Ein Unglückstag

Manche Tage fangen gut an und gehen gut weiter; dieser Tag war keiner davon. Es hatte damit angefangen, dass Mara sich beim Aufstehen den Zeh an ihrem Nachttisch stieß. Sie konnte sich nicht erklären warum; der Nachttisch stand seit Jahren an derselben Stelle, und sie hatte sich noch nie daran gestoßen. Bis heute. Der Gedanke daran war kein Trost, als der Schmerz durch ihr ganzes Bein fuhr.

Fluchend und humpelnd hatte sie den Frühstückstisch gedeckt, und dabei war ihr prompt die Milch aus der Hand gerutscht. Das meiste landete auf dem Küchenboden. Für ihr Müsli blieb gerade mal ein Schluck übrig, und außerdem musste sie jetzt noch den Boden wischen. Im Bad hatte sie versucht, die verlorene Zeit aufzuholen, und hatte sich dabei den Ellbogen gestoßen, an genau der Stelle, an der es am meisten wehtut. Beim anschließenden Anziehen riss ein Knopf von ihrer Bluse und die Hosennaht an ihrem Hintern. Bis sie aus dem Haus kam, war Mara den Tränen nahe.

Der Bus fuhr ihr natürlich vor der Nase weg. Der nächste kam verspätet und war proppenvoll, aber sie musste nun einmal zur Arbeit, also quetschte sie sich zwischen verschwitzte Mitfahrer und ließ sich von Koffern und Kinderwagen einklemmen. Es war so eng, dass sie an ihrer Haltestelle fast nicht mehr aus dem Bus gekommen wäre; ihr Glück im Unglück war, dass die Lichtschranke die Türen am Schließen hinderte.

Draußen angekommen atmete sie erst einmal tief durch. Sie hätte schreien können, oder heulen, oder am besten beides gleichzeitig, aber sie musste professionell und gelassen wirken, also zählte sie langsam bis zehn, fuhr sich durch die Haare, zwang ein Lächeln auf ihr Gesicht und ging erst dann auf die Tür der Kanzlei zu, für die sie arbeitete.

„Einen wunderschönen guten Morgen, Herr Schmidt“, begrüßte sie den Pförtner.

„Guten Morgen, Frau Andersen“, gab er höflich zurück, und Mara wollte sein Lächeln schon als gutes Omen nehmen, als sie ein lautes Knacken hörte und der Boden unter ihrem linken Fuß wegzubrechen schien.

Es war natürlich nicht der Boden, aber der Absatz ihres linken Schuhs hatte sich tatsächlich selbständig gemacht. Sie verzog das Gesicht, brachte ihre Miene aber schnell wieder unter Kontrolle. Achselzuckend zog sie beide Schuhe aus und sagte mit einem schiefen Lächeln zu Herrn Schmidt: „Gut, dass der Boden hier immer so sauber ist!“ Dann schlich sie auf Strümpfen zum Aufzug.

Herr Schmidt blickte ihr ausdruckslos hinterher, und sie meinte, das schadenfrohe Lachen zu sehen, das er unterdrückte, aber sie beschloss, daran keinen weiteren Gedanken zu verschwenden. Wichtiger war, wie sie den Rest des Tages ohne Schuhe überstehen sollte. Nach Hause konnte sie schon noch mit zwei unterschiedlichen Absätzen humpeln, aber was, wenn ihr Chef sie in ein Gespräch bestellte, womöglich mit Klienten? Das würde einen fürchterlichen Eindruck machen. Aber vielleicht konnte sie sich hinter Schreibtischarbeit verstecken, und in der Mittagspause würde sie sich eben irgendwas ins Büro bestellen. Sie seufzte. Wenigstens einmal hatte es etwas Gutes, dass man ihr noch keine eigenen Klienten anvertraute.

Der Aufzug kam und kam nicht. Sie drehte sich zu Herrn Schmidt um.

„Wissen Sie, was da los ist?“

Er zuckte mit den Schultern. „Hat bis eben einwandfrei funktioniert. Ach nee, warten Sie, das sind bestimmt die Handwerker für Etage fünfzehn! Die haben ne Menge Kram mit reingepackt, bestimmt sind die noch am Ausladen.“

„Etage fünfzehn?“ Maras Kanzlei war nur in den Stockwerken dreizehn und vierzehn (sie selbst hatte ihr Büro natürlich im unteren der beiden Stockwerke, und so sehr sie Aberglauben verachtete, war sie doch sicher, dass es einen Grund hatte, warum die gesamte Chefetage eins höher saß). Im fünfzehnten Stock hatte ein Immobilienmakler sein Büro. Baute der etwa um?

