Wolken gucken

Wir lagen auf einem Hügel, meine Freundin Sandra und ich, und suchten nach lustigen Formen in den Wolken, damals, an jenem Tag. Es war ein sonniger Frühsommertag, und der Himmel hatte dieses leuchtende Gute-Laune-Blau, das man aus der Fernsehwerbung kennt. Die Wolken zogen recht schnell über uns hinweg, und so entdeckten wir immer neue Formen: „Schau mal da, ein Elefant!“ – „Und das, sieht das nicht aus wie eine Schildkröte?“ Manchmal stritten wir uns auch, ob diese eine große Wolke eher ein Vogel mit drei Flügeln oder eine Palme mit einer übergroßen Kokosnuss war. Es war ein gut gelaunter Streit, wie man ihn mit Freunden hat, wenn der Tag schön ist und man sonst keine Probleme hat.

Es war eine gute Zeit. Ein guter Tag.

Der letzte seiner Art.

Wir lagen im Gras, das herrlich grün war, dieses Frühsommergrün, bevor die Hitze es zu bräunen beginnt. Es war ein Samstagnachmittag, das weiß ich noch genau; wir hatten ausgeschlafen und uns zum Mittagessen getroffen und waren danach durch den Park gelaufen, und irgendwann taten uns die Füße weh, also legten wir uns auf den Hügel und guckten die Wolken an. Wer angefangen hat, ihren Formen Namen zu geben, weiß ich nicht mehr, aber irgendwann waren wir beide voll dabei.

Es wurde zu einem Wettbewerb, erst darum, wer am schnellsten eine Figur erkannte, dann, wer die absurdesten Dinge fand – „Ein Wasserdrache!“ – „Ein Boot mit einem Krokodil als Steuermann!“ – „Ein Schmetterling, der auf dem Matterhorn landet!“ –, sodass mein Gehirn erst einmal zu den abgefahrensten Ideen sprang, deren ich fähig war, als Sandra plötzlich fragte: „Was ist das?“

Ich schaute in die Richtung, in die sie zeigte, und sah erst einmal eine ziemlich langweilige Wolke ohne besondere Form. „Ähm… eine Insel?“, schlug ich vor, „mit zwei Bergen, die wir nur nicht sehen, weil sie in die andere Richtung zeigen?“

„Nein, das da“, sie wedelte mit der Hand, um meinen Blick zu lenken. „Das ist keine Wolke. Oder?“

Ich sah genauer hin. Nein, das war keine Wolke. Wolken sollten weiß sein, um diese Tageszeit, aber das fluffige Gebilde, das sich jetzt sternförmig ausbreitete, war orangerot.

„Sieht fast aus wie ein Feuerwerk“, bemerkte ich. „Oder eine Explosion.“

Wir wechselten einen Blick und schauten dann wieder hoch.

„Meinst du, da ist ein Flugzeug verunglückt?“, fragte Sandra leise. Ich schüttelte den Kopf. Nicht, weil ich mir das nicht vorstellen konnte, sondern weil ich das nicht wollte. Ich hatte sofort Bilder im Kopf, von brennenden Flugzeugen, Wrackteilen, verzweifelten Passagieren im freien Fall… Sowas gab es nur in Filmen, sagte ich mir und verdrängte hartnäckig, was ich eigentlich wusste.

„Da!“, sagte Sandra plötzlich und zeigte ein Stück rechts davon. Eine neue orangerote Wolke blühte auf und explodierte sternförmig. Dann noch eine und noch eine. Ich war erleichtert. Ein einzelnes Flugzeugunglück konnte ich mir noch vorstellen, aber ein halbes Dutzend, und alle gleichzeitig in der gleichen Gegend? Es musste etwas anderes sein, etwas harmloseres.

Inzwischen hatten auch andere das Feuerwerk, oder was auch immer es war, bemerkt. Nach und nach drehten sich alle Gesichter im Park nach oben, und alle rätselten, was das sein könnte. Eine Flugschau, vermutete jemand in Hörweite, und natürlich hörte ich auch irgendjemanden „Chemtrails!“ rufen, aber Spinner gibt es eben überall.

