Ein langes Wochenende

Es war ein langes Wochenende gewesen, in jeder Hinsicht. Zum einen hatte es schon am Donnerstag begonnen, denn da war Christi Himmelfahrt gewesen, und wie so viele hatte Rike sich den darauffolgenden Freitag ebenfalls freigenommen. Vier Tage Wochenende, das lohnte sich doch mal wirklich. Gern hätte sie alle vier Tage damit verbracht, lang zu schlafen und wenig zu tun; einfach mal ein bisschen ausspannen, sich erholen. Vielleicht ein paar von diesen lästigen Pflichten abhaken, zu denen man so selten kam; Fensterputzen wäre zum Beispiel mal wieder dran.

Doch es war anders gekommen, und das war der zweite Grund, warum sie jetzt, am Sonntagabend, das Gefühl hatte, das Wochenende sei so viel länger gewesen als eine ganze normale Woche. Am Donnerstag hatte sie noch ausschlafen können, und nach einem sehr späten Frühstück hatte sie schon überlegt, mit den Fenstern anzufangen, sich dann aber gesagt, dass sie ja noch drei Tage Zeit hatte. Also hatte sie sich stattdessen erst einmal mit einem Buch auf den Balkon gesetzt und das schöne Wetter genossen.

Dann hatte es an der Tür geklingelt.

Rike legte das Buch seufzend zur Seite und ging zur Gegensprechanlage. „Ja, bitte?“, fragte sie. Sie rechnete eigentlich mit niemandem, aber vielleicht wollte ein Paktebote etwas für einen Nachbarn abgeben – ach nein, doch nicht an einem Feiertag. Wer konnte das also sein?

„Rike, gut, dass du daheim bist!“, scholl ihr die Stimme ihrer Schwester Sarah entgegen. „Es tut mir so leid, dass ich dich überfallen muss, aber kannst du heute auf Marcus aufpassen?“

„Äh, jetzt gleich?“, fragte sie verwirrt zurück. Marcus war ihr Neffe, und sie hatte ihn eigentlich gern, aber das war jetzt doch ein bisschen arg spontan. Was war denn los? Ihre Schwester war doch sonst nicht so…

„Super, ich bring ihn gleich hoch!“, antwortete Sarah, und Rike blieb nichts anderes übrig, als den Türöffner zu betätigen. Schließlich konnte sie ja nicht ihre eigene Schwester vor der Tür stehen lassen…

Zwei Minuten später standen Sarah und Marcus in Rikes Küche, und Sarah erklärte, was passiert war. Sie war mit ihm einkaufen gewesen, nur ein paar Straßen weiter, als ihr Mann angerufen hatte: Bei ihnen im Haus hatte es gebrannt. Sie hatte keine Ahnung, wie schlimm es war, denn mitten im Anruf hatte ihr Handyakku aufgegeben, aber wenigstens schien es ihrem Mann gut zu gehen. Nur, nach Hause konnten sie erst einmal nicht, und mit dem vierjährigen Marcus an der Hand, der ohnehin vom Einkaufen müde und quengelig war, wollte sie auch nicht durch die ganze Stadt hetzen und ihren Mann suchen. Also setzte sie ihn erst einmal bei Rike ab und lieh sich dann ihr Telefon, um Näheres herauszufinden.

„Bring ihn am besten ins Bett“, hatte sie noch vorgeschlagen, „bevor er ausgeschlafen ist, wird seine Laune nicht mehr besser.“ Dann hatte sie sich mit dem Telefon in der Küche verschanzt.

Rike hatte den Kleinen erst einmal auf die Couch bugsiert und eine Decke für ihn aufgetrieben, aber obwohl man ihm anmerkte, wie müde er war, weigerte er sich einzuschlafen.

„Ich hab Durst, Tante Rike“, jammerte er, und nachdem sie ihm ein Glas Wasser gebracht hatte: „Lies mir was vor!“

„Willst du nicht erstmal schlafen?“, fragte sie, doch er verzog das Gesicht. „Du musst eine Gutenachtgeschichte vorlesen“, verlangte er, „sonst kann ich nicht schlafen.“

„Willst du es nicht wenigstens versuchen?“, fragte sie vorsichtig, doch als sie sah, wie seine Lippe zitterte, als wollte er gleich heulen, seufzte sie und gab nach. „Na gut. Kuschel dich schon mal zurecht, ich hole ein Buch.“ Nicht, dass sie so viele Kinderbücher im Haus hatte… Ah, aber ein altes Märchenbuch. Das musste es tun.

Als sie ins Wohnzimmer zurückkam, hatte Marcus die Decke heruntergeworfen und dabei den halben Couchtisch abgeräumt. „Mir ist warm“, jammerte er. Also zog sie ihn erst einmal bis auf Unterhemd und -hose aus. Dann deckte sie ihn wieder zu und begann vorzulesen.

„Das kenn ich schon“, unterbrach er sie nach wenigen Sätzen. Sie versuchte es mit der nächsten Geschichte, dann mit der nächsten, aber irgendetwas war immer falsch. Schon bekannt, zu langweilig, zu kurz, noch eine… Schließlich zog sie die Vorhänge zu, löschte das Licht und sagte streng: „Jetzt versuch erst mal zu schlafen. Ich komme in einer halben Stunde wieder, wenn du dann noch wach bist, lese ich noch was vor.“ Dann schaute sie erst einmal wieder nach Sarah.

Die hatte inzwischen herausgefunden, dass ihr Mann mit Verdacht auf Rauchvergiftung ins Krankenhaus gebracht worden war. Ihre Wohnung war wohl nicht betroffen, aber das Treppenhaus hatte gebrannt, und der Rauch war in alle Wohnungen gezogen. Die Feuerwehr hatte ihnen geraten, ein paar Tage lang woanders unterzukommen.

„Können wir bei dir…?“, fragte Sarah, und natürlich sagte Rike ja. Sie überließ den beiden ihr Bett und richtete sich aus Schlafsack und Isomatte ein Lager im Wohnzimmer her, denn auf der Couch lag ja schon Marcus, der nun endlich schlief. Das wiederum hieß allerdings, dass er am nächsten Morgen schon um sechs Uhr wach war, und ob Rike wollte oder nicht, sie musste mit ihm spielen, dann Frühstück machen, dann wieder spielen, bis endlich Sarah und ihr Mann, der noch am Abend aus dem Krankenhaus entlassen worden war, ebenfalls aufgestanden waren.

Die schönen Ausschlaftage waren damit vorbei, bevor sie angefangen hatten. Sarah gab sich wirklich Mühe, ihr nicht zur Last zu fallen, aber Marcus war, so lieb er sein konnte, doch ein Energiebündel, und statt die Fenster zu putzen, durfte Rike ihre Wohnung kindersicher machen, während ihr Neffe vor ihr herlief und alles aus den Schränken zog, was er auf keinen Fall in die Finger kriegen sollte.

Am Sonntagabend schließlich verabschiedeten sich ihre Überraschungsgäste in der Hoffnung, dass ihre Wohnung nun ausreichend rauchfrei war. „Vielen Dank für deine spontane Hilfe“, sagte Sarah noch, und: „Schön, dass du dich so gut mit Marcus verstehst!“ Dann waren sie endlich weg.

Rike ließ sich aufs Sofa fallen und starrte ihre ungeputzten Fenster an. Von diesem langen Wochenende musste sie sich erst mal erholen…

 

(17.05.2015, 995 Wörter)

Advertisements

ein Kommentar

  1. Ohje, so spontan, das wäre für mich auch nichts… :-D

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: