Fernbus Dresden–Berlin, abends

Die Sonne geht unter und taucht die Barockfassaden von Dresden noch einmal in warmes Licht. Der Goldschmuck auf den Dächern antwortet mit seinem eigenen Funkeln, und eine Weile strahlen sie um die Wette, die kleinen goldenen Statuen und Kuppeln und der große goldene Ball am Himmel.

Im Osten sind der Himmel und die Elbe schon tiefdunkelblau, und die Nacht wandert Schatten für Schatten in die Straßen ein. Schon kann man die alten und die neuen Steine in den Mauern der Frauenkirche nicht mehr voneinander unterscheiden. Schon versinkt der Fassadenschmuck im Dunkeln, und nur die Formen der reich verzierten Dächer künden noch von der barocken Pracht, für die diese Stadt berühmt ist, dieses Elbflorenz, Perle in der Schatzkammer Augusts des Starken und Hort seiner reichen Sammlungen. Ihr Gold, Geschmeide und Porzellan liegt hinter dunklen Mauern, und nur eine Silhouette kündet noch vom künstlerischen Ehrgeiz des Fürsten.

Die Sonne sinkt tiefer und rötet sich, von glühendem Orange zu dunklem Rot. Schon greift der Horizont nach ihrem Rand, zieht sie hinter seinen schwarzen Rücken. Das Dunkelblau schiebt sich von Ost nach West, legt sich wie eine Decke über die Stadt. Schon erstirbt der letzte Goldglanz auf den Giebeln, streckt sich der letzte Strahl vergeblich nach dem schönen Spiegel, und bald wird sich das letzte Licht geschlagen geben müssen. Doch noch ist die Sonne sichtbar, späht sie rotwangig über den Horizont und liebkost die letzten Häuserecken, die sie erreichen kann, streichelt Rundbögen und hascht nach Fensterglas.

Doch die Stadt gehört ihr nicht mehr. Jetzt übernehmen die Straßenlampen und Autoscheinwerfer, und die Sonne gibt schließlich auf, sinkt hinter den Horizont und hinterlässt nur in ein paar Wolkenstreifen ihren roten Fingerabdruck.

Wir steigen hinter dem Hauptbahnhof in den Fernbus und verlassen die Stadt gemeinsam mit den letzten Sonnenstrahlen. Bald sind wir auf der Autobahn und fahren nordwärts, sodass ich aus dem linken Fenster, an dem ich sitze, das Farbenspiel des westlichen Horizonts beobachten kann. Je weiter wir uns von Dresden entfernen, desto schmaler wird der helle Streifen dort, spielt von gelborange und blassblau über dunkelrot und tiefblau bis zum Indigo der Blauen Stunde und dann ins Schwarz der Nacht.

Die Autobahn ist leer, nur wenige Autos sind unterwegs. Auch die Landschaft zu meiner Seite ist leer. Felder, Wiesen, ein paar niedrige Bäume; karg und kahl im Vergleich zu der barocken Pracht Dresdens, die wir gerade verlassen haben. Wenig, das mir den Blick zum Himmel verstellt. Ich sehe einen Stern, zwei, drei. Dann die Scheinwerfer eines Autos auf der Gegenfahrbahn. Dann wieder Himmel.

Die Zeit verschwimmt in der vorbeiziehenden Landschaft, und irgendwann weiß ich nicht mehr, wie weit wir schon gefahren sind, wie weit es noch ist. Dann tauchen wieder Lichter auf, Siedlungen, S-Bahnhöfe, Werbung. Wir sind in Berlin. Ampeln, Scheinwerfer, Ampeln. Dann der Busbahnhof.

Wir steigen aus. Hier zeigt Berlin seine betonste Seite, Parkplatz, Gleise, eckige, schmucklose Fassaden. Neonlicht. Rolltreppe. Hell erleuchtete S-Bahn. Und dann: Zu Hause. Kein Goldschmuck, nicht in diesem Viertel, keine Barockfassaden oder Kuppeln. Das Kanalufer ist keine Elbterasse.

Schönheit hat viele Formen.

 

(11.05.2015, 500 Wörter. Wie, schon Montag? Ups… Jetzt wisst ihr immerhin, womit ich den Sonntag verbracht habe, statt zu schreiben: Ich war tatsächlich in Dresden, und dank Bahnstreik waren wir sehr viel länger unterwegs als geplant. Leider ist dem auch mein wöchentlicher Post zum Opfer gefallen, bzw. hat sich eben auf heute verschoben.

Der eigentliche Text für diese Woche kommt aber vor nächsten Montag, versprochen!)

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