Tag des Haustiers (Teil 4)

(Teil 1; Teil 3)

Am Freitag stand Lisa-Marie mit dem ersten Weckerklingeln auf, beeilte sich beim Frühstück fast ebenso sehr wie im Bad und stand zum Erstaunen ihrer Eltern eine Viertelstunde früher als sonst mit dem Schulranzen auf dem Rücken in der Tür.

„Tschüß Mama, tschüß Papa“, rief sie und winkte nur, anstatt auf den üblichen Abschiedskuss zu warten. Dann rannte sie los. Sie konnte es kaum erwarten, zur Schule zu kommen und Genoveva wiederzutreffen. Natürlich freute sie sich auch auf Aysun und Lasse, ihre besten Freunde, aber die konnte sie auch nachmittags treffen, schließlich wohnten sie in der Nähe, Lasse sogar nur zwei Häuser weiter. Und sie hatten keinen Bauernhof und keinen Faffi – Lasses Familie hatte Paul, den Dackel, und Aysun hatte ein Meerschweinchen, das zwar ziemlich niedlich und sehr flauschig war, aber auch ein bisschen langweilig, wenn man es ausreichend gestreichelt hatte.

Sie war die erste in der Schule, und der Hausmeister, der gerade die Blätter von der Eingangstreppe fegte, warf ihr einen überraschten Blick zu.

„Guten Morgen, Herr Sommer“, begrüßte sie ihn, „wissen Sie, ob Genoveva schon da ist?“

„Nee“, brummte er, „ich weiß nicht mal, wer das ist. Ich merk mir doch nicht jedes von euch Gören. Tritt dir die Füße ab, die Gänge sind frisch gewischt!“

„Ja, Herr Sommer“, Lisa-Marie schrubbte mit den Füßen über die Sisalmatte hinter der Tür und lief zum Klassenzimmer. So früh waren noch kaum Schüler da, aber vor der Tür zu ihrer Klasse stand tatsächlich eine einsame Gestalt…

„Genoveva!“ Lisa-Marie winkte heftig. Sie hatte schon Angst gehabt, dass sie zu frühh dran wäre. Genoveva sah auf und lächelte schüchtern.

„Guten Morgen, Lisa-Marie“, sagte sie. „Mama hat gesagt, dass du uns morgen besuchen wirst. Ich freue mich schon.“

„Und ich mich erst“, Lisa-Marie packte Genovevas Hand. „Das wird bestimmt super. Habt ihr echt einen richtigen Bauernhof?“

Genoveva nickte, dann zuckte sie mit den Schultern. „Sowas ähnliches. Es ist ein Gutshof. Wir haben nicht mehr so viele Tiere, und früher hatten wir auch mehr Land, sagt Mama. Aber es ist trotzdem schön.“ Bei diesen Worten strahlte sie, und Lisa-Marie wünschte sich, sie könnte auch so begeistert von ihrem Zuhause erzählen. Aber was gab es schon zu sagen über ihre kleine Etagenwohnung? Ein Gutshof war schon was anderes. Sie wollte Genoveva unbedingt weiter ausfragen, aber da zupfte jemand sie am Ärmel. Es war Aysun.

„Lisa-Marie, schau mal, was meine Tante mir mitgebracht hat!“ Aysun griff nach ihrem Arm und schwenkte eine kleine Schachtel. Lisa-Marie warf Genoveva einen entschuldigenden Blick zu. „Wir sprechen nachher weiter, okay?“, sagte sie noch, dann folgte sie Aysun. So spannend sie Genovevas Gutshof fand, Aysun war ihre allerbeste Freundin.

Nachdem sie ausgiebig die glitzernden Ohrringe bewundert hatte, die Aysun bekommen hatte, klingelte es schon zur ersten Stunde, und sie mussten alle an ihre Plätze. Im Unterricht konnte Lisa-Marie weder mit Aysun noch mit Genoveva reden, weil sie zu Beginn des Schuljahres zuviel mit ihrer Freundin geflüstert hatte und jetzt neben Jonas saß, diesem Langweiler. In der Pause belegte Lasse sie mit Beschlag, und dann wollte Aysun mit ihnen Fangen spielen, und das einzige, was sie schaffte, war, Genoveva an ihrem Spiel zu beteiligen. Aysun und Lasse wunderten sich zwar, warum Genoveva ihr auf einmal so wichtig war, aber Fangen mit vier Leuten machte mehr Spaß als mit dreien, also war das kein Problem. Über den Gutshof zu reden schafften sie aber nicht mehr.

Trotzdem war Lisa-Marie zufrieden, denn Genoveva schien richtig Spaß zu haben. Vielleicht könnten sie alle vier befreundet sein, das wäre das Beste, dachte sie noch; dann klingelte es schon wieder, und sie folgte den anderen zurück ins Klassenzimmer.

Auch nach dem Unterricht schaffte sie es nicht mehr, länger mit Genoveva zu reden, denn die musste heute pünktlich heim, sonst gäbe es Ärger, und sie müsste Lisa-Marie wieder ausladen, erklärte sie. Es schien ihr ehrlich leid zu tun, und Lisa-Marie nahm sie spontan in den Arm.

„Macht doch nichts“, sagte sie, „morgen haben wir den ganzen Tag Zeit, miteinander zu reden. Und dann kannst du mir alles auf eurem Gutshof zeigen, ja? Ich freu mich schon“, und sie strahlte Genoveva an, bis die zurücklächelte. Dann verabschiedeten sie sich.

„Du fährst morgen zu Genoveva?“, erkundigte sich Aysun, die offenbar ihre letzten Worte gehört hatte. „Seit wann seid ihr denn befreundet?“

Lisa-Marie nickte. „Sie will mir ihre Tiere zeigen“, erklärte sie, „damit ich am Montag Frau Müller sagen kann, dass die echt sind. Weil sie nämlich einen Gutshof hat und vielleicht sogar ein Pferd, aber das darf sie nicht in die Schule mitbringen.“

„Ein Pferd?“, staunte Aysun. Das war natürlich besser als ein Meerschweinchen, auch wenn sie das nie zugegeben hätte. „Du musst mir am Montag alles erzählen. Hoffentlich ist Genoveva nett“, fügte sie hinzu, „dann könnten wir Freundinnen werden.“

Lisa-Marie nickte. „Ich glaube schon, dass sie nett ist. Und am Montag erzähl ich dir, ob ich reiten durfte.“

 

(26./27.07.2015, 818 Wörter. Lisa-Marie ist sich ihrer Sache offenbar sicher… Mal sehen, ob sie reiten darf. Am kommenden Wochenende bin ich auch nicht die ganze Zeit (seit Freitag!) unterwegs, sodass ich den nächsten Teil vor Sonntagabend fertig kriegen müsste.

EDIT: Und hier ist er, der nächste Teil!)

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2 Kommentare

  1. Vermutlich werde ich den nächsten Teil nicht mehr lesen können. In Japan werde ich erst neue Geschichten (er)leben. Also hast du bis Ende August Ruhe vor dem Biest. Bis bald! :-)

    1. Oh, gute Reise! Genieß die Zeit in Japan, und ich hoffe, es sind nur schöne Geschichten, die du dort erlebst :-)

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