Ein Herbstmorgen

Alles ist weich. Die Sonne scheint näher zu sein als sonst; wie eine verschrumpelte Pflaume vom letzten Jahr hängt sie in den Wolken, ein konturloser Klecks in schimmligem Weiß zwischen dem Grau der Wolkendecke. Der Boden ist bedeckt von gelbem und braunem Laub, zu feucht, um zu rascheln; die Luft dazwischen ist klamm und wattig von Nebel. Schatten verschwimmen, Hauswände und Spitzdächer lösen sich auf und verlieren ihre Kanten. Es gibt keine Konturen mehr. Selbst die kahlen Bäume, deren Äste und Zweige sich sonst in den Himmel bohren, mahnende Krallenfinger und drohende Spieße, laufen jetzt aus wie verwischte Pinselstriche. Nichts scharfes, nichts hartes ist mehr sichtbar. Selbst der Wind kriecht nur noch langsam um die Ecken, spielt träge mit den schweren Blättern, umschlingt die Stämme und liebkost Mantelsäume.

Alles ist weich.

Alles ist nass. Der Regen der letzten Nacht hängt noch zwischen den Zweigen und in den Büschen, tropft von Regenrinnen und Fenstersimsen. Dicke Tropfen hängen an der Unterseite von Türklinken und Zaunlatten. Die Wege sind ein Netz aus Pfützen, lose verbunden durch ein wenig Asphalt oder Erde, das auf Beute lauert. Auf den Straßen steht das Wasser, die Gullys können es nicht mehr aufnehmen, wo sie nicht ohnehin von Blättern bedeckt sind. Alles Holz ist vollgesogen, Zäune, Bäume, Bänke, Balken. Das letzte Laub, das noch an den Zweigen hängt, ist ebenso nass und schwer wie das, was schon am Boden liegt. Die Wiesen sind schwer von Nässe, fast sumpfig. Das Wasser verdunstet und kondensiert im selben Moment, sodass die Grenze zwischen Luft und Boden selbst durchtränkt ist und verschwimmt. Jeder Atemzug ist feucht. Stoff saugt sich sofort voll, leitet das Wasser weiter in Krägen und Schuhe; nichts bietet Schutz vor dieses allgegenwärtigen Nässe. Sie ist kein Wetter mehr, sondern Zustand. Brillen und Fenster beschlagen, kaum dass man sie abgewischt hat, und Taschentücher sind klamm, bevor sie die Nase berühren.

Alles ist nass.

Alles ist kalt. Die Sonne ist zu schwach, um den Nebel mit mehr als nur ihrem Licht zu durchdringen, und selbst das ist kühl und blass, alle warmen Farben herausgefiltert, irgendwo weiter oben hängengeblieben. Nichts warmes erreicht die Erde. Nichts Warmes steigt auf, nur Verdunstungskälte, die alles in ein kaltes, nasses Tuch schlägt. Goldenes Laub ist matt im Nebel. Warmes Braun ist grau. Schützende Wände weichen zurück in den Nebel. Dafür werfen sie ausgefranste Schatten, die überall einzudringen scheinen, im Wasser gelöst und mitgesogen, im Nebel verrührt. Wie die Nässe sich in Strümpfe saugt, so saugt sich die Kälte in jede Ritze, jede Falte, fließt die klamme Haut entlang bis in den Rücken, stellt Härchen auf und schickt Gänsehaut über den Körper. Der Wind, so trügerisch weich und langsam er ist, nimmt doch mit jedem Strich ein Stück Wärme mit sich und gibt nichts zurück. Der Himmel ist grau und verschlossen. Die Erde ist feucht und schwer und unzuverlässig; kein spiegelndes Licht verrät die Oberfläche von Pfützen. Die Nässe und die Kälte haben sich verbündet, kriechen in jede Öffnung, so weich und widerstandslos, dass man ihnen nichts entgegensetzen kann. Die Sonne schaut unbeeindruckt zu oder weg, sie hat ihren eigenen Kampf mit dem Wasser auszufechten, und im Augenblick verliert sie.

Alles ist kalt.

 

(01.11.2015, 526 Wörter. Zum Glück gibt’s Tee und warme Stuben!)

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3 Kommentare

  1. Tja, deprimierendes Wetter. Irgendwie wartet man auf die Erlösung, aber es gibt keine. Erst im Kommentar.

  2. Alles ist kalt. Aber das Feuer brennt. :-)

  3. Jetzt will ich mich unter einer warmen Decke verkriechen, am besten mit nem guten Buch. Dazu dann die Füße auf die warme Heizung legen.

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