Die Katze und der Zirkustiger

Es war einmal eine kleine Katze, die lebte in einem kleinen Dorf auf einem kleinen Bauernhof. Dort streunte sie tagein, tagaus durch die Felder und Scheunen, jagte Mäuse und ließ sich mittags die Sonne auf den Pelz scheinen. Es war ein gutes Leben für eine Katze, und die kleine Katze war auch sehr glücklich.

Eines Tages jedoch kam ein Zirkus in das kleine Dorf. Alle waren sehr aufgeregt, denn das war noch nie passiert. Bald schon war das bunte Zirkuszelt umringt von Schaulustigen. Natürlich war auch die kleine Katze sehr neugierig, und so verzichtete sie an diesem Tag auf ihren Mittagsschlaf und schlich sich stattdessen zum Zirkus. Ob sie wohl einen Blick auf die Clowns erhaschen könnte? Oder vielleicht den Akrobaten beim Üben zuschauen? Sie huschte zwischen den Beinen der Dorfbewohner hindurch, schlüpfte unter die Zeltplane und fand sich unter den Zuschauerbänken wieder.

Es roch schon mal sehr interessant, stellte sie fest, nach Sägemehl, Schminke und fremdartigen Tieren. Ob es wohl auch eine Zirkuskatze gab, mit der sie sich unterhalten konnte? Sie lief in Richtung der Manege. Der Geruch wurde immer stärker, und als sie die vordersten Bänke erreichte, konnte sie unter der Absperrung ein Paar riesiger Pfoten erspähen. Aufgeregt schob sie sich näher. Die Absperrung war nahe am Boden, aber die Sägespäne, mit denen das Zelt ausgeschüttet war, waren weich, und so hatte sie schnell ein Loch gebuddelt, durch das sie hindurchpasste.

In der Mitte der Manege saß die größte Katze, die sie je gesehen hatte. Sie war riesig, größer als der Bauer auf ihrem kleinen Hof, und hatte leuchtend gelbes, schwarz gestreiftes Fell. *** Ein Tiger!

Die kleine Katze staunte. Irgendwann bemerkte der Tiger sie und sprach sie an: „Nanu, kleine Katze, was machst du denn hier?“ Da erzählte die Katze, dass der Zirkus sie neugierig gemacht hatte. „Wie ist es denn so im Zirkus?“, wollte sie wissen.

Der Tiger wiegte seinen großen Kopf hin und her. „So ein Zirkus ist schön“, erklärte er, „du kommst viel rum, lernst interessante Leute kennen, und wenn du Kunststücke lernst, erntest du viel Bewunderung. Aber es ist auch anstrengende Arbeit.“

Die kleine Katze hörte mit leuchtenden Augen zu. Sie hatte ihr kleines Dorf noch nie verlassen, und wenn sie ehrlich war, hatte sie bisher auch noch nicht darüber nachgedacht, was es sonst so in der Welt gab. „Ist es schön dort, in der Welt?“, fragte sie.

Wieder wiegte der Tiger seinen Kopf hin und her. „Manches ist schön“, sagte er, „manches ist hässlich. Die Welt ist groß und voller Unterschiede. Aber von einem Zirkus aus bekommt man auch nur einen kleinen Ausschnitt mit.“

„Wie kann man denn mehr sehen?“, fragte die kleine Katze, die mit jedem Wort neugieriger geworden war. „Oh, Tiger, ich möchte so gern die Welt sehen, mit ihren schönen und hässlichen Seiten!“

Der Tiger lächelte traurig. „Ich würde dir gern dabei helfen, kleine Katze. Aber ich fürchte, der Zirkus ist nicht der richtige Ort für dich.“

Da war die kleine Katze betrübt. „Ach, Tiger“, seufzte sie, „du hast ja Recht. Ich bin nur eine gewöhnliche Katze, die auf Feldern und in Scheunen Mäuse jagt. Ich kann keine Kunststücke, und ich sehe nicht so beeindruckend aus wie du. Aber ich möchte doch so gern die Welt kennenlernen!“

Der Tiger betrachtete sie, und ihre Neugier weckte in ihm einen Funken, den er schon lange nicht mehr gespürt hatte. „Der Zirkus ist nicht der richtige Ort für dich, kleine Katze“, wiederholte er, „aber das heißt nicht, dass du die Welt nicht kennenlernen kannst. Komm mit mir, wenn wir abreisen. Du kannst in meinem Wagen schlafen. Nach diesem Dorf besuchen wir eine große Stadt, und dort wirst du schon einmal einen neuen Teil der Welt kennenlernen. Und wenn sie dir gefällt, die Welt, wenn du nicht zurückwillst in dein gemütliches kleines Dorf, dann komm zu mir. Befrei mich aus diesem Käfig. Und wir können gemeinsam den Rest der Welt erkunden.“

 

(12.07.2015, 649 Wörter)

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8 Kommentare

  1. Eine schöne Geschichte ☺

  2. ja, berührend und schön, schnüff :-)

    1. Danke! Es freut mich, dass es mir gelungen ist, zu berühren :-)

      1. jal, sehr :-)

  3. Ich mag den tieferen Sinn.

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