Tag des Haustiers (Teil 8)

(Teil 1; Teil 7)

Genoveva führte sie in Windeseile durch den Stall, und am Ende war Lisa-Marie schwindelig von all den neuen Eindrücken. Es gab tatsächlich Ponies und Pferde hier, aber drei davon waren eigentlich Einhörner, eines hatte den Kopf eines Raubvogels, und eines war nicht in einer normalen Box, sondern in einem Wasserbecken untergebracht, denn es hatte anstelle der Hinterbeine einen Fischschwanz. Daneben gab es Hunde mit Hörnern oder Drachenschwänzen, einen Wolpertinger und verschiedene Schlangen, mal mit nur einem, mal mit mehreren Köpfen. Lisa-Marie staunte, und ein bisschen fürchtete sie sich auch, obwohl Genoveva ihr immer wieder versicherte, dass die Tiere auf dieser Seite des Hofes alle harmlos waren.

„Komm, lass uns zur Weide gehen“, schlug Genoveva schließlich vor, als sie das Ende des Stalls erreicht hatten. „Und dann können wir in den Wald, zu Faffi.“ Ja, richtig, wegen Faffi war sie ja eigentlich hier. Was konnte er nur für ein Tier sein? Nach all diesen Eindrücken war sie fast sicher, dass sie nichts mehr überraschen würde. Höchstens vielleicht, wenn Faffi etwas ganz normales und harmloses war, ein Meerschweinchen vielleicht oder einfach nur ein ganz normaler Hund, ohne Extraköpfe oder -beine oder die Körperteile anderer Tiere.

Erst einmal ging es aber zur Weide, und auch hier war keines der Tiere, was es auf den ersten Blick zu sein schien. Ein besonders hübsches Pferd, dessen lange, seidig schimmernde Mähne von grauen Strähnen durchzogen war, kam sofort auf sie zugetrabt und beschnupperte sie, doch als Lisa-Marie eine Hand ausstreckte, um es zu streicheln, bleckte es scharfe Raubtierzähne.

„Vorsicht mit dem Kelpie“, warnte Genoveva sie. „Es ist nicht mehr das Schnellste, aber immer noch ziemlich gemein. Lass dich nicht von seiner Zutraulichkeit täuschen.“ Sie streckte eine Hand durch den Zaun und machte lockende Geräusche. „Ich zeig dir eines meiner Lieblingstiere. Komm, Liebling, komm her! – Da ist es!“

Ein großer, breitmäuliger Kopf, gefolgt von einem schuppigen Rinderkörper, schob sich an dem Kelpie vorbei und legte das bärtige Kinn auf den Zaun. Lisa-Marie erschrak vor dem riesigen Tier, aber Genoveva versprach: „Das ist ein Qilin, die sind ganz lieb. Schau mal“, und sie kraulte es hinter dem Geweih. Es schloss die Augen und schmiegte sich liebevoll in Genovevas Hand. Der Anblick des riesigen Tiers, das sich wie ein Kätzchen streicheln ließ, war wirklich komisch, und Lisa-Marie muste lachen.

Vorsichtig streckte auch sie eine Hand danach aus, und das Qilin ließ sich tatsächlich streicheln, ohne auch nur zu blinzeln.

„Ein ganz liebes Tier. Es kommt aus China“, erklärte Genoveva. „Als es zu uns kam, war es total am Ende, ganz abgemagert und krank. Vermutlich haben sie es auf dem Weg hierher nicht richtig gepflegt. Der Zoll hat es aus einem Lieferwagen befreit und zu uns gebracht, und Mama hat es wieder aufgepäppelt.“ Sie seufzte. „Das heißt leider auch, dass wir es bald zurückgeben müssen.“

Lisa-Marie sah, wie traurig Genoveva war. „Bestimmt kommt dafür ein anderes tolles Tier“, versuchte sie, sie zu trösten. „Und es war doch auch schön, überhaupt ein… Tschilin gesehen zu haben. Das kann bestimmt nicht jeder sagen.“

„Qilin“, verbesserte Genoveva. „Ja, du hast Recht. Das ist wirklich was Besonderes. Sie bringen Glück, wusstest du das?“ Jetzt lächelte sie wieder. „Bestimmt war es das Qilin, das gemacht hat, dass du mich besuchen kommst.“ Sie schaute zu Boden. „Ich hatte nämlich noch nie eine Freundin, die mich besucht hat.“

 

(30.08.2015, 556 Wörter. Und wie spricht man „Qilin“ jetzt richtig aus? Hier könnt ihr es euch anhören.

EDIT: Weiter geht’s!)

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