Kornkreise

Sie waren zuerst in Bayern aufgetaucht, ausschließlich in Feldern nahe der Bahnlinie. Der erste Bauer, dessen Weizen betroffen war, meldete seine Entdeckung erst der Polizei und dann, keine fünf Minuten später, einer Webseite für Verschwörungstheoretiker. Er hatte schon lange an die Existenz von Außerirdischen geglaubt; jetzt, da war er sicher, hatte er den Beweis.

Die Polizei beharrte darauf, eine Ermittlung wegen Sachbeschädigung aufzunehmen. Der Bauer versicherte ihnen, dass sie die außerirdischen Täter nicht finden würden, und dass sie ihre Ressourcen lieber für seinen Personenschutz nutzen sollten, denn die Marsianer würden bestimmt demnächst wiederkommen, diesmal, um ihn zu entführen und allen möglichen perversen Experimente durchzuführen, und das Forum der Verschwörungswebseite unterstützte ihn in dieser Annahme, doch die Polizei war seinen Argumenten nicht zugänglich. Also legte er sich einen Wachhund zu, um wieder ruhig schlafen zu können. Tatsächlich wagte sich kein Außerirdischer mehr auf seinen Hof.

Der zweite betroffene Bauer reagierte nüchterner. Er glaubte nicht an Außerirdische, aber an den Wert seines Weizens, und erstattete schnellstmöglich Anzeige. Leider fand man auch auf seinem Feld keine Spuren außer eben den seltsam geformten Abdrücken mitten in seinem Feld.

Nachdem auf zwei weiteren Feldern Muster aufgetaucht waren, entdeckte ein gelangweilter Schüler sie beim Scrollen durch Satellitenfotos. Er postete sie in dem Forum, in dem er häufig aktiv war, und von dort verbreiteten sie sich über das Internet.

Bald schon begannen Hobbywissenschaftler und Verschwörungstheoretiker jeder Couleur, die Kornkreise zu analysieren. Die häufigste Erklärung war, wie meistens bei diesem Phänomen, dass es Außerirdische waren; allerdings war die Gemeinschaft der Alienforscher zerstritten, ob sie damit Nachrichten an die Menschheit senden, Landeplätze markieren oder das kosmische Äquivalent von Kneipenklograffiti hinterlassen wollten. Dass einige der Muster eine deutliche Ähnlichkeit mit dem lateinischen Alphabet, wie es in weiten Teilen der Welt (inklusive Bayern) gebräuchlich ist, aufwiesen, bestärkte die erste Fraktion.

Die Polizei beharrte auf der Einstufung als mutwillige Sachbeschädigung und hatte örtliche Jugendliche unter Verdacht. Nun muss man zugeben, dass die minderjährige Landbevölkerung in diesem Teil der Welt dem Alkohol durchaus nicht abgeneigt war, und die Wirkung dieses Stoffes auf das Gehirn – insbesondere auf den Teil, der für die Einstufung spontaner Ideen als „blödsinnig“ zuständig ist – ist wohlbekannt, doch keinem der Verdächtigen konnte etwas nachgewiesen werden, und ein großer Teil hatte noch dazu für die vermutliche Tatzeit ein Alibi.

Es war ein Rätsel.

Die Kornkreise wurden mehr, breiteten sich aus, immer entlang der Bahngleise. Schließlich erschienen die ersten jenseits der Grenze zu Baden-Württemberg. Wenn es Außerirdische waren, so schienen sie einen Plan zu verfolgen. Waren es übermütige Jugendliche, so hatte es sich offensichtlich herumgesprochen und bereitwillige Nachahmer gefunden.

Die völlige Gleichartigkeit des niedergedrückten Korns jedoch, ebenso wie die Ausrichtung entlang von Bahnlinien, wiesen auf Schlimmeres hin: eine organisierte Bande. Wer hatte es auf das Korn der süddeutschen Bauern abgesehen? Wer zerstörte mutwillig und rücksichtslos die Ernte braver Landleute? Wer hinterließ diese Muster, und zu welchem Zweck? Immer mehr von ihnen sahen nach Buchstaben aus, doch keine Analyse der Satellitenfotos ergab ein eindeutiges Bild.

Nur ein Mensch wusste die Antwort. Nein, zwei: Andreas, der die Kornkreise in mühevoller Arbeit über Wochen hinweg konstruiert hatte, immer sorgfältig mit falschen Fährten ihren eigentlichen Zweck verschleiernd.

Und Sabine, die, wenn sie in Rosenheim losfuhr, in München in den IC umstieg und dann über Plochingen nach Tübingen fuhr, entlang ihrer Route den halben Sommer lang, bis zur Ernte, lesen konnte:

B I N E I C H L I E B E D I C H

Aber natürlich hielt sie dicht.

 

(15.02.2015, 565 Wörter)

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9 Kommentare

  1. Literaturgeist · · Antwort

    Wirklich gut! Die Auflösung hat mir ein Lächeln entlockt! Gute Pointe!

    1. Vielen Dank! Das freut mich natürlich :-)

  2. Was für eine coole Idee:-) Das ist mal was anderes als in irgendwelche Bäume etwas einzuritzen.

  3. Kosmisches Äquivalent von Kneipenklograffiti – genial xD
    ~ Mira und Grace

  4. Aka Teraka · · Antwort

    Wie schön! :-)

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