„Vielleicht Außerirdische“, schlug ich vor, immer noch auf unser Spiel eingestimmt und mit der Scherzhaftigkeit, die meine Erleichterung mit sich brachte. Es war kein Flugzeugabsturz, was mir eben noch die schlimmste Möglichkeit erschienen war, also musste es irgendetwas komplett harmloses sein, also konnte ich dumme Witze darüber machen.

Dass es kein Witz war, erfuhr ich erst am Abend, nachdem wir uns leichten Herzens verabschiedet hatten und jede nach Hause gegangen war. In meiner stillen Wohnung machte ich als erstes das Radio an, aber statt Musik scholl mir die Stimme des Nachrichtensprechers entgegen: „…über allen größeren Städten der Welt abgeworfen. Die unbekannte Substanz ist hochgradig gesundheitsgefährdend. Bitte verlassen Sie bis auf Weiteres Ihr Haus nur, wenn es unbedingt nötig ist. Halten Sie Türen und Fenster geschlossen. Schützen Sie Ihre Atemwege mit Tüchern und Schals. Wenn Sie Symptome feststellen, suchen Sie sofort ein Krankenhaus auf. Vermeiden Sie Panikreaktionen…“

Ich lauschte fassungslos. Hatte das mit den seltsamen Wolkenexplosionen zu tun? Hatte die Substanz mich etwa auch erwischt? Schließlich war ich lange draußen gewesen. Ich rannte durch die Wohnung und prüfte, ob alle Fenster geschlossen waren. Dann lauschte ich auf meinen Atem. Klang da etwas ungesund? Was waren die Symptome, von denen das Radio gesprochen hatte? Ich hatte offenbar etwas Wichtiges verpasst. Ich drehte das Radio lauter und setzte mich, um mein klopfendes Herz zu beruhigen.

Der Radiosprecher hatte seine Durchsage inzwischen offenbar beendet. Ich fluchte kurz. Hatte ich etwas Wichtiges verpasst? Jetzt interviewten sie einen Fachmann, ich hatte nicht mitbekommen wofür. Vielleicht für Giftgas?

„…wissen wir denn über die Schiffe?“, fragte der Interviewer, und ich verdrehte die Augen. Wer interessierte sich denn jetzt für Schifffahrt? Doch der nächste Satz ließ mich aufhorchen.

„Nicht viel“, antwortete der Gast – er war wohl per Telefon zugeschaltet, und die Leitung war nicht besonders gut. „Es ist aber sicher, dass sie nicht aus unserem Sonnensystem stammen, womöglich nicht einmal aus unserer Galaxie. Sie haben offensichtlich eine weit überlegene Abschirmtechnik, aber für die Abwürfe müssen sie den Schirm öffnen, und wir haben natürlich inzwischen alle Teleskope auf ihre Orbitalbahnen gerichtet. Anhand der Spektralanalyse können wir sagen, dass die Isotopenverteilung keinem bisher vermessenen Stern entspricht, und es gibt Hinweise, dass sie aus dem System eines Sterns der intermediären Population II-“

„Können Sie das für unsere Hörer in einfachen Worten zusammenfassen?“, unterbrach der Interviewer. Der Gast machte eine kurze Pause, als müsse er all diese Informationen selbst erst einmal übersetzen, dann sagte er: „Die Schiffe bestehen aus chemischen Elementen, die in unserem Sonnensystem so nicht vorkommen. Sie stammen möglicherweise aus einer ganz anderen Galaxie, oder zumindest aus einem weit entfernten Teil der Milchstraße, und der Stern, aus dessen System sie stammen, ist vermutlich älter als unsere Sonne. Wie sie allerdings hierher gekommen sind, ist uns ein Rätsel.“

„Warum hat man sie eigentlich nicht fürher entdeckt?“, fragte der Interviewer, und ich meinte, einen Vorwurf in seiner Stimme zu hören.

