Leerstelle

Es ist spät. Ich bin wieder zu Hause, nach einem langen Tag. Ich schalte das Licht ein und hänge meinen Mantel an die Garderobe. Er ist der einzige, der dort hängt, und die leeren Haken daneben erinnern mich wieder an das, was ich zurückgelassen habe, als ich heimfuhr.

Ich will „Hallo!“ rufen, „bin wieder zu Hause!“, aber natürlich ist das sinnlos, wer sollte mich hören? Stattdessen stelle ich still die Schuhe zur Seite und gehe in die kalte Küche. Ich habe schon lange nicht mehr für nur eine Person gekocht.

Ich habe wenig Lust, das ausgerechnet jetzt wieder zu lernen.

Es bleibt bei einer Tütensuppe. Etwas Warmes muss sein, finde ich, an diesem kalten Abend. Ich habe viel gefroren heute, und auch jetzt wird mir nicht richtig warm. Ich drehe die Heizung hoch, aber die Kälte kommt nicht nur von draußen. Die Suppe hilft, aber nicht viel. Schokolade hilft ein bisschen besser, aber noch immer nicht genug.

Draußen ist es dunkel. Ich gehe durch die Wohnung und mache alle Lampen an. Dann gehe ich wieder in die leeren Räume und schalte das Licht dort aus. Stromverschwendung. So viele Lampen, die niemand sieht. So viele Räume, die niemand bewohnt.

Schließlich ziehe ich mich ins Wohnzimmer zurück, kuschle mich in die Sofaecke und wickle mich in eine Decke. Mir ist immer noch kalt, irgendwie, auch wenn die Heizung gemütlich bollert und ich Decke um Decke auf meine Füße häufe.

Mir ist noch nie aufgefallen, wie groß das Sofa ist.

Irgendwann gehe ich ins Bett. Es ist spät, ich muss morgen früh aufstehen, es war, wie gesagt, ein langer Tag und ich bin müde. Es gibt hundert gute Gründe, jetzt schon ins Bett zu gehen, und einen, der den Ausschlag gibt. Doch auch im Bett bin ich allein. Ich stopfe mir ein Kissen in den Nacken, eines in den Rücken, ein drittes zwischen die Füße, um sie endlich, endlich warm zu bekommen, aber es liegt immer noch eine Decke zu viel da, und die Matratze ist so groß, dass ich das Gefühl habe, auf einer leeren Hochebene zu liegen, über die der Wind pfeift. Ich stehe noch einmal auf und prüfe alle Fenster und Türen. Sie sind geschlossen, und ich kann keinen Durchzug finden.

Ich lege mich wieder ins Bett, stopfe die Kissen fest, wickle die Decken um mich. Ich fühle mich, als würde der Wind um meine Nase pfeifen.

Ich hülle mich fester ein, verstecke mich unter den Decken, kneife die Augen zu, und ich kann mir eine Weile lang vorstellen, dass alles in Ordnung ist, alles wie immer, dass ich morgen aufwachen werde und alles an seinem Platz sein wird, aber dann fällt mir der leere Garderobenhaken ein, die kalte Küche, die zu großen Töpfe und zu zahlreichen Zimmer und das zu breite Sofa und die doppelte Anzahl an Kissen und Decken auf dieser breiten, leeren Matratze, über die ein Wind heult, der von nirgends kommt, von nirgends als von dieser Leerstelle in mir, und ich weiß, dass nichts in Ordnung ist, nichts ist an seinem Platz, zumindest das eine, wichtige nicht, und es wird für sehr lange Zeit an einem anderen Platz sein.

Ich werde wieder lernen müssen, für nur eine Person zu kochen.

 

 

(04.01.2015, 534 Wörter. Jaja, mir geht’s ja sooo schlecht, ich bin der erste und einzige Mensch, der je in einer Fernbeziehung leben musste… Wir werden das schon hinkriegen. Man gewöhnt sich an (fast) alles, und es gibt ja auch so schöne Erfindungen wie E-Mail, Skype und – für Notfälle – die Deutsche Bahn. Aber heute ist der erste Abend unserer Fernbeziehung, und da tu ich mir eben ein bisschen leid, und ihr dürft mitlesen und über mich lachen. Ab morgen lache ich wieder mit, versprochen!)

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16 Kommentare

  1. Der erste Abend ist natürlich schlimm. Ich wünsche dir, dass diese neue Erfahrung viele positive Aspekte mit sich bringt!

    1. Danke :-) Das wird sie bestimmt.

  2. moma58 · · Antwort

    In diesem Fall werde ich nicht über dich lachen. Ich kann nur verständnisvoll nicken:-)

    1. Das ist lieb :-) Darf ich daraus schließen, dass du auch schon Fernbeziehungserfahrung hast? Ich hoffe, es läuft trotzdem gut für euch!

      1. moma58 · ·

        Nein so zu sagen nicht direkt. Doch ich hatte eine Beziehung die ich nicht öffentlich leben konnte, eine Zeit lang. Jedoch nun leben wir seit 23 öffentlich zusammen. Wir haben uns getraut:-)

      2. Das war sicher auch hart. Aber ich freue mich für euch, dass ihr euer Happy End hattet!

      3. moma58 · ·

        Danke

  3. Schniiiiieeeeeeeeeeeef. Du Arme. Es ist aber auch hart, wenn man es nicht gewohnt ist! Und selbst wenn mans gewohnt ist, ist es immer wieder schlimm, wenn man sich grad erst gesehen hat, sich wieder umzugewöhnen. Ich verstehe dich. u.u

    1. Danke für die lieben Worte! Wir kriegen das schon hin – ihr seid uns ja ein gutes Vorbild ;-)

  4. Ich lache nicht. Yuki und ich hatten ebenfalls eine Fernbeziehung. Wir haben es geschafft. Und du wirst das auch. Noch Schokolade? :-)

    1. Schokolade? Immer her damit! Vielen Dank :-) Und natürlich danke für die lieben Worte. Ich freue mich, dass ihr das gut überstanden habt; eure Beziehung klingt in deinen Beiträgen immer so eng und liebevoll, dass es einfach Spaß macht, darüber zu lesen.

      1. Wir sind 2 endlose Jahre gependelt Das war hart. Aber wer mich kennt weiß, wie ich Schwierigkeiten meistere :-)

  5. Dann war ich gestern Abend also nicht der einzige, dem es so ging – nur das bei mir noch die Nevosität für den neuen Job hinzu kam, die mich am schlafen gehindert hat…

    1. Du Armer :-( Ich hoffe, das wird heute Nacht besser :-)

  6. fühle gerade fast genau das, was du da schreibst.. also alleine bist du nich.

    1. Danke :-) Es wird besser. Bestimmt auch für dich.

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