Auf dem Weihnachtsmarkt

Was für ein Tag! Herr Müller hatte mal wieder Überstunden machen müssen, weil die Hälfte der Abteilung krank war. Noch dazu hatte ihm ein Kunde die Hölle heiß gemacht, nur weil er eine Kleinigkeit übersehen hatte, und sein Chef war wie ein Geier über ihm geschwebt und in den ungelegensten Momenten gefragt, wie weit er denn schon mit dem superwichtigen Projekt war, das gestern auf seinem Schreibtisch gelandet war.

Endlich war er draußen. Eigentlich wollte er sofort heim, doch auf dem Weg von der U-Bahn war er plötzlich in eine Menschenmenge geraten, aus der es kaum ein Entkommen gab. Was war denn hier los? Musste das unbedingt heute sein?

Er folgte der Menge auf den kleinen Platz, den er auf seinem Heimweg überqueren musste, und verstand: Ein Weihnachtsmarkt hatte eröffnet. Sie mussten die Buden tagsüber aufgebaut haben, denn er konnte sich nicht daran erinnern, morgens etwas davon gesehen zu haben. Jetzt aber war alles voll mit Lichterketten, Verkaufsständen und dem Duft von Glühwein und Bratwurst.

Herr Müller überlegte. Konnte er dem Markt irgendwie ausweichen? Es sah verdammt voll aus, und er hatte überhaupt keine Lust. Aber wenn die Straße, durch die er gekommen war, ein Hinweis war, müsste er einen riesigen Umweg machen, um dem Gedränge zu entkommen.

Außerdem stieg ihm jetzt Grillgeruch in die Nase und erinnerte ihn daran, wie hungrig er ist. Zum Mittagessen hatte er sich gerade einmal ein belegtes Brötchen gegönnt, das er am Schreibtisch gegessen hatte. Und hier pries ein Schild Steaks und Würstchen an…

Herr Müller seufzte schicksalsergeben und reihte sich in die Schlange ein. Wenn er schon auf diesem Markt feststeckte, wollte er das wenigstens mit vollem Magen tun.

Die Schlange bewegte sich erstaunlich schnell, und bald hatte er ein Brötchen prall gefüllt mit einer riesigen Bratwurst in der Hand. Er biss genüsslich hinein. Sie war seltsam gewürzt, der Stand gehörte, wie er jetzt sah, einem griechischen Restaurant, aber in seinem Hunger hätte er wahrscheinlich sogar eine Sojawurst gegessen, und wenn er ehrlich war, fand er die Wurst sogar ziemlich lecker. Er warf einen Blick zurück auf den Stand. Den Namen von dem Restaurant wollte er sich merken, auch wenn die Menge ihn schon weitertrieb.

Er ließ sich mitschwemmen und warf nur hin und wieder einen Blick auf die Stände rechts und links. Viel Weihnachtskitsch, Sterne und Kugeln und alberne Engelchen mit zu viel Glitzer, aber das war wohl keine Überraschung. Dazwischen entdeckte er aber auch einige hübsche Sachen, handgemachtes Spielzeug und Töpferware, Bienenwachskerzen und die Bürsten der Blindenwerkstatt. Als die Wurst vertilgt und seine Finger wieder sauber waren, näherte er sich den Ständen und nahm sogar hier und da etwas in die Hand.

Ganz in die Betrachtung von kunstvoll bemalten Vogelhäuschen versunken, merkte er nicht, wie er plötzlich wieder am Ende einer Schlange gelandet war – erst, als jemand ihn fragte, ob er anstand. Rasch schaute er sich um. Was gab es denn hier überhaupt? Oh, Waffeln?

„Ja“, antwortete er spontan. Warum sollte er sich keinen Nachtisch gönnen? Hm, und Glühwein gab es auch. Doch, ja, er stand an.

Hier dauerte es etwas länger, aber schließlich hielt er seine Beute in der Hand, und es gelang ihm sogar, einen Platz an dem kleinen Stehtisch zu ergattern. Frische, noch heiße Waffeln, dick mit Puderzucker bestäubt… Wann hatte er das zuletzt gegessen? Er nippte an seinem Glühwein und dachte nach, aber es fiel ihm nicht ein. Schade eigentlich, diese Waffel war wirklich lecker.

Der Glühwein tat sein Übriges, und als Herr Müller aufgegessen hatte, zog sich ein Lächeln über sein Gesicht, das nicht einmal der übervolle Mülleimer beeinträchtigen konnte. Gemütlich schlenderte er weiter, warf hier einen Blick, schnupperte dort an einer Duftkerze, und am Ende kaufte er sogar ein Los. Es war eine Niete, aber das machte ihm schon nichts mehr. Wenigstens war das Geld für einen guten Zweck.

Als er das andere Ende des Platzes erreichte und damit die Straße, die ihn nach Hause führen würde, war er ein bisschen traurig. Doch er musste ins Bett, morgen hieß es wieder früh aufstehen, und seine Arbeit (sowie die seiner kranken Kollegen) machte sich nicht von allein. Aber danach, das nahm er sich vor, würde er wieder über den Markt bummeln. Advent war doch eigentlich eine schöne Zeit.

 

(06.12.2015, 704 Wörter. Ratet mal, was ich heute gemacht habe! Tipp: Überstunden waren es nicht…)

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3 Kommentare

  1. measententia · · Antwort

    Hat dies auf Ich bin, also denke ich. rebloggt und kommentierte:
    Einfach. Schön. Einfach schön :)

    1. Danke :-) Freut mich, dass es dir gefällt.

  2. Hmmm. Jetzt hab ich Lust auf Waffeln…

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