„Haben Sie das nicht gehört? Die sind pleite und mussten raus, jetzt wird da alles rausgerissen und neu gemacht für die Nachmieter.“

Oje, das klang nach einer größeren Aktion. Und beide Aufzüge rührte sich noch immer nicht. Sie warf einen Blick auf die Uhr. „Aber die haben doch bestimmt nur einen Aufzug benutzt, oder?“, wandte sie sich verzweifelt an Herrn Schmidt.

Jetzt grinste er doch noch schadenfroh. „Nee, ich sagte doch, die haben ne ganze Menge Kram, dafür haben sie beide Aufzüge gebraucht.“ Er deutete auf die Stockwerkanzeige, und tatsächlich leuchtete auf beiden die 15. Mara schloss die Augen und atmete noch einmal tief durch. Es half nichts, sie musste die Treppe nehmen. Und das auf Socken!

Im Treppenhaus schlüpfte sie erst einmal wieder in die Schuhe. Wenn sie nur mit den Zehen auf die Stufen trat, würde sie den fehlenden Absatz gar nicht merken, und die Steinstufen waren einfach verdammt kalt. Sie lief los, so schnell sie konnte.

Schon im fünften Stock ging ihr die Puste aus. Das war doch noch nicht einmal die Hälfte! Zu dumm, dass sie in den letzten Monaten vor lauter Arbeit nicht mehr dazu gekommen war, ins Fitnessstudio zu gehen; jetzt merkte sie, dass ihr die mühsam antrainierte Kondition schon wieder fehlte.

Sie öffnete die Tür zum Foyer. Vielleicht war inzwischen doch wieder ein Aufzug frei? Nein, beide standen noch immer im 15. Stock. Sie stöhnte leise und ging zurück zur Treppe. Na los, feuerte sie sich selber an, nur noch acht Stockwerke!

Zwischen dem neunten und dem zehnten Stock – sie hatte auf jedem weiteren Stockwerk nach den Aufzügen geschaut, erfolglos – rutschte sie ab und fiel hin. Sie prallte mit dem Knie gegen eine Stufe und konnte sich gerade noch abfangen, bevor auch ihr Kopf nähere Bekanntschaft mit einer Kante machte. Jetzt schossen ihr wirklich Tränen in die Augen, so sehr sie sich bemühte, sie zurückzuhalten. Verdammt noch mal, hatte sich heute denn die ganze Welt gegen sie verschworen?

Mühsam rappelte sie sich wieder auf und humpelte weiter. Ihr Knie tat verdammt weh, das gab bestimmt einen üblen blauen Fleck. Vorsichtig tastete sie durch den Stoff ihrer Hose – nein, wenigstens blutete nichts. Also weiter. Viereinhalb Stockwerke noch.

Als sie im zehnten ankam, hatte sich einer der beiden Aufzüge tatsächlich nach unten in Bewegung gesetzt. Lohnte sich das noch? Egal, Mara hatte keine Lust mehr aufs Treppensteigen, und vermutlich war der Aufzug immer noch schneller im Erdgeschoss und dann wieder oben als sie zu Fuß die letzten drei Stockwerke schaffen würde. Sie drückte auf den Knopf und nutzte die Wartezeit, um wieder zu Atem zu kommen.

Als der Aufzug endlich ankam, klopfte ihr Herz zwar noch immer wie wild, aber wenigstens hatte das Stechen in ihrer Seite aufgehört, und sie atmete fast gleichmäßig. Erleichtert trat sie auf die sich öffnenden Türen zu – und zuckte zusammen.

„G-guten Morgen, Herr Dreher!“, begrüßte sie ihren Chef. Ihr mühsam aufgesetztes Lächeln sah bestimmt furchtbar gequält aus, und – sie warf einen unauffälligen Blick in den Spiegel an der Innenseite des Aufzugs – sie selbst sah nicht besser aus: rotfleckige Wangen, geschwollene Lider, verschmierte Wimperntusche, die sie aussehen ließ, als hätte sie sich für ein Gothic-Konzert geschminkt statt für eine gediegene Kanzlei, und beim Betreten des Aufzugs fiel ihr allzu deutlich auf, dass sie noch immer humpelte (was durch die ungleichen Schuhe noch verstärkt wurde). Sie schluckte, zwang sich aber, noch breiter zu lächeln.

