Wandern

Ich wanderte durch den Wald und dachte an meine Arbeit. Ich hatte einiges liegen lassen übers Wochenende, und da war auch noch der Kunde, den ich dringend anrufen musste, mit dem ich aber eigentlich so wenig wie möglich zu tun haben wollte. Hatte ich eigentlich die versprochene Liste an meine Chefin geschickt? Ja, doch, hatte ich. Hoffentlich hatte ich nichts übersehen. Und die Reisekostenabrechnung musste ich auch noch fertigmachen…

Ein Windstoß fuhr durch die Bäume und ließ das Laub rascheln, und ich erinnerte mich wieder daran, dass ich frei hatte und im Wald war.

 

Ich wanderte durch den Wald und dachte an zu Hause. Ich musste unbedingt noch Wäsche waschen. Aber vielleicht war es ganz gut, das erst später zu tun, dann konnte ich die durchgeschwitzten Wanderklamotten mit in die Maschine werfen. Das Geschirr hätte ich aber schon noch spülen sollen… naja, jetzt war es zu spät.

Der Wald lichtete sich, und ich kam auf eine Wiese. Blumen blitzten schüchtern aus dem ungemähten Grün. Wann hatte ich meine Zimmerblumen eigentlich das letzte Mal gegossen? War das zwei oder doch drei Tage her? Ich sollte auch mal wieder die vertrockneten Blätter abschneiden, das sah besser aus und tat den Pflanzen auch gut.

Eine Biene summte an meinem Gesicht vorbei, und ich erinnerte mich wieder daran, dass ich sorgenfrei war und im Wald.

 

Ich wanderte durch den Wald und dachte an morgen. Ich wollte noch einkaufen, hatte ich die Liste schon geschrieben? Ich konnte mich nicht daran erinnern. Das musste ich nach meiner Heimkehr unbedingt erledigen, nicht, dass ich wieder die Hälfte vergaß. Ich brauchte Milch, Seife, Kartoffeln…

Der Boden zwischen den Wurzeln der Bäume duftete erdig, und immer wieder blitzten Pilze unter dem Laub hervor. Pilze könnte ich auch mal wieder kochen, vielleicht eine schöne Pilzsoße zu Nudeln? Ein Risotto? Der Reis war aber alle, da war ich ziemlich sicher. Also musste der auch auf die Liste.

Würde ich denn Zeit haben, in mehr als einen Laden zu gehen? Dann könnte ich auch noch im Baumarkt vorbei, Schrauben kaufen und endlich diese verdammte Schranktür reparieren. Das schob ich schon seit Wochen vor mir her, aber irgendwas kam eben immer dazwischen…

Ein Vogel zwitscherte über meinem Kopf, und ich erinnerte mich wieder daran, dass ich frei war und im Wald.

 

Ich wanderte durch den Wald und dachte an meine Füße. So langsam spürte ich die gelaufenen Kilometer, und auch wenn der Boden weich war und der Weg größtenteils eben, wurden mir doch die Schuhe eng und die Beine schwer. Wie lange war ich schon unterwegs? Ich hatte die Zeit vergessen. Wenigstens konnte ich mich nicht verlaufen haben; der Weg war gut markiert, und schon wenige Meter vor mir sah ich den nächsten farbigen Pfeil an einem Baum.

Ich musste ihm nur folgen, dann würde ich nach einer Weile wieder an meinem Ausgangspunkt ankommen. Von dort war es nicht weit bis zum Bahnhof – wann fuhr noch einmal der letzte Zug? Ob ich wohl Zeit haben würde, mich auszuruhen, oder rennen müsste, um ihn zu erreichen?

Ich stieß gegen eine Wurzel. Meine Füße protestierten. Ein Stück zur Seite, zwischen den Bäumen, lockte ein bemooster Stamm. Hatte ich Zeit, mich ein Weilchen hinzusetzen? Oder sollte ich mich lieber beeilen, heimzukommen?

Ein Blatt segelte vor meinem Gesicht zu Boden, und ich erinnerte mich wieder daran, dass ich Freizeit hatte und im Wald war.

 

Ich wanderte durch den Wald und dachte an nichts. Die Luft roch frisch, erdig und holzig und harzig, nach Leben und Wachstum. Der Wind strich durch die Wipfel, ein Vogel sang, ein zweiter antwortete. Insekten schwirrten herbei und wieder davon. Äste knackten, und irgendwo fiel etwas zu Boden.

Die Sonne stand schon tief, und ihre Strahlen wärmten kaum mehr, doch ich fror nicht. Das Licht hier zwischen den Bäumen hatte seinen ganz eigenen Ton, warm und grün und flackernd in den windgezupften Blättern. Altes Laub raschelte zwischen den Pfoten kleiner Tiere. Frisches Laub wisperte unter dem Gewicht landender Vögel. Der Weg war weich und klar, und ich musste mich an nichts anderes erinnern als daran:

Ich war im Wald.

 

(19./20.12.2015, 677 Wörter)

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