Schreiben für den Papierkorb

An manchen Tagen fällt mir das Schreiben schwer. Manchmal, weil mein Kopf zu leer ist und mir einfach nichts einfällt; manchmal, weil er zu voll ist und meine Gedanken von einem Punkt zum anderen springen, viel zu schnell, als dass mein Tippen mithalten oder ich einen zusammenhängenden Text daraus basteln könnte. Trotzdem möchte ich es zumindest versuchen, denn mit dem Schreiben, davon bin ich überzeugt, ist es wie mit jeder anderen Fertigkeit: Man wird nur besser, wenn man übt.

Also setze ich mich hin, schalte den Computer an und tippe drauf los, oder ich nehme ein Blatt Papier und einen Stift und schreibe. Wenn mir dann gar nichts einfällt, wenn ich minutenlang auf die leere Seite gestarrt habe und nichts zustande bringe, dann hilft mir oft eine ganz simple Übung: für den Papierkorb schreiben. Wie ein Sportler sich aufwärmt, bevor er sich an das eigentliche Training macht, und alle Muskeln schon mal bewegt, ohne dabei ein anderes Ziel zu haben, als eben die Bewegung selbst, so wärme ich meine Schreibmuskeln auf, indem ich sie benutze, ohne dabei ein anderes Ziel zu haben als das Schreiben selbst. Egal, was ich dabei produziere, ich weiß, es kommt hinterher in den Papierkorb, ob in den echten oder den virtuellen.

Das Wissen, dass mein Erzeugnis von vornherein Makulatur ist, bringt eine gewisse Befreiung mit sich. Ich muss keine zusammenhängenden Gedanken mehr fassen, denn ich werfe den Text ja ohnehin weg. Ich muss keine vollständigen Sätze bauen, denn sie werden am Ende sowieso gelöscht. Ich muss keine klangvollen Worte mehr finden, denn alles verschwindet anschließend, ohne dass ein Mensch außer mir es gesehen hätte, und auch ich selbst lese es nicht mehr durch. Ich markiere alles und drücke die „Entfernen“-Taste. Ich knülle die Seite zusammen und werfe sie in den Papierkorb (oder zumindest in dessen Richtung).

Und dann nehme ich eine neue Seite und fange mit dem eigentlichen Text an.

Manchmal gelingt mir bei einer solchen Übung sogar ein ganz netter Satz. Dann braucht es etwas mehr Nervenstärke, ihn wegzuwerfen, und ich gebe zu, mehr als einmal habe ich diesen Satz aufgehoben. Aber ein Satz macht noch keinen Text, und ich habe einen ganzen Friedhof voller einzelner Sätze, die ich zu schön finde, um sie wegzuwerfen, aus denen aber ums Verrecken keine Geschichte entstehen will. Auch deshalb ist es gut, wenn ich mir von Anfang an klar mache, dass dieses Schreiben für den Papierkorb und nichts sonst ist. Wenn der Satz wirklich so gut war, dann muss er wiederkommen, nachdem ich alles gelöscht und mit dem eigentlichen Schreiben angefangen habe. Und manchmal funktioniert das tatsächlich.

Öfter noch als ein ganzer Satz ist es eine Idee, die beim Aufwärmen auftaucht, der Keim einer Geschichte. Wenn das passiert, schreibe ich vielleicht noch ein, zwei Wörter oder Satzfragmente, um dem Keim ein bisschen Raum zum Wachsen zu geben, und wenn er dann eine Wurzel in meinem Gehirn verankert habe, weiß ich, dass ich aufgewärmt bin. Dann kann ich das Aufwärm-Gekritzel verwerfen und mit Hilfe dieses Keims mit der eigentlichen Arbeit beginnen.

Und manchmal, ja, da kommt nichts dabei raus als eine Seite voller Bla. Leere Worthülsen, dümmliche Halbsätze, genervtes Stream of Consciousness. In einem Wort: Unbrauchbar. Dann macht es richtig Spaß, das alles wegzuwerfen.

Auch wenn dann die eigentliche Arbeit erst anfängt.

 

(03.05.2015, 544 Wörter)

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4 Kommentare

  1. Für mich bleiben Schriftsteller ein Rätsel, die tagtäglich stundenlang schreiben. Ich brauche den Funke und inneren Freiflug und könnte mich nicht motivieren, zumal vielleicht der Papierkorb naht :-) Allerdings kann ich davon auch nicht auf die Motivation Anderer schließen,.

    1. Stundenlang und jeden Tag schreibe ich auch nicht, aber mindestens einmal pro Woche ;-) Nicht, dass ich einroste…

  2. Zur Zeit bin ich Gelegenheitsschreiberin. Vor einer Weile 7 Artikel am Stück. Dann wieder Tagelang keinen. Schreiben als Beruf(ung), hat eine andere Qualität. Aber der Alltag kann ablenken. Und nüchterne Zahlen.

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