Rollkoffer

Sie sitzt am Bahnhof und wartet auf ihren Zug. Sie ist zu früh dran, hat dem öffentlichen Nahverkehr nicht genug vertraut und viel zu viel Puffer eingerechnet, also sitzt sie jetzt hier auf dem Barhocker vor der Bäckerei und hält sich mit einem Kaffee warm. Sie würde auf dem Bahnsteig warten, aber das ist ihr heute zu kalt.

Ein Zug fährt ein, auf dem Gleis gleich hinter ihr. Sein Fahrtwind zerrt kurz an ihrem Mantel, die Bremsen kreischen ohrenbetäubend auf den metallenen Rädern, dann steht der Zug und entlässt pfeifend die Druckluft.

Türen öffnen sich. Menschen steigen aus, stellen ihre Rollkoffer auf den Bahnsteig, klackklackklack, ziehen die Handgriffe heraus, ssstssstssst, rollen los.

Rollrollroll. Das Rrrr und das Llll und das tiefe, dunkle Oo, das die kleinen, harten Rollen auf dem rauen Betonfußboden machen, vibriert durch den ganzen Bahnhof und hämmert sich in ihren Brustkorb wie die Bässe eines guten Soundsystems. Rrr. Lll. Rrr.

Dann ist die Gruppe an ihr vorbeigezogen, durch die Türen hinaus auf den Bahnhofsvorplatz, und ihre Ohren füllen sich wieder mit dem üblichen Gemurmel der Bahnhofsgeräusche. Wellenkronen von Lautsprecherdurchsagen, Täler, in denen nur Schritte und Stimmen abebben, bis sie im Schaum eines weiter weg anfahrenden oder abbremsenden Zuges wieder anschwellen. Ab und zu ein einzelner Rollkoffer, mehr Llll als Rrrr.

Eine Durchsage vom Gleis hinter ihr warnt sie, dass der Zug dort nach einem planmäßigen Aufenthalt demnächst wieder losfährt. Jetzt steigt die Tide der Schritte in ihrer unmittelbaren Umgebung. Hastige Abschiedsgrüße, eiliges Trappeln, und immer wieder Rollkoffer, rollrollroll, ssstssstssst, klackklackklack werden sie in den Zug gebracht. Der Geräuschpegel steigt, der Strom der Menschen für ein paar Minuten auf dieses Gleis geleitet, der Strom der Rollkoffer, rollrollroll, Schritte, ssstssstssst, Stimmen, klackklackklack, dann die letzte Durchsage, ein Pfiff des Schaffners, das Schließen der Türen. Druckluftschnauben. Maschinen erwachen, stöhnen, stampfen los. Der Fahrtwind frischt auf, zupft noch einmal an ihrem Mantel, dann ist der Zug draußen.

Sie bestellt einen zweiten Kaffee an der Theke. Kehrt zurück auf ihren Sitz. Gerade rechtzeitig für den nächsten Zug, Wind, Kreischen, Zischen, klackklackklack, Ssstssstssst, und dann rollrollrollen sie wieder an ihr vorbei, ein Fluss, ein Strom an Rollkoffern, Rrrr auf dem harten Betonboden, so viel Rollrollrollkoffer, dass man die Schritte ihrer Besitzer kaum mehr hört, nur ab und zu ein Klackklack von harten Absätzen.

Kaum ist der Sturm abgeflaut, frischt er aus der anderen Richtung wieder auf, rollrollrollt zum Zug, ssstssstssst, Schritte, klackklackklack und die Türen schließen sich wieder, dieser Zug hatte keinen Aufenthalt, schon erwachen seine Maschinen, die kaum eingeschlummert waren, zu neuem Leben. Zischen. Pfeifen. Stampfen. Fahrtwind.

Dann, eineinhalb Becher Kaffee später, eine Durchsage, die hängenbleibt. Ihr Zug. Sie trinkt den letzten Schluck, wirft den Pappbecher weg, steht auf.

Ssst zieht sie den Griff aus ihrem Rollkoffer.

Rollrollroll geht sie zum Bahnsteig, und rollrollroll schließen andere Fahrgäste zu ihr auf. Der Fahrtwind reißt an ihrem Mantel, ihrer aller Mäntel, der Zug kommt, kreischt, zischt, die Türen öffnen sich. Ssstssstssst verschwinden die Griffe in den Rollkoffern. Klackklackklack werden sie in den Zug gehoben.

Drinnen ist es leise, Teppich dämpft Schritte, Wände halten Wind und Stimmen ab. Sie sucht und findet ihren Platz, hievt den Rollkoffer ins Gepäckfach, Ssst schiebt sie ihn zwischen zwei andere.

Wie von fern hört sie die Bahnhofsdurchsage, den Schaffnerpfiff, das Schließen der Türen und Erwachen der Maschinen. Hier drin gibt es kein Stampfen, kein Kreischen, kein Rrrr, höchstens das Llll von letzten Kofferrollen auf dem Teppich. Sie lehnt sich zurück und schließt die Augen.

 

(24.10.2015, 575 Wörter)

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5 Kommentare

  1. War das aus deinem Buch „Mein Rollkoffer und ich?“ ;-)

    1. Woher weißt du davon?? :-0 Das ist noch hochgeheim, wir verhandeln gerade über die Filmrechte! :-P

  2. Ich kann die Rollkofer bis hier zu Ostsee hören, glaube ich:-)

  3. Ich liebe Züge einfach. Und Bahnhöfe. Auf eine ambivalente Art und Weise. Finde den Text echt toll. Man war sofort da. Die ganze Geräuschkulisse, die hat man wirklich gehört. Das war so die Essenz dessen, was man an diesem Ort wahrnimmt, aber so nie benannt hätte. Ich mag sowas. Vielleicht haben noch die Gerüche gefehlt. Der Kaffe war ja schon da. Ich rieche noch das in den Sitzpolstern hängende, alte Aftershave vom Vorgänger. Die ganzen Leute mit ihren halbnassen Winterjacken. Irgendwer riecht noch nach Döner. Der letzte Raucher bläst ein winziges Fähnchen über den Bahnsteig. Und irgendwie ist immer so alles gebraucht-muffig, wo diese schreckliche Fernzug-Teppich-Auslegeware drinliegt. Ich habe ja ein besonderes Hassverhältnis zu Teppichauslegeware, hach. Tja, jetzt bin ich dank dir mitten drin in der Bahn.

    1. Vielen Dank! Ich hoffe, du kannst wieder aussteigen ;-)

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