich den struppigen Bart und lächelte zufrieden. Ja, er hatte ein gutes Leben.

Er kleidete sich langsam und sorgfältig. Die Kälte zog in jede Ritze, das wusste er, und so achtete er genau darauf, dass jeder Saum festgesteckt und jedes Stück seines Körpers bedeckt war. Endlich war er fertig und trat hinaus.

Es war noch immer dunkel, aber das Licht der Sterne reichte, um den Weg zur Wetterstation zu finden, den er selbst im Schlaf kannte. Trotzdem nahm er die Lampe mit. Dort angekommen, prüfte er als erstes den Dieselgenerator, der die Instrumente mit Strom versorgte. Er lief einwandfrei, und der Tank war noch halb voll. Die nächste Lieferung war… Ole rechnete. In einem Monat, und zwar auf den Tag genau, und das hieß, dass er heute die Auswertung abgeben musste… Verdammt. Wie spät war es? Ole trug keine Armbanduhr, und er hatte auch kein Handy – hier gab es sowieso keinen Empfang. Seine einzige Uhr war der Wecker neben seinem Bett. Na gut, so spät konnte es noch nicht sein, und selbst wenn, jeder wusste, wo er steckte. Nur den Gedanken, auf dem Rückweg von der Station noch nach ein paar Kaninchen Ausschau zu halten, konnte er wohl vergessen. Dann eben wieder Dosenessen.

Rasch schlüpfte Ole ins Innere der Station und knipste das Licht an und seine Lampe, mit der er den Generator untersucht hatte, wieder aus. Die Instrumente tickten vor sich hin und spuckten Papierschlangen aus. Ole prüfte sie alle, ölte das Windrad auf dem Dach, legte an einer Stelle eine neue Papierrolle ein und nahm dann die Ergebnisse des letzten Tages und der Nacht mit. Auf dem Rückweg ließ er die Lampe wieder aus. Batterien waren schwer und deshalb hier draußen selten, und die Kälte machte ihnen zu schaffen, also sparte er sie, wo er konnte. Inzwischen hatte es auch begonnen zu dämmern. Ole fluchte leise. Normalerweise hätte er sich über dieses kleine Lebenszeichen der Sonne gefreut, immerhin sah er sie im Winterhalbjahr nur selten, doch um diese Zeit des Jahres hieß das, dass es schon nach elf Uhr sein musste, und er hatte noch nichts ausgewertet.

Ole hasste Hektik. Die Ruhe und Eintönigkeit des Lebens auf dieser Insel waren, neben der absoluten Menschenleere, unter den größten Anreizen dieses Job gewesen, aber offensichtlich hatte er sich heute mit dem Frühstück zu viel Zeit gelassen, und jetzt musste er sich beeilen. Das letzte Stück zum Haus rannte er fast.

Drinnen war es inzwischen mollig warm. Ole warf Jacke und Schal zur Seite und schmiss die Ergebnisse auf den Tisch. Dann nahm er den Stapel Papier vom Stuhl, hängte die Axt, die dort als Briefbeschwerer gedient hatte, neben die Tür, und sah den Packen rasch durch. Sah ganz gut aus. Er schob die Papiere, wie sie waren, in einen dicken Umschlag und warf ihn aufs Bett. Dann setzte er sich auf den frisch befreiten Stuhl und nahm die neuen Daten zur Hand.

Er war so vertieft in seine Arbeit, dass er nicht merkte, wie es vor dem Fenster heller wurde. Erst das Knattern des Hubschraubers riss ihn aus seiner Versenkung, aber er sah nur kurz auf und arbeitete dann hektisch weiter. Der Motor draußen kam näher, wurde lauter und verstummte schließlich. Ole schrieb weiter.

Kurz darauf klopfte es, und jetzt erst sah Ole auf. Er stellte die Lampe auf das, was er gerade bearbeitete, um es vor dem Herunterfallen zu bewahren, und öffnete dann die Tür.