„Das ist ein Teil des Rätsels“, gab der Fachmann zu. „Sie sind plötzlich aufgetaucht, wir können nirgendwo in unseren Beobachtungen Spuren einer Annäherung entdecken. Es ist, als hätten sie sich in unser Sonnensystem gebeamt.“

„Ist das möglich?“

Wieder schwieg der Gast kurz. Dann antwortete er: „Gestern hätte ich Ihnen gesagt: ‚Nein, absolut unmöglich.‘ Aber sie sind hier, nicht wahr? Wir haben ihre Annäherung nicht bemerkt, sie kommen von unvorstellbar weit weg, und jetzt sind sie hier. Ich weiß nicht, was ihnen möglich ist.“

Ich schüttelte den Kopf. Das konnte doch alles nicht wahr sein. War das ein Hörspiel, so wie damals Orson Welles‘ „Krieg der Welten“-Adaption? Doch der Interviewer moderierte unbeeindruckt weiter: „Vielen Dank, Dr. Meller. Das war Dr. Meller von der Europäischen Raumfahrtagentur, live aus Paris. Die ESA bemüht sich weiterhin um Kontaktaufnahme mit den fremden Raumschiffen, die heute Nachmittag über mehreren großen Städten weltweit Gasbomben mit einer noch unbekannten Substanz abgeworfen haben und sich seitdem im Orbit um die Erde befinden. Wir halten Sie auf dem Laufenden. Bis wir mehr wissen, bitte wir Sie um äußerste Vorsicht. Die unbekannte Substanz ist hochgradig gesundheitsgefährdend. Bitte verlassen Sie bis auf Weiteres Ihr Haus nur…“, und er wiederholte die Warnung, die ich zu Beginn gehört hatte.

Ich stellte das Radio aus und fuhr den Computer hoch, doch das Internet bestätigte nur, was ich gehört hatte. Die Wolkenexplosionen waren Gasbomben gewesen, Gasbomben von Außerirdischen, und ich hatte vermutlich literweise von dem Zeug eingeatmet. Und Sandra auch. Ich griff zum Telefon, um sie anzurufen, als es klingelte. Sie hatte offensichtlich gerade dieselbe Idee gehabt.

Nachdem wir uns gegenseitig bestätigt hatten, dass es uns noch gut ging, besprachen wir die Ereignisse.

„Außerirdische“, murmelte ich. „Dabei wollte ich doch nur einen Witz machen.“

„Ob das wohl Absicht war?“, fragte Sandra. Ich verstand erst nicht. „Was?“

„Na, dass das Zeug giftig ist. Meinst du, das war ein Angriff?“

Ich schluckte. „Ein Angriff? Doch ‚Krieg der Welten‘? Das… das gibt es nur in Science-Fiction-Geschichten, oder? Nicht in echt.“

„Ich weiß es nicht“, antwortete sie. „Aber sie tauchen hier einfach auf, werfen Giftgas ab und versuchen nicht, mit uns zu kommunizieren… Ich glaube nicht, dass sie in friedlicher Absicht kommen.“

Ich wusste keine Antwort darauf, und so beendeten wir das Gespräch bald. Es dauerte nicht lang, bis sich herausstellte, dass sie richtig lag. Trotzdem war ich später dankbar, dass wir damals, an jenem Tag, noch so einen schönen Nachmittag miteinander gehabt hatten. Es war der letzte normale Nachmittag, und in damit zu verbringen, mit einer guten Freundin nach lustigen Formen in den Wolken zu suchen, war sicher nicht das Schlechteste. Noch heute schaue ich manchmal in den Himmel, und wenn ich ein Stück Blau erhasche, dieses leuchtende Gute-Laune-Blau, das manchmal noch hervorblitzt, dann denke ich an diesen Nachmittag mit Sandra, und es gelingt mir für einen Moment, zu vergessen, dass diese Welt unwiderbringlich verloren ist.

 

(14.12.2014, 1508 Wörter. Ob das wohl dieselbe Welt ist wie in dieser Geschichte?

Kleiner Hinweis: Letzte Chance, bei Probleme, Teil 5 mit abzustimmen! Demnächst schließe ich die Abstimmung und schreibe die Fortsetzung.)

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3 Kommentare

  1. Sehr düster. Aber nicht beängstigend. Es gibt immer einen Schimmer Hoffnung(sblau) :-)

  2. Wie geht es jetzt weiter? Was ist in der Zwischenzeit passiert? Ich poche auf ,,mehr“! ;-)

    1. Dann habe ich ja einen guten Vorsatz fürs neue Jahr… ;-)

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