Der Sternendrache

Der Sternendrache (petaurista stellaris) gehört nicht, wie sein deutscher Name vermuten lässt, zu den Reptilien; vielmehr ist er eine Spezies aus der Tribus der Gleithörnchen (pteromyini), Gattung der Riesengleithörnchen (petauristae) und damit ein Säugetier. Seine Bezeichnung verdankt er der Ähnlichkeit seiner Fortbewegungsart zu der des Sportgerätes Drachen, nämlich dem Segeln im Wind mithilfe einer aufgespannten Membran. Dass diese Art trotz ihrer Größe (adulte Tiere erreichen eine Kopfrumpflänge von bis zu drei Metern und gehören damit zu den größten Hörnchen überhaupt) so lange unentdeckt blieb, verdankt sie ihrer ausgezeichneten Tarnung und nächtlichen Lebensweise.

Der Sternendrache lebt in felsigen, steilen Bergregionen Europas und Asiens und ist ein geschickter Kletterer. Tagsüber versteckt er sich in dunklen Höhlen und Felsnischen, in denen er mit seinem mattschwarzen Fell kaum sichtbar ist. Nachts kommt er hervor und gleitet auf der Suche nach Nahrung lange Strecken über Täler hinweg. Dabei muss er seine Gliedmaßen weit ausstrecken, um die Flughäute dazwischen aufzuspannen; dank symbiotischer Mikroben, die auf der Gleithaut wohnen und auf noch unbekannte Weise mit den Photorezeptoren auf deren Oberseite kommunizieren, verschmilzt das riesige Tier mit dem Nachthimmel und ist nur schwer zu entdecken. Tatsächlich hat erst eine Auffälligkeit in der Spektrallinienanalyse in den Beobachtungsdaten moderner Teleskope zur Entdeckung dieses scheuen Hörnchens geführt, denn bei aller optischen Treue zum tatsächlichen Nachthimmel können die Leuchtbakterien nicht die chemische Zusammensetzung der Sterne nachahmen. Dennoch ist die Präzision erstaunlich und vermag sogar Sternschnuppenschauer sekundenaktuell abzubilden, was sowohl auf eine schnelle Kommunikation der Symbionten mit den körpereigenen Lichtrezeptoren des Sternendrachens als auch auf eine beachtliche Empfindlichkeit der Rezeptoren hinweist. Forscher erhoffen wichtige Erkenntnisse durch die Analyse dieser Photorezeptoren, sehen sich jedoch durch die Seltenheit und schwierige Haltung dieser Tiere (die wenigen Exemplare, die sich lebend fangen ließen, zeigten großen Platzbedarf und Stressempfindlichkeit und gingen schnell ein) vor großen Schwierigkeiten.

Der Sternendrache ernährt sich, soweit man weiß, hauptsächlich von fliegenden Insekten, aber auch Früchten, Nüssen und Blättern der Bäume und Sträucher seines Lebensraumes. Über sein Paarungsverhalten ist wenig bekannt. Die Aufzucht seiner Jungen dagegen lässt sich anhand verlassener Nester in Felsritzen und Baumspalten nachvollziehen. Offenbar bereiten sie jedes Jahr aufs Neue Nester vor, die sie mit Fell und Pflanzenfasern polstern und in denen sie ein bis zwei Junge großziehen. Während der Wurf gesäugt wird, bleibt die Mutter im Nest und wird von außen, vermutlich vom Vater, mit Nahrung versorgt. Die Exkremente sammeln sich dabei im unteren Teil des Nestes an und werden sorgfältig mit aus den Nestwänden gekratztem Material bedeckt. Sobald die Jungen selbständig sind, verlassen sie und die Mutter das Nest; über den weiteren Verlauf ihres Lebens weiß man wenig.

Der Sternendrache wird bis zu zehn Jahre alt. In hohem Alter beginnt sein Fell zu ergrauen, und er wagt sich nur noch an bewölkten Tagen in die Luft. Dennoch wird er nun gehäuft Opfer von Raubtieren. Er ist, mit seinen kurzen, aber spitzen Zähnen und kräftigen Kletterkrallen durchaus wehrhaft, verliert in hohem Alter aber nicht nur an Tarnung, sondern auch an Kraft und Geschicklichkeit. Ob er ohne natürliche Feinde älter werden könnte, ist unklar. Noch vieles an diesem faszinierenden Tier ist bislang unbekannt. Umso dringender ist zu hoffen, dass sein Lebensraum nicht zerstört und seine Lebensweise nicht durch Streulicht von menschlichen Siedlungen beeinträchtigt werden möge, bevor sich Gelegenheit zu weiterer Forschung bietet.

 

(15.03.2015, 541 Wörter)

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7 Kommentare

  1. Ein wunderbares Tier hast du da – äh – entdeckt :-)

  2. Cool. Die Sterndrachen scheinen ja faszinierende Wesen zu sein.

    Was die symbiotischen Mikroben betrifft, ich tippe darauf, dass sie auf Impulse in den Nervenbahnen der Rezeptoren ansprechen. Aber ich bin natürlich kein Biologe und kann da nur raten. Hoffentlich finde man da noch mehr drüber raus.

  3. Vielleicht werden ja die symbiotischen Mikroben in einem hyperschnellen Evolutionsvorgang lernen, auch das Streulicht der Siedlungen zu imitieren?

    Sehr schön, irgendwie Nachtigaller’sch. Als Sachtext auch formal wirklich gut. :-)

    1. Danke :-) Ja, die Evolution der symbiotischen Mikroben sollten wir gut beobachten, da hast du Recht. Vielleicht könnte man sie dann als Messsignal für den Grad der Lichtverschmutzung nutzen?

      1. :D Welch innovativer Forschergedanke!

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