Der erste Satz

Der erste Satz ist immer der schwierigste. Wie fange ich eine Geschichte an? Mitten im Geschehen? Oder lieber mit einer Beschreibung? Mit wörtlicher Rede? Mit einem Ausruf? Einer Frage? Oder doch mit einem klassischen „Es war einmal“?

Viel hängt an diesem ersten Satz, also muss ich ihn mir gut überlegen. Mit dem ersten Satz gebe ich einen Einstieg oder schrecke meine Leser ab, ich mache neugierig oder ich langweile, ich setze die Stimmung und Atmosphäre, die Erwartung für den ganzen Rest der Geschichte. Der erste Satz ist mein Fundament und mein Aushängeschild. Ist es da überraschend, dass ich mir darum viele Gedanken mache?

Das heißt aber nicht, dass er immer gut ist. Ich habe inzwischen ziemlich viele erste Sätze geschrieben, und ich müsste schon ziemlich eingebildet sein um zu sagen, dass sie alle gut waren. Einige sind, wie ich finde, ganz brauchbar. Auf ein paar bin ich wirklich stolz. Und manche, naja. Wenn ich sie jetzt noch einmal lese, muss ich zugeben: Da habe ich mich nicht mit Ruhm bekleckert. Bei denen merkt man, dass ich irgendwann einfach aufgegeben habe, die richtige Formulierung zu finden, den treffenden Ausdruck.

Der erste Satz ist eben der schwierigste.

Insbesondere bei Kurzgeschichten, natürlich, und das gilt doppelt im Internet, wo die nächste Geschichte mit einem besseren Einstieg nur einen Klick entfernt und Aufmerksamkeit das wichtigste Gut ist. Kein Wunder also, dass ich so manches Mal dasitze und über den ersten Satz grübele, ohne auch nur ein Wort zu schreiben. Manchmal ist die ganze Geschichte schon fertig in meinem Kopf, der Plot, der Spannungsbogen, der Höhepunkt, die Auflösung – aber der erste Satz fehlt, er sitzt nicht, er klingt nicht, er passt nicht. Manchmal brauche ich zum Anfangen länger als zum Fertigwerden.

Manchmal ist von der Geschichte selbst auch nur eine Ahnung vorhanden, eine vage Idee, vielleicht eine Pointe oder eine Stimmung, die ich darin zum Ausdruck bringen möchte. Dann brauche ich den ersten Satz als Anhaltspunkt, als Grundstein, auf den ich aufbauen, als ersten Schritt, von dem aus ich mich in Bewegung setzen kann. Bei solchen Geschichten fällt mir auch der zweite, der dritte, der dreißigste Satz schwer, aber der erst ist doch immer noch der schwierigste, denn wenn schon der erste Schritt in die falsche Richtung geht, ist es schwer, wieder auf den Weg zurückzufinden.

Manchmal dagegen ist der erste Satz das einzige, was ich habe. Ich habe eine ganze Sammlung erster Sätze, aus denen nie eine Geschichte geworden ist, erste Schritte ins Nichts, Aufhänger, an denen nichts hängt, wie leere Garderobenhaken. Aus den meisten wird wohl nie etwas werden. Trotzdem verwerfe ich sie nicht, sondern hebe sie auf. Denn ich weiß, wie schwierig erste Sätze sind, und selbst wenn sie missraten oder allein bleiben, fällt es mir doch schwer, mich von ihnen zu trennen.

Und vielleicht, so hoffe ich immer wieder, ist eines Tages einer dieser Sätze, an denen ich schon so viel herumgefeilt und geschliffen habe, genau der Grundstein, den ich brauche, um eine Geschichte zu bauen, wenn mir sonst nichts einfällt.

Denn der erste Satz ist immer der schwierigste. Gut, wenn man den schon einmal hat.

 

(13.12.2015, 516 Wörter)

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ein Kommentar

  1. Ija, das kenne ich. Vor allem deine aussage, dass es gerade beim bloggen wichtig ist, stimmt, sonst habe ich nicht so sehr über den ersten satz nachgedacht. Natürlich ist er immer wichtig, aber hier muss man die leser in die kurzen texte damit hineinziehen.

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