Der schlechteste Koch der Welt

Moritz wusste, dass er ein schlechter Koch war, aber normalerweise kam bei seinen kulinarischen Experimenten wenigstens etwas heraus, das man (wenn auch mit Mühe) als essbar bezeichnen konnte. Heute jedoch hatte er wirklich jeden Rahmen gesprengt.

Er begutachtete die brodelnde, weißlich glühende Masse in seinem Kochtopf. Wie hatte er das nur hingekriegt? Und was war das überhaupt für ein Zeug? Er hatte doch nur Nudeln, Salz und Tomatensoße aus dem Glas zusammengerührt und nach Gefühl ein paar Gewürze dazugeschmissen. Gut, die Soße war eigentlich abgelaufen, aber doch erst ein paar Wochen. Und im Glas hatte sie noch tomatig-rot ausgesehen. Was war hier nur passiert? Und warum glühte sie? In den Mund stecken würde er dieses merkwürdige Zeug jedenfalls nicht.

Er stocherte vorsichtig mit dem Kochlöffel darin herum. Oh nein, jetzt bildeten sich Schlieren, Klumpen von heller und dunklerer Materie, und obwohl er den Herd längst ausgeschaltet hatte, blubberte alles plötzlich hoch und dehnte sich schlagartig aus. Moritz sprang zurück. Abgesehen davon, dass er dieses gruselige Gericht nicht einmal berühren wollte, hatte er auch keine Lust, sich an heißen Spritzern zu verbrennen.

Er schüttelte den Kopf. Dabei hatte er das Zeug nur ein paar Minuten aus den Augen gelassen! War ja klar, dass es sofort anbrennen würde, aber als er dann versucht hatte, die schwarze Schicht mit dem Kochlöffel vom Boden zu kratzen, hatte sie plötzlich angefangen zu glühen und zu brodeln, und jetzt stand er da mit diesem… was auch immer das war. Der Topf schien sich wieder beruhigt zu haben, also ging er vorsichtig darauf zu und warf einen Blick hinein.

Er stutzte. Der Inhalt des Topfes glühte noch immer, aber jetzt hatte er sich vom Boden gelöst und schien über dem schwarzen Emaille zu schweben. Leuchtende Pünktchen bildeten Klumpen und Schwünge, und das Ganze drehte sich langsam um die Topfmitte. Er hob den Kochlöffel, um noch einmal hineinzustochern, ließ ihn dann aber sinken. Der Anblick erinnerte ihn an irgendetwas, aber woran? Er kratzte sich am Kopf. Dann setzte er erst einmal einen Deckel auf den Topf und überprüfte, ob der Herd abgeschaltet war. Er war es.

„Wenigstens ist nichts kaputtgegangen“, murmelte er. Obwohl, ob er den Topf wohl je wieder sauber bekam? Na, egal, die Küche war jedenfalls nicht abgebrannt, und nachdem sein letztes Experiment ihn einen Topflappen gekostet hatte, wertete er das schon mal als Erfolg.

Essen hatte er trotzdem keines. Musste es eben mal wieder Brot werden. Warum fiel anderen das Kochen immer so leicht? Was machte er falsch? Sogar sein Mitbewohner kriegte es hin, sich nicht nur warme Speisen zuzubereiten, sondern sogar leckere, und der war ansonsten nicht gerade ein mustergültiger Hausmann, wie das vollgestapelte Waschbecken verriet.

Gerade hörte Moritz seinen Schlüssel im Schloss. Wenn man vom Teufel sprach…

„Nabend, Moritz! Na, haste wieder versucht zu kochen?“, Hannes kam in die Küche und rümpfte die Nase. „Ich weiß nicht, ob ich dich bewundern soll, dass du immer noch nicht aufgibst, oder bedauern, dass du das Zeug, das du verbrichst, auch noch aufisst.“

„Ha, ha“, machte Moritz, „unglaublich witzig. Bist du sicher, dass du nicht Clown werden willst?“

Hannes grinste. „Nee, du, Physiker werden besser bezahlt. Was gibt’s denn leckeres heute?“ Er hob den Deckel vom Topf, bevor Moritz ihn zurückhalten konnte.

„Wow.“ Hannes schien sprachlos. Moritz verzog das Gesicht. Gleich würde er sich wieder seinen Spott anhören dürfen… Doch als Hannes sich ihm wieder zuwandte, sah er neuen Respekt in seinem Gesicht. „Wie hast du das denn hingekriegt? Das ist ja ein klasse Modell! Aber warum in einem Kochtopf?“

„Modell?“, Moritz sah ihn verständnislos an. „Ich weiß auch nicht, wie ich das hingekriegt habe. Es sollten Nudeln mit Tomatensoße werden, aber es ist angebrannt, und die Soße war wohl abgelaufen, da muss es zu irgendeiner komischen Reaktion gekommen sein oder so…“

„Nein, ich meine das Mini-Universum hier!“ Hannes zeigte auf den Topf. „Der Hammer!“

„Was?“ Moritz kam wieder an den Herd und schaute über Hannes‘ Schulter. Die Lichtpünktchen hatten sich inzwischen zu Kugeln und Spiralen verklumpt, und Hannes hatte recht, es sah tatsächlich aus wie ein Haufen Mini-Galaxien. „Wow“, sagte jetzt auch er. „Das, äh, war nicht so beabsichtigt.“

„Und das hast du aus Nudeln und Tomatensoße gekocht?“

Moritz nickte.

Hannes starrte ihn an, dann schüttelte er den Kopf. „Der Hammer“, wiederholte er. „Moritz, du bist ein so schlechter Koch, dass es dir eher gelingt, ein Universum zu erschaffen als eine essbare Mahlzeit.“ Er setzte den Deckel wieder auf den Topf. „Wenn ich dir ne Pizza ausgebe, darf ich das morgen meinem Prof zeigen?“

 

(01.02.2015, 757 Wörter.

Kurze Erinnerung: Die Abstimmung zu Probleme, Teil 7 ist noch offen.)

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6 Kommentare

  1. So ist also das Universum entstanden? Interessant. Und ich dachte immer, die große Göttin habe das gemacht. So kann Frau sich irren :P

    1. Nee, wenn das Universum absichtlich geschaffen worden wäre, müsste es doch ordentlicher aussehen ;-)

  2. So könnte es gewesen sein …

  3. Oh, wie schön, das ist doch tröstlich, wenn mal wieder beim Kochen alles schief geht: Vielleicht kommt ein Universum raus, auch wenn es bisher immer nur angebranntes Essen war.

  4. Das klingt ja fast noch abenteuerlicher, als wenn ich versuche zu kochen! ;-) Aber eine schöne Parabel…denn wer weiß schon, ob das Universum nicht auch aus einem Fehler entstanden ist?

    1. Das würde zumindest einiges erklären ;-)

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