Der Tag, an dem ich meine Stimme verlor

Eines Morgens wachte ich auf und fand meine Stimme nicht. Erst einmal dachte ich mir nichts dabei; vielleicht war sie einfach heruntergefallen und unter das Bett gerutscht, sowas passiert ja manchmal. Ich stand also auf, schaute noch einmal gründlich auf meinen Nachtschränkchen nach, wo ich sie normalerweise ablegte, und leuchtete dann mit einer Taschenlampe unter mein Bett. Ich fand zwar eine Menge Staub und nahm mir fest vor, da unten mal wieder zu saugen; meine Stimme fand ich jedoch nicht.

Hatte ich sie gestern vielleicht an einem anderen Ort abgelegt und dort vergessen? Vielleicht beim Zähneputzen im Bad? Sofort schaute ich dort nach, aber ich konnte sie nicht finden. Weder am Waschbeckenrand noch im Badschrank, nicht mal auf der Waschmaschine.

So kam ich nicht weiter. Ich musste systematisch vorgehen. Wo hatte ich sie zuletzt benutzt? Richtig, ich hatte gestern Abend noch mit meiner Schwester telefoniert und dabei im Wohnzimmer gesessen. Hatte ich sie danach einfach auf dem Sofa liegengelassen? Oder auf dem Sofatisch, das war auch möglich.

Doch weder auf dem Tisch noch auf dem Sofa, und auch nicht darunter oder hinter einem der Kissen, die ich bei meiner zunehmend verzweifelten Suche durchs ganze Zimmer warf, fand ich meine Stimme.

Ganz ruhig, sagte ich mir, irgendwo muss sie ja sein, eine Stimme verschwindet nicht einfach. Was hatte ich gestern Abend noch gemacht? Telefoniert, ja, da hatte ich sie offensichtlich noch. Dann… hatte ich noch ein bisschen ferngesehen, genau. Doch neben dem Fernseher, wo ich die Fernbedienung ablegte, war sie auch nicht. Nachdem der Film zu Ende war, hatte ich eigentlich nur noch mein Geschirr weggeräumt und gespült. Lag die Stimme in der Küche?

Nein, weder auf dem Küchentisch noch neben der Spüle fand ich sie. Ein schrecklicher Gedanke durchzuckte mich: War sie etwa beim Spülen ins Becken gefallen und versehentlich mit dem Schmutzwasser in den Abfluss geflossen? Ich schluckte. Wenn das passiert war, wie sollte ich sie dann wiederbekommen? Ich konnte ja schlecht die Kanalisation durchsuchen… Vielleicht hing sie noch in der Beuge. Ich holte schnell die Taschenlampe und leuchtete in den Abfluss. Nichts. Selbst als ich das Abflussrohr aufschraubte und alle Teile, an die ich herankam, vorsichtig in einen Eimer ausleerte und dann hineinleuchtete, fand ich keine Stimme.

Das unterste Rohrstück saß fest in der Wand, wo es mit dem Abwassersystem des Hauses verbunden war. Ich leuchtete hinein und versuchte, so weit wie möglich zu schauen, doch ich sah nichts als Dunkelheit.

Einer Eingebung folgend, begann ich, auch im Badezimmer das Abflussrohr auseinanderzuschrauben. Kein Erfolg. Dafür sahen nun zwei Räume aus wie Schlachtfelder. Ich wurde immer verzweifelter. Wo konnte meine Stimme nur stecken?

Inzwischen war der Tag schon halb vergangen. Betrübt schob ich eine Tiefkühlpizza in den Ofen; auf Kochen hatte ich nun wirklich keine Lust, zumal ich, bevor ich das Waschbecken wieder benutzen könnte, erst einmal alles wieder zusammenschrauben müsste. Während die Pizza garte, lief ich ziellos durch die Wohnung und schaute in alle Ecken und Winkel, ob dort nicht doch meine Stimme versteckt sein könnte. Natürlich ohne Ergebnis.

Ich aß die Pizza am Küchentisch. Dann machte ich mich erst einmal daran, die Wasserleitungen wieder zusammenzuschrauben. Es half ja nichts, und außerdem hatte ich langsam ein gewisses Bedürfnis, nach dem ich mir gern die Hände waschen wollte.

Danach war ich ziemlich fertig. Ich hatte den ganzen Tag mit Suchen verbracht, und inzwischen war ich den Tränen nahe und völlig erschöpft. Ein kleines Nickerchen würde mir vielleicht meine Energie zurückbringen, dachte ich und ging wieder ins Schlafzimmer.

Als ich die Tür öffnete, wehten mir Flugsamen ins Gesicht. Wie waren die denn hier reingekommen? Ich sah mich um, entdeckte das offene Fenster, und dann wurde mir alles klar.

Gestern Abend hatte ich noch gelüftet, und weil es so mild gewesen war, hatte ich das Fenster offen gelassen. Nachts musste es wohl ordentlich gezogen haben, und der Wind hatte meine Stimme hinausgeweht, wo sie in dem Pflanzengitter der Trichterwinden hängengeblieben war. Dort flatterte sie jetzt in der Brise, und auch in ihr hatten sich ein paar Flugsamen verfangen.

Erleichtert zupfte ich sie aus dem Gitter und schüttelte sie sorgfältig aus. Dann schloss ich das Fenster. Das würde mir so schnell nicht wieder passieren!

 

(12.04.2015, 692 Wörter)

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5 Kommentare

  1. Das wäre ein super Plot für ein Bilderbuch, finde ich :-)

    1. Haha, danke! Dann müsste ich nur noch zeichnen können…

  2. Ich sehe das ganze Gesuche richtig vor. Könnte ich sein, der da seine Stimme verlegt hat:-)

    1. Solange du die Abwasserrohre hinterher wieder zusammenschraubst… :-P

      1. Das hab ich bisher immer noch geschafft.

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