Der Geruch der Geschenke

Miri schob die Tür zum Kaufhaus auf, und sofort schlug ihr ein Schwall warmer Luft entgegen, gesättigt mit diesem leicht muffigen Heizungsaroma von Kaufhauseingängen. Sie zog den Reißverschluss ihrer Winterjacke auf und versuchte, zu tiefe Atemzüge zu vermeiden.

Hinter der zweiten Glastür war es angenehmer, weniger bedrückend, freier, gemütlicher. Obwohl die Einkaufenden ihren Regengeruch mitgebracht hatten, in nassen Schuhen, nassen Jacken, nassen Haaren mit ihrem charakteristischen Duft, roch es vor allem nach sauberem Stoff und warmer Gemütlichkeit. Jetzt konnte Miri wieder atmen.

Sie blieb einen Augenblick stehen, um sich zu orientieren. Von der Vitrine mit den Pralinen lockte das Aroma warmer Schokolade, und sie hätte ihm gern nachgegeben, aber sie war hier, um Weihnachtsgeschenke zu kaufen. Erst einmal ging es also in den vierten Stock zur Spielwarenabteilung.

Ein Berg Stofftiere begrüßte sie am Ende der Rolltreppe, und obwohl sie sicher war, dass sie sorgfältig sauber gehalten wurden, kitzelte sie doch ein leichter Staubgeruch in der Nase. Sie eilte an den weichen Pelzen und glänzenden Augen vorbei. Auch die Barbiepuppen und Actionfiguren in ihren sterilen Pappe-und-Plastik-Heimen ließ sie links liegen, um den Teil zu erreichen, der ihr am liebsten war: Das Holzspielzeug. Ihr Neffe war jetzt alt genug für eine Eisenbahn, und als ihr der Duft von unlackiertem Holz in die Nase stieg, wurde sie in ihre eigene Kindheit zurückversetzt. Sie nahm einen der kleinen, mit Magneten verbundenen Waggons hoch und fuhr mit den Fingern über die glatte Oberfläche. Gehobelt und geschmirgelt, sorgfältig eingeölt, brauchte das kleine Kunstwerk keinen Lack – und hatte den Vorteil, dass es gefahrlos bekaut und belutscht werden konnte. Sie erinnerte sich noch genau daran, wie speichelnasses Holzspielzeug roch. Um Längen besser jedenfalls als Kunststofffell…

Miri wählte ein Set mit einem mehrteiligen Zug und einigen Schienenstücken aus, die man beliebig miteinander verpuzzeln konnte. Dann wechselte sie in die Elektronikabteilung, mit ihrem ganz eigenen Geruch von Verpackungschips und Plastikoberflächen. Während sie nach passenden Geschenken für ihre Familie suchte, fiel ihr auf, wie anders das Weichplastik von DVD-Hüllen roch als das Hartplastik von Gehäusen.

Dann fuhr sie, schon mit Tüten beladen, hinunter in die Haushaltswarenabteilung. Sie vermied die Weißware – selbst unbenutzte Waschmaschinen und fabrikneue Kühlschränke hatten diesen unangenehm feuchten Duft an sich, und sie brauchte auch nichts aus dieser Abteilung. Stattdessen genoss sie das Aroma noch nie benutzter Bettwäsche, Baumwollduft so weich wie die Stoffe selber, kühles Satin und kuscheliges Frottee, und wählte ein schönes Set für ihre beste Freundin aus.

Schließlich fuhr sie wieder zurück ins Erdgeschoss. Die Rolltreppe endete in der Parfümerieabteilung, und eine Welle gemischter Düfte schlug über ihr zusammen, bevor sie den ersten Schritt gemacht hatte. Zarte und schwere Blumen, frische Meeresbrisen und herber Moschusgeruch stritten um ihre Aufmerksamkeit, und ihr wurde schwindlig von dem Andrang. Hastig eilte sie zwischen den Ständen hindurch, nahm kaum die Veränderungen von einem zum anderen wahr, bis sie endlich das sichere Ufer der Strumpfwaren erreichte.

Sie verlangsamte ihr Tempo, genoss den sanften Baumwollgeruch nach dem heftigen Ansturm, näherte sich dann ihrem Ziel, einem Tisch voller Seidentücher. Sie rochen kühler als die Wollschals am Ständer daneben, leichter und irgendwie edler. Miri war sicher, hier das richtige Geschenk für ihre Mutter zu finden.

Und dann, zur Belohnung für diesen harten Einkauf, erlaubte sie sich den Gang zu den Pralinen. Sie sog den Duft ein, aromatische, dunkle Bitterschokolade, zarte Milchschokolade, fruchtige Füllungen, zartes Marzipan, ein ganz sanfter Hauch von Kaffee… Sie schloss die Augen und genoss die Aromen. Was sie hier kaufen wollte, war ein ganz privates Geschenk für sie allein. Und während sie auf der Duftwolke schwebte, konnte sie das Gewicht der Einkaufstüten an ihren Armen vergessen.

 

(29.11.2015, 597 Wörter)

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4 Kommentare

  1. Ob aber unbenutzte Waschmaschinen wirklich schon feucht riechen? ;)

    1. Nee, das ist wahrscheinlich Einbildung…

  2. Dufte! Wie immer. :-)

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