Warum ich in Malmö keine Geschichte geschrieben habe

Malmö ist eine wunderschöne Stadt, das mal vorab. Ich bin gerade von dort zurückgekehrt, und ich habe meine Zeit dort sehr genossen. Gern würde ich diesem Ort, in meinem bescheidenen Rahmen, ein literarisches Denkmal setzen, aber ich muss feststellen: So gut es mir dort ging, so sympathisch sich mir diese Stadt präsentiert hat – zu einer Geschichte inspiriert hat sie mich nicht.

Warum nicht?

Malmö ist eine alte Stadt, ihre erste Erwähnung stammt aus dem Jahr 1116. Sie hat eine bewegte Geschichte hinter sich, war Handelsstadt, Festung und Geburtsort der dänischen Reformation, wurde zwischen Schweden und Dänemark hin- und hergereicht und umkämpft, wurde reich, dann arm, dann wieder reich. Müsste es hier nicht eine Menge Ansatzpunkte für Geschichten geben?

Malmö ist, wie schon gesagt, eine schöne Stadt. Mittelalterliches Fachwerk, geschwungene Barockfassaden und eine ästhetisch anspruchsvolle moderne Architektur vereinen sich zu einem abwechslungsreichen Stadtbild, und die zahlreichen Parks bieten Erholung und Sportmöglichkeiten. Zahlreiche liebevoll gestaltete Plätze, die meisten mit wenigstens einem Brunnen ausgestattet, eine einladende Fußgängerzone und breite Fuß- und Radwege laden dazu ein, sich die Stadt zu erschließen, und die Neugier wird reich belohnt. Müsste sich all diese Schönheit nicht in schöne Worte gießen lassen?

Malmö ist eine relativ große Stadt, immerhin die drittgrößte Schwedens. Sie ist international und vielfältig; zu Recht ist man dort ebenso stolz auf seine Zimtschnecken wie auf sein Falafel, und in der Woche, die ich dort war, kamen jeden Tag Flüchtlinge an, die hier Frieden und eine neue Heimat suchten und ihre Sprache und Kultur mitbrachten. Die Aufnahme von Flüchtlingen hat hier Tradition. Schon 1945 holte das schwedische Rote Kreuz busseweise KZ-Insassen aus dem fast besiegten Deutschland und brachte sie im Museum in der Festung Malmöhus unter. Eine Ausstellung erinnert an diese Weißen Busse und schlägt den Bogen zur Gegenwart. Müsste unter all diesen Leben, unter diesen Schicksalen nicht Erzählenswertes stecken? Müsste mich nicht wenigstens die Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft der Malmöer inspirieren?

Das tut sie, tatsächlich, aber nicht zum Schreiben, sondern zum Helfen. Schließlich gibt es auch zu Hause genug Gelegenheiten für Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft. Warum aber habe ich in Malmö keine Geschichte geschrieben?

Es kann sein, dass das noch kommt. Die Inspiration ist ein flüchtiges Wesen, und dass ich mit meiner Muse auf Kriegsfuß stehe, habe ich an dieser Stelle bereits erwähnt. Wenn ich aber Malmö mit den beiden Städten vergleiche, die mich von Anfang an inspiriert haben und deren Vorrat an Geschichten mir nie auszugehen scheint, komme ich zu einer anderen Theorie – nennen wir sie die Tolstoi-Theorie: Alle glücklichen Städte sind einander ähnlich.

Geschichten beruhen auf Konflikt. Der grundlegende Ausgangspunkt einer Geschichte ist ein Bedürfnis, ein Wollen; die Tatsache, dass der Status Quo und der Idealzustand voneinander getrennt sind. Der Versuch, diese Trennung aufzuheben oder zu überbrücken, ist die Geschichte.

Manche Städte tragen ihre Konflikte im Gesicht wie der Haifisch seine Zähne: Die offensichtliche Diskrepanz zwischen den glitzernden Fassaden der Fifth Avenue oder den Geldtempeln der Wall Street einerseits und den Bettlern und Obdachlosen an den Straßenecken New Yorks andererseits war sichtbar lange bevor die Occupy-Aktivisten auf die klaffend weit offenstehende Einkommensschere hinwiesen. Andere tragen an ihrer Geschichte, der von Siegern oder von Verlierern. Manche haben Geister in jeder Ecke. Manche erzählen ihre Geschichten, ihre Konflikte – alte oder aktuelle – jedem Besucher ganz von sich aus.

Andere muss man näher kennenlernen, bevor man sie versteht, so wie manche Menschen zu Beginn wenig von sich preisgeben. Diese Menschen (und Städte) müssen dabei nicht einmal langweilig sein, im Gegenteil, sie sind oft gute Gesprächspartner, freundliche, offene Gastgeber, aber ihre eigenen Geschichten erzählen sie nur guten Freunden.

Malmö ist ein hervorragender Gastgeber. Schön, freundlich, frei von allen dunklen Geheimnissen, als hätte es nicht einmal einen Keller, in dem Leichen liegen könnten. Mit seiner Geschichte geht es offen um, als hätte es nichts zu verbergen.

Vielleicht hat es das auch nicht. Doch ich bin sicher, dass es Geschichten enthält. Geschichten, die ich in der einen Woche leider nicht finden konnte, oder die mich nicht finden konnten. Warum also habe ich in Malmö keine Geschichte geschrieben?

Vielleicht, weil ich noch einmal wiederkommen muss?

 

(12./13.09.2105, 677 Wörter. Als Reiseziel kann ich Malmö jedenfalls nur empfehlen. Und irgendwo müssen die Geschichten stecken – wir waren auch in Ystad, berühmt durch Henning Mankells „Wallander“-Krimis, und auch das war eine ganz bezaubernde, freundliche Stadt. Trotzdem hat Mankell ein Dutzend blutige Bücher darüber schreiben können…)

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ein Kommentar

  1. Eine Geschichte über die Geschichte einer Stadt. Passt doch.

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