Von Hühnern und Eiern

Es war einmal vor langer Zeit, in einer weit entfernten Galaxie, da hatten die Hühner genug vom Eierlegen.

„Immer nur arbeiten“, beschwerten sie sich, „tagein, tagaus Körner picken, Eier legen, wieder Körner picken – und wozu? Damit die Menschen uns die Früchte unserer Mühe unter dem Hintern wegstehlen!“

„Rührei machen sie draus“, erzählte ein Huhn. „Spiegelei!“, krakeelte ein anderes. „Und – unglaublich, aber wahr – sogar Omelette!“, entsetzte sich ein drittes.

„Und wir? Müssen Körner picken.“

„Schweinerei!“

Menscherei!“

„Wir haben keinen Bock, Bock, Bock mehr!“

Und so beschlossen die Hühner, in Streik zu treten. Fortan legte sie keine Eier mehr, und sie pickten auch keine Körner. Stattdessen besetzte eine Abordnung die Küche der Menschen, um die Streikenden zu versorgen.

Eine Weile lief das ganz gut so; die Hühner verbrachten ihre Tage damit, Protestnoten zu verfassen, Slogans zu skandieren und Plakate vor dem Bauernhof herumzutragen, und wenn sie Hunger bekamen, versorgte die Abordnung in der Küche sie mit Brot und Käse. Doch mit der Zeit wurde es einigen Hühnern zu langweilig, und so begannen sie, sich von den Demonstrationen fortzustehlen und sich mit anderen Dingen zu beschäftigen.

Es war eine Zeit großer geistiger Fruchtbarkeit. Befreit vom Zwang zum Eierlegen, konnten die Hühner stattdessen Ideen ausbrüten, und die hühnische Philosophie und Wissenschaft gelangte zu ungekannter Blüte. Als sie schließlich merkten, dass der Bauer und seine Familie den Hof bald nach Beginn des Hühnerstreiks Hals über Kopf verlassen hatte, aus Angst vor der Macht des nun erwachten Vogeltariats, waren sie bereit, die Wirtschaft selbst zu übernehmen.

„Aber“, wandte ein altes, weises Huhn ein, „warum sollten wir die Produktionsbedingungen des ausbeuterischen Menschitalismus übernehmen? Lasst uns unsere eigene utopische Lebensform finden. Lasst uns nach den Sternen greifen!“

Die Hühner stimmten dem alten, weisen Huhn zu, und bald flogen die Vorschläge hin und her. Nun aber stellten sie fest, dass die Basishühnokratie einen Nachteil hatte: Wie viele Hühner, so viele Meinungen, und sie konnten und konnten sich nicht einigen. Schließlich schlug ein junges, schlaues Huhn etwas ganz Neues vor: „Warum können wir nicht mehrere Dinge probieren? Die einen bleiben hier und führen den Bauernhof nach ihren Vorstellungen. Die anderen brechen auf und greifen nach den Sternen.“ Der Vorschlag verbreitete sich wie ein Laufvogel, und bald fanden sich zwei große Gruppen: Die einen wollten auf dem Hof bleiben und ihn in ein Paradies auf Erden verwandeln. Die anderen aber wollten aufbrechen in die Weite des Weltalls und die frohe Botschaft von der Befreiung des Federviehs im Universum verbreiten und außerdem, ganz wie das alte, weise Huhn es gesagt hatte, nach den Sternen greifen, denn Hühner sind sehr wörtliche Vögel.

Da sie sich ja, wie gesagt, in der Blüte der Wissenschaft befanden, war ein Raumschiff schnell gebaut. Die abenteuerlustigsten Hühner bestiegen es, winkten noch einmal zum Abschied und brachen dann auf.

Zu ihrem großen Erstaunen stellten sie fest, dass die Sterne nicht, wie sie gedacht hatten, leuchtende Körner auf dem Himmelshof waren, und so mussten sie diesen Teil ihrer Mission bald aufgeben. Stattdessen aber fanden sie, in einem kleinen Sonnensystem auf einem kleinen Spiralarm einer mittelgroßen Galaxie, einen Planeten mit nahezu perfekten Lebensbedingungen für Hühner, und so beschlossen sie, sich dort niederzulassen.

Die Lebensbedingungen waren wirklich ganz ausgezeichnet, und bald entwickelten die Hühner sich prächtig. Sie legten sich Zähne zu und lange Krallen, wuchsen in riesige Höhen und bevölkerten die Erde in zahllosen gigantischen Formen, bis ein Meteoritenabsturz sie wieder zur Verzwergung und Vervogelung zwang. Über viele Jahrmillionen hinweg jedoch vergaßen sie ihre Geschichte, und als auch auf diesem Planeten sich Menschen entwickelten, da ließen sie sich wieder einfangen und zum Eierlegen und Körnerpicken zwingen. Eines Tages jedoch werden sie sich erinnern…

Und jetzt wisst ihr zumindest für die Erde, wer zuerst da war, das Huhn oder das Ei: Es war das Huhn, und sie stammen nicht nur von den Dinosauriern ab, nein, die Dinosaurier stammen auch von den Hühnern ab. Und wenn ihr das nächste Mal ein Rührei oder ein Spiegelei oder – unglaublich, aber wahr – sogar ein Omelette esst, dann denkt daran, dass das Huhn, das es gelegt hat, vielleicht eines Tages nach den Sternen greifen wird.

 

(26.04.2015, 689 Wörter)

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9 Kommentare

  1. Oh eine Parabel :)

  2. Oder eine Fabel? Hm.

  3. Die Zivilisation der Hühner… So war das also. Ich wusste doch schon immer, dass Hühner nicht ganz normal sind.

  4. Gab’s da nicht diesen Film: „Das Huhn, das vom Himmel fiel?“ Mit Klara Hühnerbein in der Kasserolle … äh … Haupthuhnrolle. :D

  5. Danke für diesen kleinen Einblick in die Hühnerevolution! ;-)

  6. Hühner sind großartig, ich wusste es schon immer! :) Gefällt mir!

    1. Danke! Das freut mich :-)

  7. :) Das ist wirklich genial.

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