Frohe Ostern, Oskar!

Oskar, der Osterhase, sprang am Ostersonntag morgens früh aus dem Bett, voller Energie, bereit, diesen Tag zu beginnen. Dann fiel ihm ein, dass er seit Januar arbeitslos war.

„Du bist zu altmodisch“, hatten sie ihm gesagt, „du brauchst zu lang. Handarbeit ist nicht mehr gefragt. Unsere Eier werden jetzt am Fließband von Robotern bemalt, und das Verstecken übernehmen Saisonarbeiter aus Osteuropa für einen Bruchteil des Geldes. Mindestlohn? Ach was, laut Werksvertrag arbeiten sie ja nur eine Stunde pro Jahr. Können wir ja nix dafür, wenn ihnen das zu wenig Zeit lässt, ihr Versteck-Soll zu erfüllen.“

„Aber“, hatte er gesagt, „die Tradition, der Brauch! Und was ist mit den Kindern?“

Da hatten sie gelacht und ihm erklärt, dass die Tradition sich eben überlebt hätte und der Brauch modernisiert werden müsse und dass eine Umfrage in den Kindergärten ergeben hatte, dass das moderne Kind ohnehin keinen Wert auf handbemalte Hühnereier hatte. „Wenn schon Ei, dann Ei-Pod, oder -Phone, oder -Pad. Wenn du das nicht liefern kannst, müssen wir dich outsourcen. Tut uns leid.“ Und dann hatten sie ihm eine Beileidskarte und den letzten Gehaltsscheck in die Hand gedrückt, und ein Typ vom Sicherheitsdienst stand schon bereit, um ihn nach draußen zu begleiten.

Seitdem war Oskar arbeitslos, wie die meisten seiner Kollegen. Ein paar von ihnen hatten schlecht bezahlte Aushilfsjobs als saisonale Entertainer in Einkaufszentren und Zoos ergattert, aber es war schon mit dem Osterhasen-Job hart gewesen, außerhalb der Saison zu überleben; mit den mickrigen Gehältern, mit denen die Entertainer abgespeist wurden, würde es ein harter Winter werden, dass wussten sie schon jetzt.

Oskar hatte nicht einmal das geschafft. „Zu alt“, hatte er auch dort in den Bewerbungsgesprächen gehört, „zu altmodisch. Passt nicht zu unserer modernen Ästhetik, unserem Corporate Design, unserer angestrebten User Experience.“ Also saß er jetzt zu Hause und lebte von Hartz IV.

Offensichtlich hatte die jahrelange Arbeitserfahrung als Osterhase jedoch Spuren hinterlassen, denn nun war er frühmorgens wach und hatte nichts zu tun. Oskar ließ sich aufs Sofa fallen und seufzte. Er schaltete den Fernseher ein und dann gleich wieder aus. Österliches Frühstücksfernsehen war heute genau das Falsche.

Er stand wieder auf und ging in die Küche. Was sollte er mit diesem langen Tag machen? Er warf einen Blick in den Kühlschrank. Wie immer war er voller Eier. Oskar nahm eines heraus. Was für ein Prachtstück! Strahlend weiß und groß, echte Wertarbeit. Oskar bezog all seine Eier von einem kleinen Biohof, in dem er die Hühner persönlich kannte. Dieses Ei, das sah er ihm an, stammte von Heike. Die legte immer besonders große Eier, und sie war stolz darauf. Ob sie wohl in diesen modernen Zeiten noch Abnehmer dafür fand? Die Eierbemalfabriken brauchten Eier in Normgröße, da hatte sie vermutlich schlechte Chancen.

Oskar nahm das Ei aus dem Kühlschrank und steckte es, einem Impuls folgend, in den Eierkocher. Dann bestückte er die anderen Fächer, füllte Wasser auf und stellte den Kocher an. Während das Wasser langsam warm wurde, merkte er, wie er sich besser fühlte. Er hatte es vermisst, etwas Sinnvolles zu tun.

Ob es wirklich sinnvoll war, Eier zu kochen, die niemand wollte, wusste er nicht, aber er hatte keine Lust, darüber nachzudenken. Die Routine umfing ihn wie ein Paar gut eingelaufener Schuhe. Schon stand sein Farbkasten vor ihm auf dem Küchentisch, und er hatte den Pinsel in der Hand, als hätte er ihn nie beiseite gelegt.

Jetzt waren auch die Eier fertig. Oskar schreckte sie schnell ab und spannte sie in den Eierhalter. Der Pinsel flog nur so, und die Farbe spritzte. Hier ein paar bunte Punkte, dort ein paar Regenbogenstreifen, und dieses Ei bekam eine ganze Szene, inklusive strahlendem Sonnenschein. Das passte zwar nicht zum Wetter, aber umso mehr zu Oskars Stimmung. An seine Arbeitslosigkeit dachte er nicht mehr. Alles, was im Augenblick zählte, waren die Eier und seine Kunst.

Als er die Eier fertig bemalt hatte, stand die Sonne schon am Himmel, wenn auch hinter Wolken versteckt. Oskar schaute den Haufen auf seinem Küchentisch an. Und nun? Was machte er nun mit der Pracht, die niemand wollte?

Er hörte Stimmen von draußen und sah aus dem Fenster. Seine Nachbarn kamen gerade heim vom Ostergottesdienst. Oskar hatte eine Idee. Schnell warf er die bunten Eier in einen Korb und hüpfte auf die Straße.

