Die Wilde Jagd (Teil 1)

Es knallte. Heinrich sprang auf und lief zum Fenster.

„Verdammt, der Laden hat sich losgerissen!“ Er warf Katharina, seiner Frau, einen verzweifelten Blick zu. „Ich versuche ihn schnell zu reparieren. Noch ist es nicht so schlimm draußen..“

„Oh Heinrich“, Katharina hob die Hand, wie um ihn festzuhalten, ließ sie dann aber wieder sinken. Ihr Ton, die resignierte Geste sprachen Bände. Heinrich zuckte hilflos mit den Schultern.

„Ich muss. Wenn ich das nicht gleich in Ordnung bringe, reißt der Sturm den Fensterladen womöglich ganz ab, und dann könnte das Fenster zerbrechen… und du weißt, was das heißt.“

Katharina nickte. „Pass auf dich auf“, sagte sie leise. „Sie kommen bald. Ich will dich nicht verlieren.“

Heinrich nickte zurück. Dann zog er den Mantel an und band sich seine Mütze mit einem Schal am Kopf fest. Er atmete noch einmal tief durch, packte den Werkzeugkasten und öffnete die Tür.

Sofort riss sie ein Windstoß aus seiner Hand und schlug sie krachend gegen die Hauswand. Das Kaminfeuer flackerte, und Katharina hielt ihr Strickzeug fester. Heinrich hängte sich mit seinerm ganzen Gewicht daran, und schließlich gelang es ihm, die Tür wieder zu schließen.

Jetzt stand er allein draußen. Er pressste sich an die Hauswand, um nicht weggeweht zu werden. Der Sturm war doch schon stärker, als er gehofft hatte, und er fürchtete, nicht mehr viel Zeit zu haben, bevor die Wilde Jagd kam. Ihm schauderte, und es war nicht allein der kalte Wind, der ihm ins Gesicht schlug und an seinen Kleidern zerrte.

Mühsam schob er sich an der Wand entlang auf das kaputte Fenster zu, dessen Laden jetzt wild hin und her schlug. Das obere Scharnier sah schon arg mitgenommen aus, und beim nächsten Schwung sah er, wie die Schrauben daran ein Stück aus der Wand rutschten. Der Wind zerrte und rüttelte daran, als habe er es auf dieses Fenster ganz besonders abgesehen.

Endlich hatte Heinrich die Stelle erreicht. Er musste sich ducken, als der Sturm den Fensterladen nach ihm schlug. Wie sollte er ihn nur befestigen, wenn er ihn nicht einmal greifen konnte, ohne sich dabei die Finger zu brechen?

Wieder packte eine Bö den Laden und schleuderte ihn herum, und dieses Mal hörte Heinrich, wie die Schrauben ein Stück weiter aus der Wand rutschten. Der Sturm heulte triumphierend auf. Und da war noch etwas in ihm, ein anderes Heulen – ein Johlen, von fern noch, aber eindeutig näherkommend. Heinrich schloss die Augen. Dann hob er einen Arm, um seinen Kopf zu schützen, und warf sich mit dem Mut der Verzweiflung gegen den Fensterladen.

Der Sturm warf ihn zurück und schlug ihm gleichzeitig das harte Holz entgegen. Heinrich stolperte und stieß einen Schmerzensschrei aus. Ein höhnisches Lachen scholl zur Antwort aus dem Brausen des Windes.

Heinrich musste sich beeilen. Gleich waren sie hier, und wer dann noch draußen war, gehörte ihnen. Die Wilde Jagd jagte mit dem Sturm, und wenn sie auch nicht wählerisch war, so waren doch Männer in den besten Jahren ihr liebstes Opfer.

Noch einmal warf er sich gegen den Laden, und dieses Mal erwischte er den Augenblick zwischen dem Abflauen einer Bö und dem Stoß der nächsten. Mit seinem Körper drückte er den Laden gegen das Fenster, um die Scheibe zu schützen und den Wind davon abzuhalten, weiter daran zu rütteln. Doch das kaputte Scharnier ließ den Fensterladen schief hängen, und es gelang ihm nicht, ihn wieder an seinen alten Platz zu drücken. Jedes Mal, wenn er versuchte, ihn zu verschieben, fuhr der Wind dazwischen und drückte ihn wieder nach außen, und Heinrich musste seine ganze Kraft aufwenden, um den Laden an Ort und Stelle zu halten.

Und jedes Mal, wenn er sich wieder voller Verzweiflung gegen das Fenster warf, erscholl das Lachen der Wilden Jagd, näher und näher.

 

(11.01.2015, 623 Wörter. Ob er’s wohl schaffen wird? Fortsetzung folgt :-P

Übrigens, wer noch nicht hat: Die Abstimmung für Probleme, Teil 6 ist noch eine halbe Woche lang offen! Ende nächster Woche gibt’s den nächsten Teil.

EDIT: Wer hätte das gedacht? Nach gut zwei Jahren geht es tatsächlich weiter, und zwar mit Teil 2 hier.)

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6 Kommentare

  1. :P Sowas macht man nicht. Wirklich nicht, Man hört an so einer Stelle nicht auf zu schreiben. :P :P :P

    1. Hmmm… doch, es sieht so aus, als würde ich sowas machen :-P

      1. Du bist ja auch gemein. :P

  2. Interessant. Letzte Woche hatte ich auf einem anderen Blog über die Wilde Jagd, die Rauhnächte und die (vermutete) Herkunft geschrieben. Und über die Ähnlichkeit mit einer japanischen Legende, die aber nicht im Winter spielt.

    1. Oh, das klingt interessant! Hast du einen Link?

      1. Ich schrieb: „Die “Wilde Jagd”, wie viele andere Legenden, sind vermutlich in der Frühzeit des Christentums entstanden, als die frühe Kirche auch den Teufel erschuf. Das soll keine Abwertung des westlichen Glaubens sein, es ist lediglich (m)eine nüchterne Betrachtung der Dinge.“

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