Tag des Haustiers (Teil 9)

(Teil 1; Teil 8)

Lisa-Marie wusste nicht recht, was sie zu Genoveva sagen sollte. War sie schon ihre Freundin? Sie hatte vor zwei Tagen zum ersten Mal mit ihr gesprochen. Und was meinte sie damit, dass sie noch nie von einer Freundin besucht worden war – waren all ihre Freundinnen doof? Wohnten sie zu weit weg? Oder hatte sie noch nie eine Freundin gehabt?

Nein, das konnte nicht sein. Bestimmt meinte sie nur an der neuen Schule. War ja auch nicht einfach, Freunde zu finden, wenn man neu war. Und Genoveva war auch immer so zurückhaltend, das machte es nicht leichter. Außerdem hatten ja alle in der Klasse schon Freunde gehabt, als sie gekommen war – sie selber hatte ja Aysun und Lasse. Auf die beiden wollte sie auch ganz bestimmt nicht verzichten, aber Genoveva als vierte Freundin konnte sie sich gut vorstellen. Gleich Montag würde sie in der Pause wieder mit allen spielen, das nahm sie sich fest vor. Gestern hatte das schließlich auch geklappt.

Spontan umarmte sie Genoveva. „Ich freu mich auch, dass du mich eingeladen hast. Und wenn unsere Eltern das erlauben, komm ich auch gerne wieder. Und du musst mich auch besuchen, ja? Unsere Wohnung ist natürlich nicht so toll wie euer Hof, aber dafür hab ich Lego Technic.“

Genoveva lächelte schüchtern. „Das würde ich gern machen, ja.“

Lisa-Marie ließ sie wieder los. „Super! Wir können nachher gleich deine Mutter fragen, wann du kommen darfst.“

Genoveva zuckte mit den Schultern, aber Lisa-Marie konnte sehen, dass sie sich freute. „Gute Idee. Aber jetzt gehen wir zu Faffi, ja? Der freut sich schon darauf, dich kennenzulernen.“

Lisa-Marie nickte aufgeregt. Nach all diesen Fabeltieren war sie erst recht gespannt auf Faffi.

Sie verabschiedeten sich von dem Qilin und liefen am Zaun entlang auf den Wald zu. Unterwegs malte Lisa-Marie sich aus, ob Faffi dort wohl seinen eigenen Stall hatte, oder ob er vielleicht frei durch den Wald streunen durfte? Immerhin war er ein Haustier und bestimmt besser erzogen und weniger pflegebedürftig als die alten und kranken Gnadenhoftiere. Ob er auch ein dreiköpfiger Hund war, wie Berrie? Oder ein ganz unbekanntes Tier, wie das Qilin? Oder…

„Da ist er! Faffi!“, Genoveva winkte in das Grün des Waldes. Lisa-Marie versuchte vergeblich, ein Tier zu entdecken. Alles, was sie sah, waren Bäume, Sträucher, ein paar tote Äste und ein moosüberwuchterter Stamm… der sich plötzlich aufrichtete und ihnen mit untertassengroßen Augen entgegenblinzelte.

Lisa-Marie konnte einen Schreckensschrei nicht unterdrücken. Die bemooste Schnauze, die sie für einen umgestürzten Baum gehalten hatte, zuckte daraufhin zurück.

„Nicht doch“, rief Genoveva. „Keine Angst, Faffi, das ist eine Freundin. Lisa-Marie, ich hab dir doch von ihr erzählt! Lisa-Marie, das ist mein Faffi. Er ist ganz lieb, schau“, und sie ging auf das Ungeheuer zu und streichelte es. Faffi schloss die Augen und schnurrte.

„Willst du ihn auch streicheln?“, fragte Genoveva. „Ich weiß, er ist ziemlich groß, aber er könnte keiner Fliege was zuleide tun.“ Sie kraulte ihn unter dem Kinn, und er öffnete genussvoll das Maul und ließ eine lange, grüne Zunge heraushängen. „Siehst du? Er ist Vegetarier“, sie zeigte auf seine stumpfen Zähne. Lisa-Marie kam zögernd näher. Vegetarier hin oder her, die Zähne waren immer noch größer als ihre Faust, und Pferde konnten schließlich auch fies zubeißen, wie sie aus ihren Büchern wusste. Doch Faffi sah so offensichtlich entspannt und glücklich aus, dass sie sich schließlich traute, vorsichtig seine Schnauze zu berühren. Er zog die Mundwinkel nach oben, bewegte sich aber sonst nicht. Sie streichelte ihn zwischen den Nüstern, die sie jetzt unter dem Moos- und Pflanzengewirr auf seinem Kopf erkannte, und wieder schnurrte er genüsslich.

„Ich glaube, er mag dich“, stellte Genoveva fest und lächelte glücklich.

 

(01./05.09.2015, 609 Wörter

EDIT: Der nächste Teil ist fertig!)

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ein Kommentar

  1. Fabel(tier)haft :-)

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