Im Supermarkt

Jonas packte seine Einkäufe auf das Kassenband. Eier, H-Milch, Cornflakes, Cola, eine Tüte Chips, ein Sixpack Bier… eine Packung frische Paprika, immerhin, damit es nicht ganz so ungesund aussah. Irgendwie hatte er immer das Gefühl, dass alle auf seine Einkäufe schauen und ihn dafür verurteilen würden, was vermutlich daran lag, dass er dasselbe mit den Einkäufen der älteren Dame vor ihm tat. Sie hatte offensichtlich einen Hund, oder vielleicht auch mehrere, der Menge an Dosen nach zu schließen, die sie noch immer aus ihrem Einkaufswagen auf das Band stapelte.

Der Kassierer hatte schon angefangen, das Hundefutter Dose für Dose zu scannen, als sie endlich fertig war. Jonas verdrehte die Augen. Wahrscheinlich würde sie auch noch passend bezahlen wollen und dafür eine halbe Stunde lang Kleingeld aus dem Geldbeutel kramen, nur um am Ende festzustellen, dass ihr zwei Cent fehlten, und dann doch mit einem Fünfzig-Euro-Schein zu bezahlen.

Jonas schaute sich um. Leider war diese Kasse die einzige, die momentan offen war, sonst hätte er sich bestimmt nicht hier angestellt. Die Schlange hinter ihm wurde auch immer länger. Merkte diese dumme Alte denn gar nicht, wie sie den ganzen Laden aufhielt? Jonas seufzte. Er hasste es, sich länger als irgend nötig im Supermarkt aufzuhalten. Hier sammelte sich wirklich der Abschaum des Viertels. Wie die junge Mutter hinter ihm. Warum mussten die Leute ihre Kinder unbedingt zum Einkaufen mitnehmen? Noch hielten sie wenigstens die Klappe, aber sie würden bestimmt gleich anfangen zu quengeln. Kinder quengelten doch immer.

Naja, wenigstens hatte der Alki hinter ihr keine Kinder. Jonas schämte sich ja schon für seinen Sixpack, aber der Typ hatte ne ganze Kiste. Wahrscheinlich würde er die Hälfte seines Einkaufs mit im Park gesammelten Pfandflaschen bezahlen.

„Acht dreiundsiebzig“, raunzte der Kassierer, und Jonas drehte sich zu ihm um. Nanu, war er schon dran? Da war die Alte mit dem Hundefutter aber schnell gewesen. Jonas zog den Geldbeutel aus der Hosentasche. „Augenblick“, murmelte er. Verdammt, jetzt war er derjenige, der alle aufhielt. Dreiundsiebzig Cent, das hatte er bestimmt passend, aber… Neenee, wenn er jetzt mit Kleingeldzählen anfing, würde eines der Kinder sicher unruhig werden, und darauf hatte er wirklich keine Lust. Er zog einen Zehn-Euro-Schein heraus und hielt ihn dem Kassierer hin. Während der sein Wechselgeld abzählte, schaute Jonas sich unauffällig um. War seine Zerstreutheit aufgefallen? Es sah nicht so aus.

Erleichtert nahm er das Kleingeld entgegen und raffte seine Sachen zusammen. Bloß schnell die Kasse freimachen, bevor jemand bemerkte, wie ihn das aus der Bahn geworfen hatte. Er blickte noch einmal zu der jungen Mutter, doch die konzentrierte sich auf ihre Einkäufe. Nur eines der Kinder schaute in seine Richtung, schien aber auch nicht besonders an ihm interessiert zu sein.

Überhaupt schaute es nirgendwo besonders lange hin. Ob es wohl ADS hatte? Er selber war als Kind viel aufmerksamer gewesen, da war er sicher.

Jonas ließ einen Arm voll Einkäufe auf die breite Fensterbank fallen und begann, die Sachen in seinen Rucksack zu stopfen. Wo war eigentlich die Hundefutter-Frau? Sie musste wohl schon den Supermarkt verlassen haben. So ein Tempo hätte er ihr gar nicht zugetraut. Alte Leute waren doch sonst immer so langsam. Verdammt, warum passten die Paprika nicht mehr rein? Er schaute zur Kasse zurück. Die Schlange war nicht kürzer geworden. Ob er sich wohl nochmal kurz vordrängeln konnte, um eine Plastiktüte zu kaufen? Lieber nicht. Was würden die Leute von ihm denken? Lieber lief er mit einer Packung Paprika in der Hand nach Hause. Immer noch besser als mit einem Sixpack Bier.

Er zog den Reißverschluss seines Rucksacks zu. Neben ihm tat die junge Mutter dasselbe. War sie etwa auch schon mit dem Einkaufen fertig? Was war nur los mit ihm, dass er so langsam war? Ob das wohl jemandem aufgefallen war? Er lächelte der Mutter entschuldigend zu, doch sie schaute nur zu ihren Kindern. „Kommt schon“, forderte sie sie auf, „zu Hause gibt’s Kekse. Weil ihr so brav wart heute.“

Jonas schüttelte den Kopf. Kinder mit Süßigkeiten bestechen, also wirklich. Wenn er erst mal Kinder hatte, würde er sie besser erziehen, da war er sicher. Überhaupt. Warum konnten die Leute nicht mehr wie er sein? Dann würde so vieles besser laufen.

Er setzte den Rucksack auf und drängelte sich an der jungen Familie vorbei aus dem Supermarkt. Dass andere Leute aber auch immer so langsam gehen mussten!

 

(31.05.2015, 718 Wörter)

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2 Kommentare

  1. Ein Vorurteil zur rechten Zeit… ;-)

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