Tag des Haustiers (Teil 10)

(Teil 1; Teil 9)

Lisa-Marie war nicht sicher, ob sie es gut fand, dass Faffi sie mochte. Wenn sie gewusst hätte, dass er so furchteinflößend war, wäre sie dann auf Genovevas Hof gekommen?

Sie schaute in seine großen, freundlichen Augen. Dann blickte sie zu Genoveva, die so glücklich aussah. Sie seufzte leise. Ja, wenn sie das gewusst hätte, wäre sie wahrscheinlich trotzdem gekommen, oder vielleicht erst recht. Und wenn sie Genovevas Lächeln sah, dann war sie ziemlich sicher, dass es die richtige Idee gewesen war.

Faffi stupste sie sanft an, und sie merkte, dass sie aufgehört hatte, ihn zu streicheln. „Ist ja schon gut“, beruhigte sie ihn und kraulte wieder das Moos auf seiner Schnauze. „Du bist ja ganz schön verwöhnt.“

„Ja, das sagt Mama auch immer“, Genoveva machte ein schuldbewusstes Gesicht. „Aber ich hab ihn halt so lieb. Oh“, sie riss die Augen auf, „da fällt mir ein: Ich hab Mama vom Tag des Haustiers erzählt, und natürlich hat sie mir verboten, Faffi mitzubringen, aber sie hatte eine andere Idee.“

„Echt? Das ist ja super“, sagte Lisa-Marie, aber das Lächeln fiel ihr schwer. Insgeheim hatte sie sich gefreut, dass sie nicht die einzige ohne Haustier sein würde. Das war ein hässliches Gefühl, das war ihr klar, aber sie hatte es erst jetzt, wo Genoveva vielleicht doch eine Möglichkeit hatte, ihr Haustier vorzustellen, in sich bemerkt. Wie dumm das war, dachte sie, sie sollte sich doch eigentlich für sie freuen.

Genoveva schien nichts bemerkt zu haben. „Ja, das wird dir bestimmt gefallen – willst du es gleich sehen? Ich hab sie erst mal in meinem Zimmer.“ Sie stupste Faffi an. „Wir kommen dann später wieder, in Ordnung, du Kuschelmonster?“

Faffi ließ zur Antwort den Kopf hängen und guckte traurig, als hätte er jedes Wort verstanden. Vielleicht hatte er das sogar? Lisa-Marie hatte zu wenig Erfahrung mit riesigen Moosdrachen, um das sagen zu können. Sie tätschelte ihm die Schnauze und hoffte, dass ihn das ein bisschen trösten würde. Der arme Faffi bekam unter der Woche bestimmt nicht viel von Genoveva zu sehen, wenn sie immer so weit zur Schule und wieder heim fahren musste und außerdem Hausaufgaben hatte – und ihre Mutter sorgte bestimmt dafür, dass sie mit den Hausaufgaben fertig war, bevor sie sie in den Wald ließ. Sie wirkte ziemlich streng.

„Komm“, Genoveva packte sie wieder am Arm und riss sie damit aus ihren Gedanken. „Ich zeig sie dir.“ Sie lief los, zurück zum Haus, und Lisa-Marie blieb nicht viel anderes übrig, als ihr zu folgen. Diesmal liefen sie außen am Stall vorbei und direkt zum Herrenhaus. Drinnen sah es ganz anders aus, als Lisa-Marie das erwartet hatte: kahle Wände und abgenutzte Holzböden, aber immerhin war alles penibel sauber. Genoveva führte sie eine schmale Treppe hinauf in einen langen Flur. „Hier wohnen wir“, erklärte sie, „und da ist mein Zimmer.“ Sie machte eine Tür ungefähr in der Mitte des Ganges auf. Das Zimmer war groß, viel größer als Lisa-Maries eigenes, und Genoveva hatte tatsächlich ein richtiges, altes Himmelbett, mit geschnitzten Pfosten und einem dunkelgrünen Samthimmel. „Wow“, entfuhr es Lisa-Marie. Dann wanderte ihr Blick weiter. Auch der Schreibtisch, der vor dem einen Fenster stand, war groß und alt, aber die Pferdecomics, die sie darauf erspähte, kamen ihr wohlbekannt vor.

Die einzigen anderen Möbel waren ein Kleiderschrank und eine Truhe, die vor dem anderen Fenster stand und wohl sowohl zur Aufbewahrung als auch als Sitzbank diente, denn auf dem Deckel war ein Polster festgetackert. Das Zimmer war recht ordentlich – bestimmt achtete Genovevas Mutter immer darauf – und sah deshalb ein bisschen kahl aus. Nur auf dem Teppich vor dem Bett lag ein dicker Stoffhaufen. Und genau darauf zog Genoveva sie jetzt zu.

„Ganz vorsichtig“, mahnte sie und kniete sich hin. Lisa-Marie kniete sich daneben und betrachtete den Stoffhaufen. Auf den zweiten Blick sah er nicht mehr so hingeworfen aus, sondern vielmehr sorgfältig aufgeschichtet und mit einem dicken Tuch abgedeckt. Wie so vieles auf diesem Hof war auch das Tuch abgewetzt und ein bisschen fadenscheinig.

„Das sind sie“, erklärte Genoveva feierlich.

 

(15.–20.09.2015, 671 Wörter. Was „sie“ wohl sind? Das verrate ich im nächsten Teil…

EDIT: Und hier ist er, der nächste Teil!)

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