Die Brücke

Sie war unauffällig; eine schlichte Konstruktion aus Stein und Mörtel, eher zweckmäßig als dekorativ, fügte sie sich in die Landschaft ein, als wäre sie aus den Ufern gewachsen. Wo sie in der Erde verankert war, konnte man längst nicht mehr sehen, so zugewuchert waren ihre Ränder. Unkraut und Moos verstärkten den Eindruck, sie sei immer schon dagewesen, Teil der Natur statt der Versuch, sie zu überwinden.

Unter ihr fielen die Ufer schräg ab, bildeten ein tiefes V, das einst von einem Fluss ausgeschachtet wurde, nun aber nur noch einen Bach enthielt, ja, ein Bächlein. Die Erde wurde feuchter, je tiefer man hinabstieg, aber auch oben, direkt unter der Brücke, wurde sie nie ganz trocken. Büsche und Kräuter krallten sich in die steilen Hänge und versuchten, den Abgrund mit ihren Blättern zu verstecken, doch die einzige, die es schaffte, bis zur Mitte und darüber hinaus zu reichen, war die Brücke.

In dem Gebüsch jedoch, das an den Enden der Brücke besonders dicht wuchs, lebte ein Troll. Er war recht alt, ebenso alt wie die Brücke selber, und er hatte schon bessere Tage gesehen. Damals, als das Bächlein noch ein Fluss war und auch die Straße, zu der die Brücke gehörte, beliebt und belebt war, hatte er ein gutes Auskommen gehabt. Er hatte den Reisenden aufgelauert und Brückenzoll verlangt, und nie musste er mit leerem Magen schlafen gehen. An manchen Tagen hatte er gar so viel bekommen, dass er gar nicht alles essen konnte. Dann hatte er freigiebig geteilt, hatte die Vögel gefüttert und den Fischen im Fluss etwas zugeworfen, und wenn ein Wanderer vorbeikam, der offensichtlich nicht genug bei sich trug, um sich selbst zu ernähren, geschweige denn einen Troll, dann hatte er ihn an solchen Tagen nicht nur wie üblich „übersehen“, sondern ihn eingeladen zu einem Mahl.

Nicht jeder Wanderer hatte das angenommen – die meisten begegneten einem Troll mit berechtigtem Misstrauen. Doch wann immer einer geblieben war, ob aus Angst, Verzweiflung oder ehrlichem Interesse, hatte der Troll ihn bewirtet und sich seine Geschichte erzählen lassen, und in diesen satten, schönen Tagen waren sie ihm der liebste Wegzoll gewesen.

Doch dann wurden diese Tage seltener, und schließlich blieben sie ganz aus. Stattdessen ging die Sonne immer öfter unter, ohne dass der Troll auch nur einen einzigen Reisenden gesehen hätte.

Erst machte ihn das wütend. Wo blieben die Leute? Wollten sie keinen Wegzoll mehr zahlen? Mieden sie ihn, weil sie ihn nicht mochten? Waren sie einfach zu langweilig und feige, um noch zu reisen?

Dann wurde er traurig. Er konnte auch ohne den Wegzoll leben, denn Trolle sind unsterblich, solange ihre Brücke steht, doch die Einsamkeit setzte ihm zu. Er hatte nichts mehr, womit er die Vögel füttern konnte, und so blieben sie nicht mehr auf dem Geländer sitzen und sangen für ihn. Er hatte nichts mehr, was er den Fischen zuwerfen konnte, und so blieben sie aus, erst recht, nachdem der Fluss nach und nach schrumpfte. Und er hatte weder genug, um einen armen Wanderer zu bewirten, noch kam jemand vorbei, den er hätte einladen können. Hatte man ihn und seine Brücke vergessen?