„Hallo Ole!“, begrüßte ihn die Hubschrauberpilotin. „Na, alles fertig?“

„Hej Svenja“, brummte er und schloss die Tür hinter ihr. „Scheiße, nein, ich hab’s noch nicht geschafft. Mach dir nen Tee, bin gleich fertig.“

„Alles klar“, Svenja klopfte ihm auf die Schulter. Während er sich wieder an den Tisch setzte, stellte sie das Paket, das sie unter einem Arm trug, neben ihn, legte einen Stapel Briefe darauf und füllte dann den Kessel aus dem Vorratskrug. „Du musst demnächst wieder Wasser holen“, empfahl sie. „Ist nicht mehr viel drin.“

„Hm“, brummte Ole. Dann schaute er auf. „Was’n das?“, fragte er und zeigte auf das Paket. Svenja grinste. „Post für dich. Was sonst?“

„Post? Wer schickt mir denn n ganzes Paket?“

„Der Nikolaus“, Svenja lachte. Ole zog die Stirn kraus und kritzelte etwas auf das Formular vor ihm. Dann legte er den Stift beiseite, klopfte den Stapel Papier glatt und steckte ihn in einen weiteren dicken Umschlag, den er geschickt neben den ersten aufs Bett warf.

„Da. Fertig.“ Er schaute sie an. Dann fügte er hinzu: „Kannst aber gern auf nen Tee bleiben.“ Er zuckte mit den Schultern. Reden war nun wirklich nicht sein Ding, nicht mal mit Svenja. Auch wenn er sich jedes Mal über ihr Kommen freute, wusste er nie, was er zu ihr sagen sollte. Zum Glück hatte sie auch kein Problem damit, mit ihm zu schweigen.

Svenja lächelte. „Gern. Vielen Dank! Willst du auch ne Tasse?“ Er nickte. Sie holte zwei Tassen aus dem Regal und zwei Teebeutel aus der Metalldose daneben. Dann lehnte sie sich an den Küchenschrank und fragte: „Willst du dein Paket nicht aufmachen?“

Ole warf ihr einen misstrauischen Blick zu. „Vorräte sind doch erst nächsten Monat wieder dran. Und das wär auch verdammt wenig.“

Sie grinste. „Mach’s doch einfach auf.“

Er stellte das Paket auf den Tisch, der jetzt wieder halbwegs frei war. Dann griff er nach einem Küchenmesser, schlitzte die Klebestreifen auf und hob den Deckel ab.

„Geschenke?“, fragte er ungläubig, als er die kleinen, bunten Päckchen im Inneren sah. Er nahm das oberste heraus und riss das Geschenkpapier ab. „Schokolade?“ Er starrte Svenja an, und sein Mund zuckte.

Sie lachte. „Hast du hier oben das Zeitgefühl komplett verloren? Gestern war Nikolaus! Die Jungs und Mädels im Institut haben für dich gesammelt. Schließlich kriegst du neue Vorräte erst wieder im Januar, und wir fanden, dass du schon vorher was Nettes verdient hast. Immerhin sitzt du hier seit Monaten ganz allein. Du darfst dir auch aussuchen, was du jetzt schon aufmachst und was erst an Weihnachten“, fügte sie hinzu.

Ole starrte erst sie an, dann die Schokolade. Damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet. Er konnte nicht gut mit Menschen, das wusste er, und er war auch meistens lieber allein, deshalb hatte er sich schließlich auf diese Stelle beworben. Und jetzt hatten sie im Institut gesammelt, nur um ihm Schokolade zu schenken? Er schüttelte den Kopf. Mochten die ihn etwa?

„Wir?“, hakte er nach, „du auch?“

Sie wurde tatsächlich rot. „Ja, ich auch“, bestätigte sie. „Du wirst meines dann schon erkennen.“

Ole wollte nachfragen, aber in diesem Augenblick pfiff der Wasserkessel.

 

(07.12.2014, 1343 Wörter)

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3 Kommentare

  1. Wie jetzt? Was schenkt sie ihm? Eine Uhr? Ein Handy? Menno! Voll gemein das! :D

    Spaß beiseite und dickes Lob. Diese Geschichte fesselt. Wird da mehr draus?

    1. Danke :-)

      Hm, ich glaube, es bleibt bei dieser einen Geschichte über Ole. Aber vielleicht sucht er mich eines Tages noch mal heim und will mehr…

  2. Ich sehe die Station und die Einsamkeit richtig vor mir. Sehr Atmosphärisch und wunderbar beschrieben. Mehr von solchen Geschichten.

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