Schreibarbeit

An manchen Tagen ist das Schreiben ein Fluss, ein Wasserfall an Wörtern, der mir aus der Feder quillt und auf das Papier tropft, und ich kann kaum so schnell tippen, wie die Ideen kommen und die Sätze strömen. Die Arbeit daran ist, mitzuhalten, mitzuschwimmen und nicht unterzugehen, mich nicht zu verhaspeln in all den Wörtern, die aus mir heraus wollen. Das ist anstrengend, aber es ist auch eine große Freude, ein Genuss, sich so treiben zu lassen, mitreißen zu lassen.

An anderen Tagen ist das Schreiben ein Bergwerk, in dem ich, tief unter Tage, mit Hammer und Meißel die Felswand bearbeite, tonnenweise Schutt aus dem Weg schaufle, in der Hoffnung, ein, zwei brauchbare Wörter oder Sätze zu finden. Die Hoffnung auf eine Goldader treibt mich vorwärts, lässt mich weitermachen, lässt mich nicht aufgeben. Ich weiß, oder hoffe doch zu wissen, dass unter dieser Schicht aus Granit etwas Wertvolles liegt, und so hämmere ich weiter, Millimeter für Millimeter, treibe meine Tunnel in das Gestein stummer Sätze, bis das Klopfen endlich nach Metall tönt. Allzu oft stelle ich danach fest, dass es stumpfes, unedles Metall war, dass ich mich von Katzengold in die Irre führen ließ und diese Ader nichts hergibt. Dann muss ich zurück, zur letzten Abzweigung meines Minengangs, und das ganze in eine andere Richtung von Neuem versuchen. Es ist harte Arbeit, und nicht immer kommt etwas dabei heraus, das ich brauchen kann. Das Wortreich wie das Erdreich ist voller Elemente, die zu häufig sind, um Wert zu haben, und voller Moleküle, die alles Richtige und Wichtige enthalten mögen, aber in dieser Zusammensetzung nutzlos sind, wertlos, unfruchtbar.

An anderen Tagen ist das Schreiben ein Steinbruch, in dem ich Wort für Wort aus den Wänden klopfe, zurechthaue und abtransportiere, um daraus Sätze und Texte zu bauen. Ich muss den Aufbau des Gesteins kennen, um zu wissen, wo es leicht bricht und wo es Widerstand leistet, muss den Meißel sorgfältig ansetzen und gezielte Löcher bohren, aus denen sich ein Block in einer brauchbaren Form löst, nicht zu groß und nicht zu klein und ohne Bruchstelle in der Mitte. Ich schlage große, schwere Grundsteine heraus, um ein Fundament zu bauen, die ich mühsam auf die Baustelle schleppen muss; ich meißele kleine, präzise Steine, um Mauern zu errichten und Innenwände; ich haue tragende Säulen und dekorative Kapitelle aus demselben Gestein, und wenn der Meißel abrutscht, muss ich manchmal die Arbeit von Stunden verwerfen und an einem neuen Block von Neuem beginnen. Es ist schweißtreibend, und oft sehe ich vor lauter Staub und Splittern das Große, Ganze nicht mehr und kann das Gebäude nicht erkennen, das ich doch aus all diesen Steinen zusammensetzen möchte. Dann muss ich manchmal einen Schritt zurücktreten, die Pläne des Architekten herausholen und mir vor Augen führen, was das Ziel dieser Schufterei ist, dass es nicht um den einzelnen Stein geht, sondern um das Werk, zu dem ich sie zusammensetzen will.

Und dann sehe ich, dass es sich lohnt, trotz allem. Dass ich weitermache, weil ich weitermachen will, nicht weil ich gezwungen werde. Dass es selbst dann, wenn das Schreiben harte Arbeit ist, immer noch Freude macht: Die Freude, etwas zu schaffen, etwas geschafft und geschaffen zu haben.

Und dann schreibe ich weiter.

 

(08.03.2015, 532 Wörter)

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9 Kommentare

  1. Das kommt mir bekannt vor. Sehr bekannt.

  2. ja, so ist es. Aber wenn es immer leicht wäre, wäre es auch langweilig :-)

    1. Stimmt auch wieder :-)

  3. Worte wie Geschosse fliegen aus den Fingern mir … Ehrlich? In letzter Zeit weniger, der Steinbruch überwiegt.

  4. Interessante Idee! Wie ist dir die Idee gekommen? Beim fließen oder eher beim bergwerken?:D

    1. Beim Bergwerken ;-) Ich kam so gar nicht voran und musste dem irgendwie Luft machen.

      1. Dachte ich mir:D Du bist nicht der einzige dem die Idee gekommen ist, auf diese Weise seinen Schreibplan einhalten zu wollen.:D

  5. Und das ist gut so. Also, dass du weiterschreibst ;)

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