Tag des Haustiers (Teil 11)

(Teil 1; Teil 10)

Genoveva hob vorsichtig das Tuch von dem Stoffhaufen. Darunter lagen Decken und Kissen, zu einem Nest geschichtet, und in ihrer Mitte zwei Eier, ein bisschen größer als Hühnereier und gelb-orange glänzend.

„Was ist das?“, fragte Lisa-Marie.

„Phönixeier“, erklärte Genoveva und strahlte sie an. „Sind sie nicht toll? Phönixe legen ganz selten frische Eier, und normalerweise nur eines. Sie leben ja so lang. Aber unserer ist verletzt – ein Jäger hat ihn aus Versehen angeschossen, von Weitem sieht er wie ein Reiher aus. Mama hat ihr Bestes versucht, aber es könnte sein, dass er stirbt. Besonders, seit er die Eier gelegt hat, macht sie sich richtig Sorgen, denn das ist wohl ein schlechtes Zeichen.“

„Oh.“ Lisa-Marie wusste nicht so recht, was sie sagen sollte. Der arme Phönix… Doch Genoveva lächelte schon wieder, als sie weitersprach: „Aber weil er zwei gelegt hat, und ich Mama erzählt habe, dass du kein Haustier hast und ich doch am Montag auch irgendwas zeigen muss, da hat sie gesagt, wenn wir die Eier ausbrüten, dürfen wir sie behalten! Ist das nicht toll? Eines für dich, und eines für mich. Und wenn Frau Müller uns nicht glaubt, dass es echte Phönixe sind, dann sagen wir eben ‚exotische Vögel‘, das ist ja nicht mal gelogen.“

Lisa-Marie starrte sie an. „Du meinst, eines ist für mich?“

Genoveva nickte. „Ja, genau. Ich hoffe, das ist in Ordnung?“

Lisa-Marie nickte. Dann fiel ihr ein: „Aber… eigentlich wollen meine Eltern nicht, dass ich ein Haustier habe. Weil die Wohnung zu klein ist, und vormittags ist niemand zu Hause, der sich kümmern könnte.“

„Das ist bestimmt kein Problem“, versprach Genoveva. „Phönixe sind total pflegeleicht. Du musst nur das Ei warmhalten, und wenn das Küken geschlüpft ist, musst du es jeden Tag an die Sonne bringen, denn davon ernähren sie sich. Sie machen nicht mal Dreck“, sie zwinkerte ihr zu. „Da können deine Eltern doch eigentlich gar nichts dagegen haben, oder?“

„Ich… glaube nicht, nein.“ Lisa-Marie zögerte. „Also, fragen muss ich sie auf jeden Fall. Aber ich kann das Ei ja schon mal mitnehmen. Und vielleicht möchtest du am Montag nach der Schule mit zu mir kommen? Dann kannst du ihnen erklären, dass das funktionieren wird. Und ich würd mich freuen, wenn du mich besuchst.“

Genoveva starrte sie an, und Lisa-Marie überlegte schon, ob sie etwas Dummes gesagt hatte. Dann schlang Genoveva die Arme um sie und drückte sie an sich. „Das ist so lieb von dir! Ich würde total gern kommen. Hoffentlich sagt Mama ja!“

Lisa-Marie zögerte kurz, denn Genovevas Heftigkeit überraschte sie. Dann umarmte auch sie ihre neue Freundin. „Bestimmt“, versicherte sie ihr. „Da bin ich ganz sicher.“

Sie hätte gern noch mehr gesagt, doch in diesem Augenblick rief Genovevas Mutter über den Gang: „Essen ist fertig!“

„Oh, schon so spät? Komm, wir müssen noch Hände waschen.“ Genoveva deckte die Eier sorgfältig wieder zu und stand auf. „Ich zeig dir das Badezimmer.“

Lisa-Marie folgte ihr ins Bad und dann ins Esszimmer. Es gab Spaghetti mit Tomatensoße, aber sie vergaß beinahe ihre Freude über ihr Lieblingsgericht angesichts der Spannung, mit der sie Genovevas Mutter nach dem Montagmittag fragte.

„Hm“, machte die, und Lisa-Maries Mundwinkel sanken nach unten. Frau von Stein lächelte. „Nun mach doch nicht so ein Gesicht. Wenn Genoveva verspricht, dass sie ihre Hausaufgaben gemacht hat, wenn sie heimkommt, und Faffi am Montagabend nicht mehr versorgen muss, dann geht das wohl in Ordnung.“

Genoveva nickte heftig. „Mach ich. Versprochen. Lisa-Maries Eltern achten bestimmt darauf, dass wir gleich Hausaufgaben machen, nicht wahr, Lisa-Marie?“

„Ja, natürlich.“ Sie nickte ebenfalls. „Immer.“

„Na, dann“, Genovevas Mutter nickte einmal, und damit schien das Thema abgehakt. Lisa-Marie und Genoveva wechselten einen Blick und grinsten sich an.

Das war eindeutig das beste Wochenende, das sie je erlebt hatte, beschloss Lisa-Marie. Und Montag würde der beste Tag des Haustiers in ihrem ganzen Leben werden, denn sie hatte nicht nur ein Haustier, das all die Minkas und Bellos und Pünktchens um Längen schlug, sondern zudem noch eine neue Freundin bekommen. Besser konnte es nicht mehr werden.

 

(20./27.09.2015, 674 Wörter. Und damit ist der Tag des Haustiers gerettet und die Geschichte zu Ende!)

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3 Kommentare

  1. Die nächsten Worte könntest du über Geister und andere Gruselgesellen schreiben. Ich darf nicht. Yuki schimpft sonst wieder mit mir ;-)

    1. Oh nein, du Arme :-P

      Ich überleg mir was Schönes. Damit bei euch der Haussegen wieder gerade hängt ;-)

  2. Oh, schon zu Ende, wie schade…

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