Tag des Haustiers (Teil 6)

(Teil 1; Teil 5)

Der Pferdewagen setzte sich rumpelnd in Bewegung, und Lisa-Marie hielt sich unwillkürlich am Sitz fest. Wie aufregend! Sie fuhr tatsächlich in einem Wagen mit echten Pferden zu einem echten Gutshof.

„Ich muss dir noch ein paar Sachen erklären“, sagte Genoveva so leise, dass Lisa-Marie sie über dem Klappern der Hufe auf der geteerten Straße und dem Knacken und Knarren des alten Wagens kaum gehört hätte.

„Klar, erzähl mir alles! Ich bin schon so gespannt“, Lisa-Marie strahlte sie an. Genoveva schien nicht ganz so glücklich, im Gegenteil, irgendwas schien sie zu bedrücken. Sie senkte den Blick und druckste ein bisschen herum, bis sie schließlich sagte: „Ich glaube, unser Hof ist nicht ganz so, wie du ihn dir vorstellst…“

„Das macht doch nichts“, unterbrach Lisa-Marie sie. „Ich bin doch ein Stadtkind, ich weiß doch gar nichts über Höfe. Aber du kannst mir bestimmt alles erklären!“

„Ja, schon, aber… Also, früher, da war das ein großer Gutshof. Wie du ihn dir bestimmt vorstellst, wie er in so Pferdebüchern immer ist. Mit ganz vielen Tieren, und Feldern, und Angestellten. Aber das ist er schon lange nicht mehr. Wir, also, Mamas Familie, hat die Felder schon lange verkaufen müssen, und Tiere haben wir auch nicht mehr so viele.“

„Mehr als ich…“, sagte Lisa-Marie traurig. „Ihr habt Peggy, und Susi, und du hast deinen Faffi. Ich hab nicht mal einen Goldfisch.“

Genoveva lächelte. „Naja, unsere Tiere könntest du in deiner Wohnung auch nicht halten. Die meisten brauchen ganz schön viel Platz, auch wenn das ein bisschen besser geworden ist… Wir haben nämlich früher, also, bevor ich geboren wurde und als meine Mama noch ein kleines Mädchen war, auf dem Hof viele Tiere gezüchtet. Ganz besondere Tiere. Aber heutzutage braucht die keiner mehr, und deshalb hat sich das nicht mehr gelohnt, und Mama hat das meiste verkauft. Jetzt ist der Hof so eine Art Gnadenhof… Weißt du, was das heißt?“

Lisa-Marie überlegte. Gnadenhof, das hatte sie schon mal gehört. „Ist das nicht wo alte Pferde gepflegt werden, die nicht mehr geritten werden können? Weil sie zu alt sind?“

„Ja, so in der Art. Nur dass wir keine Pferde haben.“

Lisa-Marie schaute nach vorne, zu Peggy und Susi. „Und die beiden?“

Genoveva schüttelte den Kopf. „Das sind keine richtigen Pferde. Warte, bis wir aus dem Ort raus sind, dann wirst du es sehen.“

Jetzt verstand Lisa-Marie erst recht nichts mehr. Keine richtigen Pferde? Was meinte sie damit? „Aber sie sehen aus wie richtige Pferde“, wandte sie ein. „Was sind sie denn dann?“

Genoveva lächelte schief. „Das siehst du gleich. Manche Dinge muss man sehen, um sie zu verstehen, sagt Mama immer.“

Der Wagen wurde jetzt langsamer und hielt an. Genoveva sprang herunter und lief nach vorne, zu den Nicht-richtigen-Pferden. Lisa-Marie sah sich um. Sie hatten die Häuser hinter sich gelassen und standen auf einem leeren Platz, der von Bäumen umstanden war. Auf der gegenüberliegenden Seite führte eine schlecht geteerte Straße in den Wald.

Genoveva mühte sich mit der Schutzdecke auf Peggys Rücken ab. Warum packte ihre Mutter nicht mit an? Zu zweit ginge das bestimmt besser. Kurz entschlossen sprang Lisa-Marie ebenfalls vom Wagen und lief nach vorn. „Soll ich dir helfen?“ Sie griff nach der Decke.

„Vorsichtig!“, rief Genoveva. „Erschreck Peggy nicht, sonst verheddert sie sich nur wieder.“

Lisa-Marie nickte und streichelte vorsichtig die schwarz-graue Flanke. „Ganz ruhig, Peggy, wir wollen dir nur die Decke abnehmen“, murmelte sie und hob den schweren Stoff an. Etwas Weiches bauschte sich darunter. Noch eine Decke? Froren alte Tiere leichter? Aber warum nahmen sie die Decken dann jetzt ab, wo es doch im Wald bestimmt noch kühler war?

„So, wenn du jetzt diese Ecke Stück für Stück rüberschiebst, kann ich sie runterziehen und auffalten“, wies Genoveva sie an. Lisa-Marie bemühte sich, dem zu folgen. Es war ziemlich mühsam, und dass Peggy dabei unruhig auf der Stelle trippelte, machte es nicht einfacher, aber Genoveva, die das offensichtlich nicht zum ersten Mal machte, nahm die schwere Decke geschickt so entgegen, dass sie sich in ihren Händen in ein kompaktes Paket verwandelte. Schließlich waren sie fertig, und Lisa-Marie konnte Peggy in ihrer ganzen Pracht bewundern.

Das Tier schüttelte den Kopf, dann entfaltete es die beiden riesigen Flügel auf seinem Rücken und schnaubte zufrieden.

Lisa-Marie starrte den Pegasus an. Das meinte Genoveva mit „keine richtigen Pferde“?

„Hilfst du mir bei Susi auch?“, Genovevas Stimme riss Lisa-Marie wieder in die Gegenwart. Sie schaute zu ihrer Klassenkameradin, die ihr auf einmal wieder sehr fremd vorkam. Sie guckte ernst, aber Lisa-Marie konnte sehen, dass sie sich ein Grinsen verkniff. Ihr Hof würde ganz sicher nicht so sein, wie Lisa-Marie sich das vorgestellt hatte.

 

(16.08.2015, 773 Wörter.

EDIT: Nächster Teil!)

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