„Frau Müller!“, rief er der Nächststehenden zu, „warten Sie! Frohe Ostern!“, und er drückte der verblüfften Frau Heikes Ei in die Hand. Sie starrte das bunte Prachtstück an, dann Oskar.

„Danke, aber… ich kann das nicht bezahlen“, stammelte sie. Oskar grinste. „Kein Problem, Frau Müller, das ist ein Geschenk! Frohe Ostern!“ Und schon hüpfte er weiter.

„Herr Bauer! Herr Bauer!“ Er drückte dem alten Mann ein Ei in die Hand, und dann noch zwei weitere. „Frohe Ostern! Die sind für Sie und Ihre Tochter, die kommt nachher bestimmt mit dem Enkel, nicht wahr?“ Herr Bauer nickte und starrte Oskar hinterher, der wieder forthüpfte, einer jungen Familie hinterher.

Bald hatte er alle Haushalte in seiner Straße beschenkt. Sein Kühlschrank war leer, aber er fühlte sich so gut wie lange nicht mehr. Endlich, zum ersten Mal seit Monaten, hatte er etwas Sinnvolles getan, und er hatte damit den Leuten eine Freude gemacht. Kein Entertainer-Job konnte ihm dieses Gefühl geben, das wusste er. Nun musste er eben bis zum Ende des Monats sparsam leben… Naja, das würde er schon schaffen. Zur Not konnte er im Stadtpark Löwenzahn sammeln. Immerhin war er ein Hase.

Er setzte sich wieder aufs Sofa und schloss die Augen. Was für ein schönes Osterfest! Für das nächste Jahr würde er sparen. Vielleicht konnte er auf dem Hühnerhof einen Aushilfsjob annehmen, unter der Hand, dann könnte er nächstes Jahr wieder Eier verschenken. Und sich wenigstens dieses eine Mal im Jahr gut fühlen.

Es klingelte. Oskar schreckte hoch. Wer wollte denn um diese Zeit etwas von ihm? Er hatte doch sonst kaum mit seinen Nachbarn zu tun. Verwundert hoppelte er zur Tür und machte auf.

„Herr Hase?“ Es war Frau Müller. Ihr sonst so verkniffenes Gesicht strahlte. „Sie waren so schnell weg heute Vormittag, da konnte ich mich gar nicht bedanken. So ein schönes Ei! Das hatte ich schon lange nicht mehr. Im Supermarkt kriegt man ja nur noch diese maschinengefärbten. Wenn ich wenigstens Kinder hätte, mit denen ich sie bemalen könnte… Aber das interessiert Sie sicher nicht. Jedenfalls wollte ich Sie fragen, nachdem Sie so nett waren: Darf ich Sie zum Abendessen einladen?“

„Aber nicht heute?“, Herr Bauers Gesicht schob sich über ihre Schulter, auf dem Arm trug er einen kleinen Jungen. „Herr Hase muss uns besuchen kommen, mein Enkel hat sich so gefreut, als er das Ei von einem echten Osterhasen bekommen hat! Bitte, Herr Hase, er ist doch nur noch heute zu Besuch.“

„Also, ich…“, stammelte Oskar. „Das ist…“

„Dann kommen Sie eben morgen zu mir“, beschloss Frau Müller, „da ist Ostermontag, da kann man immer noch feiern. Was meinen Sie?“

„Und was ist mit uns?“, fragte die kleine Susanne von gegenüber, die jetzt auch dazugekommen war.

„Naja, also“, sagte Oskar, „also, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ich wollte Ihnen allen doch nur eine Freude machen.“

„Das ist Ihnen gelungen“, stellte Frau Müller fest. „Und jetzt wollen wir uns revanchieren.“ Sie sah sich um. Hinter ihr hatte sich eine Schlange aus Nachbarn gebildet. „Ich glaube, so langsam müssen wir eine Liste anfangen…“

 

(04.04.2015, 1225 Wörter. Inspiriert von diesem Beitrag.

Frohe Ostern, allerseits!)

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8 Kommentare

  1. ein postiver Gegenentwurf zu meinem Limerick sozusagen ;-)

    1. Genau :-) Danke nochmal für die Inspiration!

  2. Ich habe die Geschichte meiner Frau vorgelesen. Hat uns Beiden großen Spaß bereitet! Vielen Dank und frohe Ostern!

    1. Das freut mich natürlich :-) Euch auch frohe Ostern!

  3. 1. Der Osterhase malt Ostereier im Jackson Pollock-Style! :D
    2. Was für eine politische Geschichte, sehr schön ernsthaften Inhalt in satirische Worte gepackt.
    3. „Oskar, der Osterhase, sprang am Ostersonntag morgens früh aus dem Bett“…. das geht wahrscheinlich nur mir so dass ich da eine ganz besondere Assoziation hatte, die mir fast schon Heimweh gemacht hat. ;)

    1. Danke für das Lob :-)

      Gegen Heimweh hilft nur Heimkommen ;-) Oskar freut sich bestimmt auch :-P

  4. Ernster Hintergrund, oder nicht: es ist dir gelungen mir ein (nach)österliches Lächeln aufs Gesicht zu zaubern. :-)

    1. Das freut mich natürlich!

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