Tag des Haustiers (Teil 5)

(Teil 1; Teil 4)

Am Samstag stand Lisa-Marie pünktlich auf, so schwer es ihr fiel. Versprochen war versprochen, und sie wollte endlich Genovevas Haustier sehen! Ein Gutshof, überlegte sie, wie es dort wohl aussah? War das nicht eigentlich was für Adlige? Genoveva hieß schließlich auch „von Stein“ mit Nachnamen. Ob sie wohl in einem Himmelbett schlief wie eine richtige Prinzessin?
„Sei doch nicht so hibbelig“, ermahnte ihre Mutter sie, die mit ihr aufgestanden war, um das Frühstück zu machen – ihr Vater durfte ausschlafen. „Du verschüttest noch deinen Kakao.“
„Ich pass schon auf“, versprach Lisa-Marie. Nicht, dass ihre Mutter das Ganze noch im letzten Moment abblies… Sie zwang sich, ihre Tasse besonders vorsichtig in die Hand zu nehmen, und trank sie in großen Schlucken leer. Was sie im Bauch hatte, konnte sie schließlich nicht mehr verschütten. Dann schlang sie den Rest ihres Frühstücks herunter und rannte ins Bad, um sich schnell fertig zu machen.
Pünktlich um halb neun stieg sie aus der Endstation aus der S-Bahn und schaute sich auf dem regenfeuchten Bahnsteig um. Wie sah Genovevas Mutter aus? Würde sie sie erkennen? Hoffentlich hatte sie nicht vergessen, zum Bahnhof zu kommen…
„Lisa-Marie!“, Genoveva lief ihr winkend entgegen. Lisa-Marie war erleichtert. Ihre Schulkameradin war also mitgekommen, um sie abzuholen. Sie winkte zurück und ging auf sie zu. Genoveva nahm sie an der Hand. „Komm, Mama wartet beim Wagen.“ Sie zögerte kurz, dann setzte sie entschuldigend hinzu: „Nicht erschrecken, aber Peggy und Susi sind schon ziemlich alt. Die sehen nicht mehr so hübsch aus wie in deinen Pferdecomics, aber sie sind wirklich lieb. Wenn du magst, darfst du sie auch streicheln.“
Lisa-Marie hätte beinah einen Freudensprung gemacht. Sie wurde tatsächlich mit einer echten Pferdekutsche abgeholt! War doch egal, wenn die Pferde alt waren. Sie war noch nie Kutsche gefahren. Wie toll!
Genoveva führte sie aus dem Bahnhof heraus und um ein großes Haus, offensichtlich das Postamt, herum. Dahinter stand ihr Fahrzeug. Keine Fürstenkutsche, wie sie erwartet hatte, nur ein offener Wagen aus Holz mit abblätterndem Lack und zwei schmalen Bänken hinter dem Kutschbock, aber gezogen von zwei echten Pferden.
Lisa-Marie wollte erst zu den Tieren rennen, dann fiel ihr ihre Erziehung ein, und sie ging auf die Frau auf dem Kutschbock zu.
„Guten Morgen! Sind Sie Frau von Stein? Ich bin Lisa-Marie. Vielen Dank, dass ich Genoveva besuchen darf!“ Sie streckte ihre Hand aus. Die Frau spähte sie unter einer weiten Kapuze heraus an. Lisa-Marie konnte nur eine lange, schmale Nase erkennen. Sie fürchtete schon, dass Genovevas Mutter sie nicht mögen würde, da schoss plötzlich eine Hand unter dem Regenmantel, der ihre Gestalt verhüllte, hervor und griff nach ihren Fingern.
„Lisa-Marie! Willkommen. Ich freue mich, dass Genoveva endlich eine Freundin hat. Steig ein!“ Ihre Stimme klang erstaunlich tief und rau, und Lisa-Marie fürchtete sich ein bisschen vor ihr und den harten Fingern um ihre Hand. Trotzdem nahm sie allen Mut zusammen und bat: „Darf ich erst die Pferde streicheln? Peggy und Susi, richtig?“
Genovevas Mutter legte den Kopf schief. „Die Pferde? Ja, natürlich. Genoveva hat schon erzählt, dass du unsere Tiere sehen möchtest, besonders ihren Faffi.“
Lisa-Marie nickte heftig. „Genau. Weil sie ihn doch nicht mitbringen darf am Montag.“ Sie ging zu den Köpfen der Pferde und beguckte sie ehrfürchtig. Ihr Fell war grau gesprenkelt – Lisa-Marie hatte gar nicht gewusst, dass Pferde auch graue Haare bekamen –, aber man konnte noch deutlich erkennen, dass eines der beiden schwarz gewesen war, das andere nussbraun. Ihre Rücken waren unter unförmigen Schutzdecken verborgen, die das gleiche dunkelgrün hatten wie Frau von Steins Regenmantel. „Welches ist Peggy, und welches Susi?“, fragte sie Genoveva. Vorsichtig streckte sie dem braunen Pferd die Hand hin und ließ sich beschnuppern. Von so nah dran waren sie ganz schön groß.
„Das ist Susi“, erklärte Genoveva, die auf einmal neben ihr stand. „Die schwarze ist Peggy. Streichel sie ruhig, besonders Susi ist eine ganz Liebe.“
Das ließ sich Lisa-Marie nicht zweimal sagen. Behutsam strich sie über Susis langen Kopf und die weiche Schnauze. Das Tier schnaubte leise.
„Sie mag dich“, behauptete Genoveva. Lisa-Marie strahlte. „Ich mag sie auch“, sagte sie, ohne die Augen von dem Pferd zu lösen. Jetzt wagte sie es auch, ein bisschen näher zu treten und Susis Hals zu streicheln. Sie seufzte leise. So ein tolles Tier!
„Jetzt steigt endlich ein“, riss Frau von Steins Stimme sie wieder in die Gegenwart. „Oder wollt ihr den ganzen Tag hier rumstehen? Genoveva, ich glaube, du musst Lisa-Marie noch ein bisschen was über den Hof erklären.“
„Oh! Ja, natürlich, Mama. Das mache ich auf der Fahrt. Komm, Lisa-Marie. Du kannst mir nachher helfen, sie in den Stall zu bringen, dann hast du noch ganz viel Zeit, sie zu streicheln.“ Genoveva packte sie wieder und zog sie zum Wagen. Lisa-Marie folgte gehorsam. Schließlich hatte sie versprochen, auf Genovevas Mutter zu hören. Und außerdem würde sie den geheimnisvollen Faffi erst auf dem Hof kennenlernen…

 

(02.08.2015, 817 Wörter.

EDIT: Es geht weiter, und zwar hier!)

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