„Guten Morgen, Frau Andersen.“ Herr Dreher zog die Augenbrauen hoch. „Was machen Sie denn im zehnten Stock? Die Konkurrenz will Sie doch nicht etwa abwerben?“

Mara lachte gequält. „Nein, der… der Aufzug kam nicht, und Herr Schmidt meinte, dass das wohl noch länger dauern könnte… Und ich wollte nicht zu spät kommen. Also habe ich die Treppe genommen.“

„Ein vorbildlicher Arbeitseifer“, bemerkte Herr Dreher. Mara versuchte verzweifelt herauszuhören, ob er das als Kompliment oder als Spott meinte, doch ihr Chef behielt sein Pokerface. Schließlich antwortete sie mit einem unverbindlichen Lächeln und einem Schulterzucken.

Den Rest der Fahrt schwiegen sie. Mara konzentrierte sich auf ihren Atem und versuchte nebenher, ihr Make-up so unauffällig wie möglich zu retten. Wenigstens die Pandaaugen wollte sie zum Verschwinden bringen, bevor sie die Kanzlei betrat.

Der Aufzug erreichte den dreizehnten Stock, und Mara verabschiedete sich erleichtert von Herrn Dreher. Doch der hielt sie auf: „Frau Andersen, einen Augenblick noch. Wenn Sie sich ein bisschen frischgemacht haben und die Eingangspost bearbeitet, würden Sie dann bitte in mein Büro kommen? So gegen“, er warf einen Blick auf die Armbanduhr, „zehn Uhr?“

Mara schluckte. „Ja, natürlich“, erwiderte sie, und dann schlossen sich die Aufzugtüren und ließen sie allein zurück.

Sie warf die kaputten Schuhe unter ihren Schreibtisch und ging erst einmal ins Bad, um ihr Gesicht mit kaltem Wasser zu bearbeiten, bis sie wieder wie ein Mensch aussah. Oh Mist, was wollte Dreher von ihr? Das roch nach Ärger. Hatte sie irgendetwas wichtiges vergessen? Oder womöglich gestern Mist gebaut, als sie ihm das Memo zu diesem wichtigen Fall geschrieben hatte? Dabei hatte sie so viel Arbeit da reingesteckt! Es war aber auch verdammt kompliziert gewesen. Wenn da nur nicht so viel Geld dranhinge…

Sie war so verwirrt, dass sie die Post auf ihrem Schreibtisch dreimal lesen musste, um ihren Inhalt zu verstehen und die Briefe zu bearbeiten. Um kurz vor zehn hatte sie nicht einmal die Hälfte geschafft, geschweige denn mit dem angefangen, was vom Vortag liegen geblieben war, aber Herr Dreher war wichtiger. Sie atmete noch einmal tief durch, beschloss, die Schuhe im Büro zu lassen, und nahm die Treppe im Inneren der Kanzlei nach oben.

„Herein“, rief Herr Dreher, kaum, dass ihre Finger die Tür berührten.

„Sie wollten mich sprechen?“

„Frau Andersen! Ich habe Ihr Memo zu dem Fall gelesen.“

Mara schluckte, sagte aber nichts. Dreher blickte sie ernst an. „Ich muss sagen, Sie haben mich erstaunt.“

„Erstaunt?“, brachte sie hervor. Erstaunt, nicht enttäuscht?

Endlich lächelte er. „Ausgezeichnete Arbeit! Offensichtlich habe ich Sie unterschätzt. Frau Andersen, bitte setzen Sie sich. Wir sollten uns über Ihre berufliche Zukunft unterhalten.“ Er warf einen Blick auf ihre Füße. „Allerdings muss ich Ihnen sagen, bei aller Achtung vor Ihrer Sportlichkeit, Ihr Auftritt sollte etwas professioneller sein, wenn Sie demnächst eigene Klienten übernehmen.“

Mara rang nach Luft. Dann nickte sie. „Ich arbeite dran. Versprochen.“

 

(25.01.2015, 1657 Wörter)

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