Der Nachtschwärmer

Der Nachtschwärmer (lucifuga lychnobius) ist ein Nachtfalter der Familie sphingidae, der sich, anders als die meisten Schmetterlingsarten, vor allem in der Großstadt wohlfühlt. Er hält sich häufig in belebten Ecken wie Kneipen, Diskotheken und Bars auf, wo er im Schein bunter Lichter nach Partnern sucht. Hat er einen anderen Nachtschwärmer gefunden, so beginnt ein Balztanz, der selbst unter den prächtigsten Insekten seinesgleichen sucht. Das rhythmische Aufspannen der Flügel, Posieren, Darbieten der (für einen Nachtfalter auffällig bunten) Zeichnungen und gegenseitige Betasten der Fühler spinnt sich zu einer faszinierenden Choreographie, die sich oft über Stunden ziehen kann.

Gern nutzt der Nachtschwärmer als Taktgeber für dieses Balzritual die Musik, die an seinen bevorzugten Aufenthaltsorten üblicherweise gespielt wird. Dadurch hat sich eine Differenzierung von Unterarten herausgebildet, die die Nähe einer bestimmten Musikrichtung suchen, um dort Partner mit dem gleichen Geschmack (soweit man bei Insekten von Geschmack sprechen kann) zu finden. Einige wenige, wie die Unterart lucifuga lychnobius discotecae vici, folgen ihren bevorzugten DJs auf deren Reisen von Auftritt zu Auftritt, versteckt in ihrer Ausrüstung.

Tagsüber ist der Nachtschwärmer so unauffällig wie die meisten Angehörigen seines Genus. Von außen sind die farbenprächtig gemusterten Flügel von graubrauner Farbe, in der Struktur leicht abgenutztem Sichtbeton nicht unähnlich, was ihm in seinem Lebensraum eine ausgezeichnete Tarnung verleiht. Die wenigsten menschlichen Besucher ihrer bevorzugten Stätten nehmen sie überhaupt wahr, besonders nach Tagesanbruch, wenn die Nachtschwärmer sich mit gefalteten Flügeln in den Winkeln zwischen Wand und Decke verstecken und die Tänzer meist müde und unkonzentriert sind, doch selbst für erfahrene Entomologen sind schlafende Nachtschwärmer schwer zu entdecken.

Hat ein Nachtschwärmer einen Partner gefunden, so folgt dem aufwendigen Balztanz eine kurze Begattung, gefolgt von der Eiablage und dem Tod der Partner. Nur wenige Exemplare überleben die kräftezehrende Balz und Paarung, und selbst wer dann noch Energie hat, kann sich doch im nächsten Balztanz nicht gegen kräftigere Konkurrenten durchsetzen.

Das Weibchen des Nachtschwärmers legt mehrere Dutzend Eier mithilfe eines Legestachels in einer dunklen, ungestörten Ecke ab. Häufig sind dies die Unterseiten von Tresen, Tischen und Barhockern. Dort schlüpfen nach etwa drei Monaten die Raupen, die sich von Möbelholz und alten Kaugummis ernähren. Dabei zufällig mit aufgenommene Farbstoffe werden nicht ausgeschieden, sondern in der Haut der Raupen eingelagert, sodass sie schon nach kurzer Zeit die Farbe ihrer Umgebung annehmen.

Nach weiteren drei Monaten verlassen die Raupen ihr Versteck und suchen den Weg nach oben, in Richtung Decke. Dort angekommen, befestigen sie sich mit den Saughaken an ihrem hintersten Beinpaar an der Decke und beginnen, einen Kokon von grauer Farbe zu spinnen, die bereits an die Tarnfarbe der adulten Imagines erinnert.

In diesem Versteck, meist weit über Augenhöhe menschlicher Besucher und ungestört von jeder Putzbemühung, entwickelt sich die Puppe zum ausgewachsenen Nachtschwärmer, der sich, je nach Qualität der Ernährung als Raupe, nach vier bis fünf Wochen aus dem Kokon befreit und sofort nach Trocknen seiner Flügel auf Partnersuche geht.

Die adulten Tiere, die oft mehrere Nächte in Folge nach Partnern suchen müssen, ernähren sich hauptsächlich von Getränkeresten, die unachtsame Menschen verschütten oder stehenlassen. Das Leben des Nachtschwärmers ist also in jeder Lebensphase an das menschliche Verhalten angepasst, und Zoologen befürchten, dass ein Niedergang der sogenannten „Clubkultur“ auch zum Aussterben des Nachtschwärmers führen könnte. Jüngere Beobachtungen des Nachtschwärmers in Dönerläden, Spätkäufen und sogar Wohnungen daheim nachtaktiver Menschen lassen jedoch auf die Anpassungsfähigkeit dieses faszinierenden Insekts hoffen.

 

(08.02.2015, 551 Wörter)

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3 Kommentare

  1. Du könntest also auch Lexika-Einträge schreiben ;)

  2. Für diesen Text kann Frau auch am Tag (aus)schwärmen. ;-)

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