Schließlich jedoch begann er, die einsamen Tage zu genießen. Er setzte sich auf das Brückengeländer und baumelte mit den Beinen; er kletterte zum Bach hinab und suchte nach Fischen oder beobachtete die Libellen, die dort jagten und sich paarten; er wanderte selbst die Straße entlang, mal in die eine, mal in die andere Richtung, und entdeckte, wie schön das Gebirge war, in dem er lebte.

Eines Tages, auf einer dieser Wanderungen, entdeckte er eine andere Brücke, größer als seine, moderner, nicht aus Stein und Mörtel, sondern aus Stahl und Beton, und auf ihr fuhren Dutzende, ja Hunderte jener pferdelosen Kutschen, die vor einigen Jahrzehnten aufgekommen waren.

Er näherte sich der Brücke. Ob er hier einen zweiten Troll treffen würde? Er war noch keinem begegnet, denn Trolle reisen nicht gern, doch natürlich wusste er – und Reisende hatten es ihm bestätigt, als sie noch an seiner Brücke vorbeikamen und mit ihm sprachen –, dass jede Brücke ihren Troll hat. Er war ein bisschen aufgeregt, freute sich aber auch, einen Kollegen kennenzulernen.

Doch als er die Brücke betrat, hielt ihn niemand auf, um Wegzoll zu verlangen. Er lief mehrfach auf und ab und erntete seltsame Blicke von den vorbeifahrenden Reisenden, doch kein Troll ließ sich blicken.

Dann kletterte er unter die Brücke und suchte das ganze Tal ab. Keine Spur von einem Troll. Was war passiert? Wie konnte das sein? War der Troll vielleicht ausgewandert? Oder – hatte hier nie einer gelebt? Er wusste, dass die Welt sich sehr verändert hatte, seit seine Brücke über den Fluss gebaut worden war, aber dass es eines Tages keine Trolle mehr geben würde, hätte er nie gedacht. Doch er fand keine Spur, nicht einmal einen Hauch von Trollgeruch. Es war, als stammte diese Brücke aus einer Welt ganz ohne Trolle.

Wer kümmerte sich dann aber darum, dass die Brücke stabil blieb? Diese neuen Wagen waren schnell und schwer, sicher nutzten sie die Brücke ab. Wenn er genau hinsah, entdeckte er schon Haarrisse im Beton.

Er wusste, er könnte sie reparieren. Und er könnte hierher ziehen, zu dieser belebten Brücke mit den vielen Reisenden. Er könnte wieder Wegzoll verlangen und Wanderer einladen. Und vielleicht, wenn er ihnen etwas zu essen gab, würden auch die Vögel wiederkommen, trotz dem Lärm, den die Wagen machten. Aber wollte er von seiner hübschen kleinen Brücke, die wie eingewachsen über dem Bächlein hing, wegziehen?

Erst einmal machte er sich wieder auf den Heimweg. Er hatte viel, worüber er nachdenken musste. Und zum ersten Mal in seinem Leben wünschte er sich, Besuch zu haben, nicht um dessen Geschichte zu hören, sondern um seine eigene zu erzählen. Vielleicht würde ihm das helfen, eine Entscheidung zu treffen?

 

(15.11.2015, 956 Wörter. Wie sich der Troll wohl entscheidet? Was würdet ihr ihm raten?)

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4 Kommentare

  1. Warum muss er sich entscheiden, wenn er die Antwort kennt. Er kann stets wandern und doch bei seiner Brücke wohnen bleiben.

    1. So ein Job als Troll braucht schon einen gewissen Einsatz… Aber vielleicht könnte er wochenweise Schichten machen, wie Arbeiter auf einer Ölplattform? Ich werde ihm das mal vorschlagen ;-)

  2. Ich denke, dieser Troll sehnt sich insgeheim mehr nach Menschen und Unterhaltung, als er selbst erkennt…er wird mit Sicherheit zur neuen Brücke ziehen!

    1. Ob er wohl merkt, was ihn glücklich machen würde?

      Danke für den Kommentar!

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