Tag des Haustiers (Teil 1)

„…und denkt daran, Kinder, nächsten Montag ist Tag des Haustiers an unserer Schule“, sagte Frau Müller zum Abschluss, „also bereitet den Vortrag über euer Haustier vor, und wenn es geht, dann bringt es auch mit. So können wir alle etwas über Tiere lernen, und eure Freunde in der Schule lernen eure tierischen Freunde kennen!“ Sie lächelte aufmunternd in die Runde. Lisa-Marie senkte den Kopf und packte langsam ihre Sachen zusammen. Tag des Haustiers. Was für eine bescheuerte Erfindung. Ob sie an dem Tag wohl krank spielen konnte? Aber ihre Eltern fielen nie auf sowas herein.

Sie schaute sich im Klassenzimmer um. Die meisten anderen Schüler erzählten begeistert von ihren Tieren, zeigten Handyfotos herum und planten großartige Vorführungen der tollen Tricks, die ihre Minkas oder Bellos oder Pünktchens gelernt hatte. Nur Jonas wirkte ein bisschen traurig, denn sein Aquarium konnte er natürlich nicht mitbringen, aber sie wusste, dass er dafür stundenlang über seine tollen tropischen Zierfische reden konnte. Und sie? Was sollte sie machen? Behaupten, dass sie auch Fische hatte? Aber wenn sie log, wurde sie immer rot, das würden bestimmt alle merken. Außerdem fand sie Fische eigenlich doof. Vielleicht könnte sie ein Pflegepferd erfinden? Das könnte sie auch nicht mitbringen, und das wünschte sie sich schon lange – da fiele es ihr bestimmt nicht schwer, ein bisschen zu flunkern und ihre Träume als Wahrheit zu verkaufen, oder?

Lisa-Marie seufzte. Am liebsten wäre es ihr, wenn der Tag des Haustiers gar nicht stattfände.

Hinter ihr echote jemand ihren Seufzer. Sie drehte sich um. Machte sich etwa jemand über sie lustig? Doch die Neue – wie hieß sie noch einmal? Genoveva oder sowas, irgendein schrecklich altmodischer Name – sah ernsthaft niedergeschlagen aus. Ob es ihr wohl genauso ging wie Lisa-Marie?

„Hast du auch kein Haustier?“, fragte sie leise. Genoveva schreckte hoch. Sie hielt normalerweise Abstand von den meisten und hatte auch deshalb bisher keine Freunde in der Klasse. Jetzt schaute sie Lisa-Marie mit großen Augen an, als könnte sie sich nicht vorstellen, dass jemand sie ansprach.

Schließlich schüttelte sie den Kopf. „Das ist es nicht“, erklärte sie, „aber Mama wird mir nicht erlauben, Faffi mitzubringen. Und wenn ich ihn nicht mitbringen darf, wird Frau Müller mir wieder nicht glauben, und dann kriege ich eine schlechte Note…“ Sie schniefte, und Lisa-Marie bekam Mitleid.

„Aber warum sollte sie dir nicht glauben?“, fragte sie, „Frau Müller ist doch voll nett. Und Jonas bringt seine Fische schließlich auch nicht mit und kriegt trotzdem gute Noten.“

Genoveva zuckte mit den Schultern. „Sie kennt unsere Familie eben nicht. Weißt du noch, am Anfang des Schuljahres? Als wir über unser schönstes Ferienerlebnis schreiben sollten?“

Lisa-Marie nickte. Das hatte sie auch anstrengend gefunden, denn sie hatten den ganzen Sommer zu Hause verbracht, anstatt nach Italien zu fahren oder nach Mallorca oder, wie Anna-Lena, nach Florida, oder wenigstens an die Ostsee. Zu Hause erlebte man nun mal keine so aufregenden Sachen.

„Naja“, fuhr Genoveva fort, „da hat sie mir auch nicht geglaubt, was ich geschrieben habe. Und meinte, dass ich mir ja gern ein Ferienerlebnis ausdenken dürfte, aber das müsste dann auch glaubwürdig sein. Dabei habe ich kein Wort erfunden!“

Lisa-Marie schüttelte den Kopf. Auf die Idee war sie gar nicht gekommen, aber klar, sie hätte sich ja was ausdenken können! Spannende Abenteuer mit ihrem erfundenen Pflegepferd, so wie Bibi und Tina. Nur ohne Hexen natürlich. Und Genoveva hatte sogar ein echtes Ferienerlebnis gehabt, und Frau Müller hatte ihr nicht geglaubt? „Wie gemein“, entfuhr es ihr.

Genoveva nickte. „Ja, fand ich auch. Aber sie ist nun mal die Lehrerin, und meine Mama hat gesagt, dass ich ihr nicht widersprechen soll.“

„Gemein“, wiederholte Lisa-Marie. Dann kam ihr eine Idee. „Und wenn du mir deinen… Faffi, ja? Wenn du mir deinen Faffi zeigst? Dann kann ich Frau Müller sagen, dass du die Wahrheit gesagt hast. Dann muss sie dir eine gute Note geben! Wo wohnst du eigentlich? Vielleicht kann ich gleich auf dem Heimweg mitkommen.“ Was Faffi wohl für ein Tier war?

„Ich glaube nicht, dass das geht“, wehrte Genoveva ab, „wir wohnen ziemlich weit draußen, und Mama mag es nicht, wenn ich überraschend Besuch mitbringe. Aber ich frage sie heute Abend, ob du uns am Samstag besuchen darfst, okay? Wenn du Lust hast?“ Genovevas Augen leuchteten, und Lisa-Marie brachte es nicht übers Herz, nein zu sagen. Die Arme war bestimmt einsam am Wochenende, so ganz ohne Freunde. Also nickte sie. „Klar! Ich frag meine Eltern auch gleich, ob das geht. Rufst du mich dann an? Meine Nummer steht auf der Klassenliste.“

„Mach ich“, versprach Genoveva. „Bis heut Abend!“ Sie machte den Schulranzen zu und lief aus dem Klassenzimmer. Erst jetzt bemerkte Lisa-Marie, dass sie die letzten waren und Frau Müller nur noch auf sie beide wartete, um das Zimmer abschließen zu können.

„Bis heut Abend!“, rief sie Genoveva hinterher und ging ebenfalls hinaus. Ihr Herz klopfte. Die Neue schien ja wirklich nett zu sein. Vielleicht konnten sie Freunde werden?

 

(07.06.2015, 825 Wörter. Hmm, was Faffi wohl für ein Tier ist? Ob die beiden Mädchen Freunde werden? Und ob ich hier wohl eine Fortsetzung schreiben werde? Man soll die Hoffnung nie aufgeben…

EDIT: Da ist sie, die Fortsetzung!)

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4 Kommentare

  1. Faffi ist natürlich ein Drache :-)
    Ich hab mich über den Text echt gefreut, denn mir ging es genauso wie Lisa-Marie. Allerdings habe ich mir tatsächlich ein Pferd erfunden, dass aber recht weit entfernt auf einem Hof steht und deshalb nicht hergezeigt werden kann. Ich merke gerade, dass ich darüber auch einmal schreiben muss. Danke für di Anregung :-)

    1. Gern :-) Bin gespannt auf das Ergebnis. Und es freut mich, dass dir die Geschichte gefällt! (Ob du mit Faffi richtig liegst, verrate ich, wenn es die Fortsetzung gibt…)

  2. Elche kommen in dieser Geschichte (wider Erwarten) nicht vor. Ein fleischfressender Zombie-Ameisenbär?

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