Cocktails

„Habt ihr noch Lust, was trinken zu gehen?“

Die anderen Leute in ihrer Lerngruppe schauten auf, wechselten ein paar Blicke, zuckten mit den Schultern, dann packten sie weiter ihre Unterlagen zusammen.

„Keiner?“ Ein trauriger Unterton schlich sich in Saskias Stimme.

Sara zog den Reißverschluss ihrer Tasche zu. „Ich würde ja gern, aber ich hab morgen eine Prüfung, da will ich ausgeschlafen sein.“

„Ich muss noch Wäsche waschen, sonst habe ich morgen nichts anzuziehen“, schloss sich Frank an.

„Mir ist es einfach zu spät“, Marlene zuckte mit den Schultern, „ich bin nicht so der Nachtmensch.“

„Oh, okay, dann eben nicht“, Saskia versuchte ihre Enttäuschung zu verstecken, aber es gelang ihr nicht ganz. Sie stopfte den Rest ihrer Lernsachen in den Rucksack und zog ebenfalls den Reißverschluss zu. „Dann bis nächste Woche“, sie setzte den Rucksack auf und wollte zur Tür gehen.

„Ich würd noch mitkommen“, sagte Paul plötzlich. „Wenn du magst.“ Saskia drehte sich um. „Ja, klar! Super!“ Sie grinste ihn an. Auf einen langweiligen Abend allein hatte sie nun wirklich keine Lust, und so spät, wie sie heute aufgestanden war, hätte sie auch nicht früh ins Bett gehen können. Außerdem hatte sie die ganze Zeit schon gehofft, dass Paul dabei sein würde… Nicht, dass sie sich irgendwelche Hoffnungen machte. Aber. Nett wäre es doch.

„Sonst noch jemand?“ Sie schaute die anderen an, aber auch Mattias und Jule schüttelten den Kopf. „Na gut, dann eben nur wir zwei“, sie lächelte Paul zu. Hoffentlich sprang er jetzt nicht ab…

„Dann müssen wir eben umso mehr Spaß haben“, er zwinkerte ihr zu, und sie spürte, wie ihr Herz einen Hüpfer machte.

Inzwischen waren alle mit Packen fertig, und sie gingen gemeinsam zum Ausgang der Uni. Erst an der Tür nach draußen zerstreuten sie sich, gingen die einen zur U-Bahn, die anderen zum Bus und Sara wie immer zu ihrem Fahrrad, mit dem sie bei Wind und Wetter in der Stadt unterwegs war.

Paul und Saskia blieben zurück. Er lächelte sie an, und plötzlich fand sie es unglaublich wichtig, dass der Riemen ihres Rucksacks perfekt saß, weshalb sie ihm nicht in die Augen schauen konnte.

„Und, wohin willst du gehen?“, fragte er sie. Der Riemen war verdreht, ach nein, sie hatte ihn selbst verdreht beim Versuch ihn zu richten, sie musste ihn zurückdrehen…

„Weiß nicht. Hast du Lust auf Cocktails?“

„Klar! Kennst du das Strawberry?“

„Nee. Ist das hier in der Nähe?“ Endlich schaute sie auf. Er lächelte noch immer. „Naja, so zehn Minuten, Viertelstunde zu Fuß?“, schätzte er. Sie nickte. „Das ist okay, dann kriegen wir noch ein bisschen Bewegung nach dem vielen Sitzen den ganzen Tag.“

„Super.“ Er machte keine Anstalten loszugehen.

„Du musst mich führen“, erinnerte sie ihn, „ich habe keine Ahnung, wo wir lang müssen.“

„Oh! Ja, klar. Hier lang“, er setzte sich in Bewegung, und sie folgte ihm. Es war tatsächlich nicht sehr weit, oder vielleicht kam ihr der Weg auch nur kurz vor, denn sie unterhielten sich die ganze Zeit, und er lächelte sie immer noch so an, dass ihr ganz schwindlig wurde. Die Bar selber war nichts besonderes, aber ganz nett, und die Cocktails waren wirklich gut. Irgendwann wusste sie nicht mehr, wie viele sie getrunken hatte und ob es der Alkohol war, der sie so verwirrte, oder Pauls Lächeln, aber sie lächelte auch und lachte viel und amüsierte sich prächtig, und ihr schien, dass es ihm genauso ging. Was für ein wundervoller Abend! Insgeheim war sie sogar froh, dass die anderen nicht mitgekommen waren…

Irgendwann jedoch war auch der schönste Abend vorbei. „Ich glaube, so langsam sollte ich auch heim.“ Paul seufzte. „War wirklich schön, aber ich hab morgen eine Vorlesung.“

„Ja, ich auch“, gab Saskia zu. „Aber wir sollten das irgendwann wieder machen.“ Sie hielt den Atem an, bis er lachte und sagte: „Ja, auf jeden Fall.“

Zum Abschied umarmte er sie. Dann gingen sie in verschiedene Richtungen heim. Saskia zwang sich dazu, sich nicht umzudrehen. Beim nächsten Mal, sagte sie sich. Er will auch ein nächstes Mal.

 

(01.03.2015, 679 Wörter)

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7 Kommentare

  1. Und wieder eine Gelegenheit verpasst. Frauen sind schon komisch. ;-)

    1. Männer aber auch ;-)

      1. Da bin ich keine Expertin. Aber er hätte ja was unternehmen können :P Aber ich finde die Situation richtig und gut beschrieben. Keine(r) traut sich. Ich hätte .. , aber das hast du schon gewusst.

      2. Ja, hätte er :-P Aber so ist das leider manchmal. Vielleicht wäre eine vorbeikommende Nandalya, die einem der beiden einen Schubs gibt, gar nicht so schlecht gewesen? ;-)

  2. „Aber. Nett wäre es doch.“ Hach. – Ich allerdings hatte als Student nie Geld für Cocktails. XD

    1. Ich hatte damals das Glück, in einem sehr billigen Wohnheim zu wohnen. Und ansonsten ist das eine Frage der Prioritäten :-P Aber ja, jede Woche werden die beiden sich das auch nicht leisten können.

      1. Prioritäten, das ist wahr. Im Übrigen finde ich es ja völlig okay, wenn die beiden sich erst beim nächsten Mal trauen. ;)

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