Unterwegs mit der Bahn

Die Sonne ist gerade untergegangen, und nur ein rötlicher Dämmer zeichnet noch den Horizont zwischen Bäume und Wolken. Die Gespräche fremder Leute wispern durch die stickige Luft, Telefonate mit Freunden und Verwandten, die an leeren Bahnhöfen warten; mitfühlende Bemerkungen zu den unbekannten Mitreisenden, die nun im selben Boot – oder zumindest im selben Zug festsitzen; einer leiht der anderen sein Handy, weil der Empfang hier, zwischen Kleinkleckersdorf und Hintertupfingen irgendwo im Wilden Osten sporadisch und begrenzt ist; der Schaffner gibt Updates zum Stand der Rettungsbemühungen, bewundernswert gelassen in dieser Lage, mit bewundernswert entspannten Passagieren. Einzelne regen sich auf, verwünschen die Deutsche Bahn, zweifeln an der Funktionsfähigkeit des Systems, aber es ist zu warm für hitzige Ausbrüche, und wir können sowieso nichts ändern.

Eine Durchsage verspricht kostenlose Kaltgetränke im Bordrestaurant, und einige Reisende brechen auf. Ein Caipi wäre jetzt das richtige, denke ich, aber das kann ich hier wohl vergessen. Macht nichts, die Dame hinter der Theke bemüht sich um Freundlichkeit, ihr Lächeln erfrischt mich fast so sehr wie der Weißwein. War da nicht mal was mit Servicewüste? Nicht in diesem Zug, und das Klima ist auch eher dschungelartig (wofür das Personal nichts kann).

Jetzt hat die Feuerwehr den Gleisabschnitt wohl weiträumig gesperrt, zumindest dürfen wir die Türen öffnen, um frische Luft zu schöpfen. Grillenzirpen strömt herein, zusammen mit einer frischen Brise. Wir atmen auf. Die Mücken folgen dichtauf.

Ein Kind weint, ein anderes lacht. Die Resignation der Passagiere wandelt sich in Gelassenheit. Die offizielle Religion der Bahnfahrer ist der Zen-Buddhismus.

Draußen ist es jetzt ganz dunkel, die Notbeleuchtung in den Waggons das einzige Licht. Der Strom fließt noch immer nicht. Wer Kaltgetränke braucht, lernt gut isolierte Kühlschränke zu schätzen. Der im Bordrestaurant hält noch, was er verspricht. Die Stimmung hält ebenfalls, zumindest bei denen über fünf – für die Jüngeren ist es langsam arg spät. Trotzdem halten die meisten sich tapfer. Ferienerholt? Bahngestählt? Frustrationstolerant? Wer weiß? Aber wir sitzen alle im selben Boot – oder zumindest im selben Zug fest, und als das Geräusch der neu einsetzenden Klimaanlage das Abteil durchweht, dicht gefolgt von einem kühlen Luftzug, freuen wir uns alle zusammen.

Das Klima wird angenehmer, die Kühle hält die zunehmende Müdigkeit ein wenig in Schach. Langsam wird es spät für uns alle – vor eineinhalb Stunden hätten wir ankommen sollen. Der letzte Sonnenschimmer am Himmel ist verschwunden, die Notbeleuchtung löscht alle Sterne, und nur die Grillen liefern sich noch einen Wettstreit mit dem Brummen der Klimaanlage. Noch gewinnen sie. Wir hoffen auf Weiterfahrt, bevor auch ihre Energie nachlässt. Glücklich, wer etwas zu Lesen dabei hat; glücklicher, wer im Sitzen schlafen kann. Es ist erstaunlich, wie anstrengend das Sitzen sein kann. Oder ist es die Ungewissheit, die uns auslaugt? Vor einer Stunde hieß es, in einer Stunde würden wir abgeschleppt. Noch konkurriert kein Motor mit dem Grillenzirpen. Wir warten, lesen, dösen. Das Bordrestaurant hat noch immer Kaltgetränke auf Lager.

Lichter wandern vor dem Zugfenster vorbei: Bahnbeamte mit Taschenlampen und Schutzwesten.

Eines der Kinder hat geschlafen und ist wieder wach; nun hält es seine Eltern auf Trab. Noch lacht es. Wir hoffen.

 

(07.08.2015, 511 Wörter. Wie ihr seht, habe ich es doch noch nach Hause geschafft – es wurde ein Ersatzzug bereitgestellt, und ein paar freundliche Freiwillige Feuerwehrmänner haben uns hinübergerettet.)

Advertisements

6 Kommentare

  1. „Die offizielle Religion der Bahnfahrer ist der Zen-Buddhismus.“ Spitze! :-) Man hat ja auch wirklich keine andere Wahl, wenn man öfter Zug fahren muß. Kann ein Lied davon singen: Ich bin fast zwei Jahre lang zweimal die Woche knapp 500 km mit dem Zug gependelt!

    1. Oje, da macht man sicher auch einiges mit…

      1. Das kommt immer in Schüben. Manchmal geht monatelang alles einigermaßen gut, manchmal hatte ich mehrere Taxifahrten nach Hause in einem Monat. Prinzipiell wäre es mit den Anschlüssen weniger problematisch, wenn mehr Puffer eingeplant würden – sowohl bei den Fahrplänen als auch bei verfügbaren Ersatzwaggons und technischen Prüfungen. Aber die Bahn wurde ja in ein Wirtschaftsunternehmen umgewandelt und ist deshalb auf dan maximalen Profit aus. Da fährt man eben mit voller Auslastung. Immerhin gibt es auf manchen Strecken jetzt auch Fernbusse als Alternative.

  2. Hmm, habe gerade überlegt, ob ich „Gefällt mir“ anklicken soll oder ob das dies ist. Verspätung ist nichts gutes, aber der Text gefällt mir. Den sollte die Bahn in ihre Mobil-Zeitung drucken, dann hätte man wenigstens was gutes zu lesen, während man Verspätung hat.

    1. Kannst es ihnen ja vorschlagen :-P

    2. Netter Vorschlag!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: