Ein Herbstabend

Alles ist leicht. Trockene Blätter rascheln unter Füßen, ein helles, fröhliches Geräusch. Der Wind trägt sie vom Boden in die Luft, zupft ihre Geschwister von den Zweigen, die ihnen ein letztes Mal nachwinken, unbeschwert von Laub, von Moos, von Vögeln. Was an Vögeln noch hiergeblieben ist, Spatzen und Meisen vor allem, flattern auf, Federn stieben und schaukeln langsam zu Boden, und die letzten Zugvögel sammeln sich in großen Schwärmen. Ein paar Wolkenstreifen eilen über den Himmel. Sie tupfen mit leichten Fingern Schatten auf die Hausdächer und wischen sie schon wieder weg, kaum dass man sie gesehen hat. Ein Fenster steht offen, die Gardine hängt ein bisschen heraus, und auch danach greift der Wind, spielerisch, verschmitzt, zupft daran und wirbelt sie herum, lässt sie tanzen wie die braungoldenen Blätter auf dem Boden, wie die Zweige, wie die Wolken.

Alles ist leicht.

Alles ist klar. Die letzten Blätter an den Bäumen zeichnen sich vor dem Himmel ab wie Scherenschnitte, bilden zusammen mit den kahlen Zweigen ein filigranes Gitter aus Dunkelheit vor dem leuchtenden Himmel, wie von Künstlerhand geschmiedet. Von unten kommen ihm die fein ziselierten immergrünen Hecken entgegen, fügen sich mit ihm zu einem Rahmen. Er sperrt nicht ein, denn es gibt den Blick frei auf den Sonnenuntergang. Die Luft ist frisch, als hätte der Wind allen Schmutz mit sich fortgetragen. Selbst dort, wo er Staub und Blätter aufwirbelt, scheint eine geheime Ordnung zu wirken, die den Tanz von Laub und Erde choreografiert. Dann huscht die Bö um die Ecke, und alles legt sich wieder an seinen Platz, ist, wo es hingehört. Auch die Menschen sind an ihrem Ort, auf dem Weg zu einem Ziel oder angekommen. Niemand scheint zu irren oder suchen. Jeder Schritt führt voran. Jedes Haus steht, wo es soll. Fenster schneiden ordentliche Rechtecke in Wände, teils dunkel, teils erleuchtet vom Leben dahinter, immer Teil des Musters.

Alles ist klar.

Alles ist warm. Die Sonne malt Gold auf das trockene Laub, auf gelbe, rote, orangefarbene Blätter, malt prasselndes Feuer in den Himmel, fein züngelnd, hell brennend, tief leuchtend, schickt die letzen Strahlen des Tages zwischen Wolkenfingern hindurch, die zu schwach sind, sie aufzuhalten. Selbst in die Schatten, die immer länger werden, weht noch ein Rest Wärme, und hinter den Fenstern leuchten Lampen, Kerzen, Herde. Die Luft ist mild, voll Sonnenstreicheln, sanft und freundlich. Dächer leuchten, glühen rot, Hausecken blinken im Gegenlicht. Auf allem liegt ein einladendes Lächeln. Selbst als die Sonne sich zur Ruhe legt, lässt sie ihre Freundlichkeit zurück. Wer noch unterwegs ist, trägt dicke Jacken, lange Mäntel, kuschelige Schals in freundlichen Farben. Der Wind fährt durch Haare, fächert Fransen auf, doch er bringt keine Kälte mit sich. Wo der Abend doch zu spät wird, die Nacht zu dunkel, das Sonnengold zu fern, da gibt es eine andere Wärme. Finger finden einander, Hände halten sich, und über alles legt sich der Himmel wie eine Decke aus Licht. Schatten drohen nicht, sie laden ein, willkommen heißende Türen und Durchgänge, hinter denen schöne Dinge warten, Küchen, Kissen, Küsse, Tassen voll Tee oder Suppe.

Alles ist warm.

 

(07./08.11.2015, 506 Wörter. Als kleiner Ausgleich zur letzten Woche, denn schließlich ist nicht alles am Herbst schlecht!)

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2 Kommentare

  1. Feine Worte. Schatten drohen nur in Mordor.

  2. Und ich dachte noch so: Ich kenne doch die Struktur des Beitrags ;)

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