Die neuen Nachbarn (Teil 1)

Als meine neuen Nachbarn einzogen, freute ich mich. Zum einen hieß das, dass der endlose Renovierungslärm nun endlich vorbei sein würde – wahrscheinlich würden sie noch ein paar Regale anbringen und ein paar Nägel in die Wand schlagen, aber dann, so hoffte ich, würde endlich wieder Ruhe einkehren. Zum anderen hoffte ich, mich gut mit ihnen zu verstehen. Nette Nachbarn waren ein echter Standortvorteil. Man könnte sich gegenseitig Zucker und Schraubenzieher leihen, im Urlaub die Blumen gießen, und vielleicht würden wir uns sogar so gut verstehen, dass ich einen Ersatzschlüssel bei ihnen lassen könnte, für den Fall, dass ich mich mal wieder aussperrte.

Also beschloss ich, unser Verhältnis gleich unter einen guten Stern zu stellen, und besorgte Salz und Brot, hübsch verpackt, um es als Willkommensgeschenk zu überreichen. Damit ausgerüstet klingelte ich.

Niemand machte auf. Hatte ich sie verpasst?

Ich klingelte noch einmal und lauschte. Da waren Schritte zu hören, eindeutig. Es musste also jemand zu Hause sein. Doch die Tür blieb verschlossen.

Ich versuchte es ein drittes Mal, aber als wieder niemand öffnete, gab ich auf. Vielleicht waren sie gerade erst aufgestanden und wollten die Tür nicht im Bademantel öffnen. Ich würde es einfach später noch einmal probieren.

Als ich am Nachmittag noch einmal klingelte, schien jedoch niemand zu Hause zu sein. Ich trug das Geschenk also zum zweiten Mal zurück nach Hause und dachte nach. Irgendwie musste ich sie doch kennenlernen, aber ihnen im Treppenhaus aufzulauern, schien mir keine besonders nachbarschaftliche Idee. Andererseits würde das Brot auch nicht besser, wenn es ein paar Tage bei mir herumlag… Schließlich beschloss ich, mich am nächsten Tag, der ein Samstag war, hinter meinem Türspion auf die Lauer zu legen. Wenn ich sie hinausgehen und wieder heimkommen sah, würde ich wissen, dass sie da waren, und konnte gleich klingeln. Naja, vielleicht mit ein bisschen Abstand, damit es nicht ganz so Stalker-mäßig aussah.

An diesem Abend jedoch hörte ich bereits ein Lebenszeichen von nebenan. Erst wieder Schritte. Dann ein seltsames Geräusch, als würde jemand etwas Schweres über den Boden schleifen. Räumten die etwa Möbel? Um diese Uhrzeit? Ich hatte doch eigentlich auf Ruhe gehofft.

Irgendwann hörte das schleifende Geräusch auf. Dafür erklang nun ein Kratzen. Hatten die etwa Haustiere? Ich presste mein Ohr an die Wand zwischen unseren Wohnzimmern, die direkt aneinandergrenzten. Eindeutig, das war das Geräusch von Krallen auf… Stoff? Teppich? Vielleicht ein Kratzbaum für Katzen, hatten die nicht normalerweise einen Überzug aus Sisal oder ähnlichen robusten Fasern?

Und hartnäckig war das Biest! Es kratzte und kratzte und hörte gar nicht mehr auf. Irgendwann musste ich meinen Lauschposten aufgeben und ins Bett gehen, und noch beim Einschlafen hörte ich, wie es seine Krallen durch festen Stoff zog. Das war vielleicht unheimlich! Hoffentlich war das Tier gut erzogen.

Am nächsten Morgen nahm ich meinen Beobachtungsposten ein. Ich stellte einen Stuhl hinter meine Tür und legte ein Buch und eine Tasse Kaffee bereit, denn ich wusste ja nicht, wie sie ihren Samstag so verbrachten – wenn sie bis in die Puppen schliefen, wollte ich mich nicht langweilen. Doch schon nach wenigen Minuten hörte ich die ersten Laute aus der Nachbarwohnung.

Erst wieder Schritte, und ich hoffte schon, dass bald einer von ihnen aus der Wohnung käme. Dann wurde etwas auf- oder abgeschlossen, und eine Tür quietschte leise. Wenn wir uns schon kennen würden, könnte ich ihnen Schmieröl anbieten, überlegte ich noch. Und dann hörte ich etwas unerwartetes.

Es war ein tiefes, grollendes Knurren. Was auch immer sie für ein Tier hielten, eine Katze war das nicht. Ein Hund vielleicht? Schärften Hunde ihre Krallen? Jedenfalls wollte ich doch schwer hoffen, dass das Tier vom Mietvertrag erlaubt war. Und außerdem gut erzogen. Ich konnte schlecht erzogene Tiere noch nie leiden. Oje, ob das ein schlechtes Zeichen für mein Verhältnis zu den neuen Mietern war?

 

(04.10.2015, 628 Wörter. Jaja, ich weiß, gerade erst eine ellenlange Fortsetzungsgeschichte zu Ende gebracht, und schon die nächste? Aber ich hoffe, dass ich hier in ein, zwei Teilen ein Ende finde…)

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6 Kommentare

  1. Bin gespannt wie es weitergeht! Wie rasch sich doch das Blatt wenden kann von „Toll neue Nachbarn“ hin zu „Mmh, wer weiß was das für welche sind“. Voll aus dem Leben gegriffen sozusagen! :-)

  2. Mir fallen zig Möglichkeiten ein, wer die neuen Nachbarn sind. Aber ich fasse mich in Geduld und schreibe heimlich an (m)einer Horrorstory weiter. ;-)

  3. Oha, das ist unheimlich! Ich höre es schon aus der Wohnung gegenüber …

    1. Oje… Dann sei lieber vorsichtig! Wer weiß, was dahintersteckt?

      1. Also besser nicht nach einer Fortsetzung drängen?

      2. Ich hoffe, die kommt so oder so ;-)

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