Ein Eisbär auf Reisen

Der Eisbär sah sich um. Es war weiß unter seinen Füßen, und zu seiner Rechten erstreckte sich ein gischtgekröntes Meer bis zum Horizont – so weit, so gut. Doch er fühlte sich nicht gut. Er fühlte sich… warm? Ja, ihm war viel zu warm, und das weiße Zeug unter seinen Pfoten war auch nicht flockig-kalt oder eisig-fest, sondern heiß und krümelig. Er steckte die Nase hinein, um daran zu riechen, und zog sie sofort wieder zurück. Das war kein Schnee. Das war Sand!

Er setzte sich auf den bepelzten Hintern und dachte nach. Wie war er in diese Situation gekommen? Er versuchte sich zu erinnern. Da war dieser Pappkarton gewesen, der einem der Zoobesucher über die Mauer gefallen war. Das Menschenjunge hatte ziemlich traurig gewirkt deswegen, und das hatte den Eisbären neugierig gemacht. Also war er in den Wassergraben gesprungen, der ihn von der Mauer trennte, und hatte den Pappkarton herausgefischt. Er hatte interessant gerochen, der Pappkarton, nach Menschengerüchen und fremdartigen Dingen, und so hatte der Eisbär seine Nase tiefer und tiefer hineingesteckt, während er an fremde Länder dachte, in denen es nach fremdem Essen roch, und irgendwann musste er wohl ganz hineingeschlüpft sein.

Eigentlich seltsam, dass er, ein ausgewachsener Eisbär, in einen Pappkarton gepasst hatte, wie ihn ein Menschenjunges mit sich tragen konnte, fiel ihm auf. Irgendetwas musste an dem Pappkarton gewesen sein, etwas unnormales. Und der Pappkarton musste auch daran schuld sein, dass er nun hier auf einem Sandstrand saß, dessen tropische Wärme langsam durch den Pelz seines Hinterteils aufstieg. Er schüttelte den Kopf. Menschen und ihre seltsamen Dinge. Er sollte sich wirklich von ihnen fernhalten. Außer von dem einen, netten, der immer die Fische brachte. Aber der roch schon kaum nach Mensch, der war sicher kein echter.

Bei diesem Gedanken bekam der Eisbär Hunger. Er sah sich um. War der nette Mensch mit den Fischen in der Nähe? Es sah nicht so aus. Wo sollte er denn hier nur Futter herkriegen?

Er schaute zum Meer. Es roch leicht nach Fisch, und er wusste, dass Fische ursprünglich aus dem Meer stammten. Ob er dort einen fangen konnte? Er stand auf und trabte auf die Brandung zu. Dann steckte er vorsichtig eine Pfote ins Wasser. Es war erstaunlich warm, gar nicht so kühl und erfrischend, wie er gehofft hatte, aber wenn es darin Futter gab, war das schon in Ordnung.

Er schnupperte ein wenig an den Wellen. Ja, er roch Fisch, aber nur schwach und weit weg. Und das Meer war so groß! Ob er hier wirklich etwas finden würde? Jedenfalls war kein Fisch in Sichtweite.

Zögernd sah er in die andere Richtung. Da begann ein Wald aus seltsamen Bäumen, Bäumen ohne Äste mit langen, spitz zulaufenden Blättern, an denen große, runde Nüsse hingen. Er hatte so etwas noch nie gesehen. Ob darin wohl Menschen wohnten, die ihm Futter geben würden, ohne dass er lange suchen musste?

Da blieb sein Blick an etwas hängen, das auf dem weißen Sand lag. War das der Pappkarton, der ihn hierher gebracht hatte? Und wenn ja, würde er ihn auch zurückbringen?

Er lief schnell hin und beschnupperte das Ding. Es roch noch immer fremdartig, aber ein bisschen auch nach zu Hause, nach Fisch und Regen und Menschenmassen und seinen Eisbärkumpels. Er steckte die Nase tiefer und tiefer hinein, während er an sein Gehege dachte, in dem es nach Futter und Freunden roch, und irgendwann musste er ganz hineingeschlüpft sein, denn um ihn herum war plötzlich nur noch Pappe.

Rasch kroch er wieder heraus. Eisbären gehörten nicht in Pappkartons. Er schütttelte den Kopf und sah sich um. Da war ja sein bester Freund! Er rief ihm etwas zu, aber der andere Eisbär drehte sich nicht einmal um. Was hatte er denn plötzlich gegen ihn?

Da sah er, worauf sich alle Eisbären konzentrierten: Der nette Mensch mit den Fischen war da! Jetzt fiel ihm auch wieder ein, wie hungrig er war, und rasch drängte er sich zu den anderen, um einen guten Happen zu erwischen.

Der Pappkarton, auf den eine Kinderhand in krakeliger Schrift „Teleporter“ geschrieben hatte, rutschte in den Wassergraben und löste sich, von den Eisbären vergessen und vom Wärter übersehen, langsam in braune Soße auf.

 

(28.12.2014, 692 Wörter)

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7 Kommentare

  1. Eine sehr schöne Geschichte! Ich hatte schon Angst um den Eisbären. Zum Glück ist er wieder aus dem Karton heraus geklettert.

    1. So kurz nach Weihnachten muss es doch ein Happy End geben :-)

      Danke für das Kompliment!

  2. Sehr cool:-) Gefällt mir, wie der Teleporter sich einfach in Wasser auflöst.

    1. Ist halt ne Pappschachtel, die überlebt nicht lang im Wasser ;-)

  3. Wie war das noch: Eisbären müssen nie weinen. :D

  4. Zum Glück hat er es zurückgeschafft. :)

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