Pilzsaison

„Es hat geregnet“, Jakob drehte sich zu mir um. „Schau nur, alles ist noch feucht. Die Pilze sind heute Nacht bestimmt gewachsen wie verrückt.“ Er sah mich mit leuchtenden Augen an. Ich schaute über seine Schulter aus dem Fenster. Die Wiese hinter unserem Haus dampfte. „Ja, sieht nach perfektem Pilzwetter aus. Wollen wir?“

Ich hätte nicht fragen müssen. Sein Blick sagte mir alles.

Jakob war ein leidenschaftlicher Pilzjäger, und seit wir zusammen wohnten, hatte er mich angesteckt. Ich war in der Großstadt aufgewachsen, und obwohl ich gern Pilze aß, hatte ich mit dem ganzen Durch-den-Wald-Laufen und Rumsuchen nie viel anfangen können. Pilze kamen, soweit es mich betraf, aus dem Supermarkt.

Jakob dagegen ging seit er laufen konnte jeden Spätsommer in die Pilze. Sein Vater hatte ihm alles darüber beigebracht, was er von seinem Vater, Jakobs Großvater, gelernt hatte. Die ganze Familie war pilzverrückt, und nun, da wir das Haus zwischen Stadtrand und Wald bezogen hatten, hatten sie es geschafft, mich anzustecken.

„Na, dann mal los“, ich grinste und gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Auf geht’s, mein furchtloser Held. Lass uns Pilze jagen.“ Wir zogen festes Schuhwerk an, hängten uns die Gewehre um und steckten jeder ein scharfes Pilzmesser ein. Dann riefen wir Robert, unseren Hund, und machten uns auf den Weg. Um den Wald zu erreichen, mussten wir nur unseren Garten durchqueren und uns zwischen Kompost und Johannisbeersträuchern hindurchzwängen. Schon umfing uns der Duft von feuchtem Laub und frischen Pilzen.

Noch konnten wir keinen sehen, aber sie kamen auch selten so nahe an besiedelte Gebiete, und wir hatten nichts dagegen, die Suche mit einem kleinen Waldspaziergang zu verbinden. Robert lief voraus und beschnüffelte jeden interessanten Baum – woran auch immer ein Hund festmacht, welcher Baum interessant ist.

Anfangs hielten Jakob und ich Händchen beim Laufen, aber irgendwann ließ er mich los. „Ich liebe dich, Stephan, aber wir sollten beide Hände freihaben“, er gab mir einen Kuss, „riechst du das? Wir kommen ihnen näher.“

Ich schnupperte. Ja, der Pilzgeruch war stärker geworden. Auch Robert wurde unruhig und hielt sich dichter bei uns. Ich schaute mich aufmerksam um. Bewegte sich dort hinten etwas, oder war das nur der Wind in den Bäumen?

Jakob schaute in die gleiche Richtung. „Ein Pfifferling“, flüsterte er, und jetzt erkannte ich auch die typische orangerote Färbung und die Trichterform, von der eine Ecke hinter dem Baum hervorlugte.

„Wir kreisen ihn ein“, beschloss Jakob. „Du gehst rechtsrum, ich linksrum. Nimm Robert mit. Wenn wir ihn in der Zange haben, versuche ich ihn mit dem Messer zu kriegen. Wenn er seitlich ausbricht, schieß auf ihn. Aber versuch, mich nicht zu erwischen“, er zwinkerte mir zu, und ich streckte ihm die Zunge heraus. Ich hatte mich noch nicht getraut, mit einem Messer auf einen Pilz loszugehen, da hatte Jakob mir jahrelange Erfahrung voraus, aber zu seinem nur schlecht versteckten Leidwesen war ich der bessere Schütze. Ich nahm also mein Gewehr in die Hand und begann, einen Bogen nach rechts zu schlagen und dabei möglichst wenig Geräusche zu machen.

Robert lief dicht neben meinen Füßen. Er wirkte angespannt, seine Ohren waren aufgestellt, und er hielt die Nase auf dem Boden. Inzwischen konnte ich Jakob nicht mehr sehen. Kein Problem, ich musste nur noch um diesen Strauch herum, und dann sollte der Pfifferling zwischen uns sein. Ich musste ihm nur den Fluchtweg abschneiden, Jakob würde ihn bestimmt erwischen, aber nur für den Fall überprüfte ich, ob mein Gewehr schussbereit war. Geschnittene Pilze schmeckten besser als geschossene, aber wir wollten auf keinen Fall mit leeren Händen heimkommen. Nicht am ersten Tag der Pilzsaison!

Plötzlich knurrte Robert. Ich zuckte zusammen und blieb stehen. Was hatte er? Wir hatten den Pfifferling doch noch gar nicht erreicht. Ich bückte mich und tätschelte ihm den Rücken, doch er ließ sich nicht beruhigen. Mit gefletschten Zähnen starrte er den Strauch an, der zwischen uns und dem Versteck des Pfifferlings stand. Ich folgte seinem Blick. Was hatte er nur?

Plötzlich brach ein junger Champignon aus dem Gebüsch hervor und stürzte sich auf Robert. Ich schrie auf vor Schreck, und Robert jaulte. Der Pilz hatte ihn offensichtlich erwischt.

Jetzt kämpften die beiden, ein wilder Wirbel aus Zähnen, Klauen, Fell und Myzel. Ich stand fassungslos daneben. Was sollte ich machen? Das Gewehr war nutzlos, ich wollte auf keinen Fall Robert treffen. Doch ich musste ihm irgendwie helfen…

Das Pilzmesser! Ich riss die scharfe, unterarmlange Klinge aus der Scheide an meinem Gürtel und stellte mich breitbeinig hin, wie Jakob es mir gezeigt hatte. Dann passte ich einen Augenblick ab, in dem der Pilz oben war. Ich packte den Rand seines Hutes – Lamellen brachen unter meinen Fingern, aber ich hielt fest – und stieß die Klinge tief in seinen Fruchtkörper.

Er sackte sofort zusammen.

Ich zog den leblosen Pilz von Robert. Der arme Hund schüttelte sich und leckte sich die Seite, wo ihn die Klauen des Champignons erwischt hatten, doch als ich ihn genauer untersuchte, stellte ich erleichtert fest, dass es nichts Ernstes war. Ich packte den Champignon und stopfte ihn in meinen Korb. Wo war Jakob?

Da kam er schon um das Gebüsch herum. „Was veranstaltet ihr denn hier?“, fragte er unwirsch, „den Pfifferling habt ihr jedenfalls vertrieben mit eurem Radau.“

Ich grinste stolz und zeigte ihm meinen vollen Korb. „Er hat uns aufgelauert. Aber dafür habe ich heute meinen ersten Pilz geschnitten!“

Jakob betrachtete den toten Champignon, den verletzten Robert und mich. Dann grinste auch er. „Gut gemacht, Schatz! Heute gibt es ein Festmahl.“ Er küsste mich, und Hand in Hand gingen wir zurück nach Hause.

 

(19.04.2015, 921 Wörter)

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3 Kommentare

  1. Das müssen ja große Pilze sein. Ich habe die ganze Zeit diese Fongo-Ongos aus Final Fantasy 8 vor mir gesehen….

    1. Ja, ungefähr so ;-)

  2. So in der Art habe ich mir das mit dem Pilze-Jagen immer vorgestellt :-)

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