Die Weihnachtspredigt (Teil 1)

Die Sonne kitzelte Johannes in der Nase und weckte ihn auf. Schlaftrunken griff er nach seinem Wecker. Wie spät war es?

Schreck durchzuckte ihn. Er hatte verschlafen! Wie war das nur passiert? Verdammt!

Hastig bekreuzigte er sich. Natürlich sollte ein Pfarrer nicht fluchen, aber unter diesen Umständen hoffte er auf Gottes Vergebung. Mit klopfendem Herzen sprang er aus dem Bett. So ein Mist, der Gottesdienst begann in einer halben Stunde, und die Kirche würde auch noch proppenvoll sein, wie immer an Weihnachten.

Ein Frühstück war nicht mehr drin, aber wenigstens waschen wollte er sich. Und Zähne putzen. Mit ungeputzten Zähnen in den Gottesdienst zu gehen schien ihm nicht in Ordnung. Er beeilte sich, so gut er konnte. Trotzdem hatte er nur noch zehn Minuten, um in die Sakristei zu gehen, das Priestergewand überzuziehen und sich auf den Gottesdienst einzustellen.

Er war schon an der Tür zur Sakristei, als ihm einfiel, dass er seine Predigtnotizen vergessen hatte. Sollte er noch einmal zurück? Aber er wusste nicht einmal mehr genau, wo er sie hingelegt hatte, und er war wirklich spät dran. Johannes zuckte mit den Schultern. Es war Weihnachten. Da erzählte er jedes Jahr in etwa dasselbe, über Familie und Frieden auf Erden, das konnte er auch spontan improvisieren. Jetzt musste er schauen, ob genug Ministranten da waren und der Lektor die richtigen Texte hatte.

Gottseidank hatte sein Mesner alles im Griff. Die Kohle für das Weihrauchfass glühte schon, die Lektorin warf einen Blick auf die Fürbitten, die er zum Glück gestern schon in der Sakristei abgelegt hatte, und die Ministranten standen bereit. Johannes streifte die Jacke ab und die Kasel über, die der Mesner ihm hinhielt. Dann hatte er tatsächlich noch zwei ganze Minuten, sich zu sammeln, bevor er hinter den Ministranten in die Kirche einzog.

Der Gottesdienst lief erst einmal in seinen geregelten Bahnen. Johannes war seit mehr als zwei Jahrzehnten Pfarrer, da bekam man eine gewisse Routine, für die er heute dankbar war. Der Kirchenchor tat sein Übriges dazu, dass es ein wirklich schöner, feierlicher Weihnachtsgottesdienst wurde.

Dann war es Zeit für die Predigt. Johannes schluckte seine Nervosität herunter und trat an den Ambo.

„Liebe Gemeinde“, begann er, „wir feiern heute, wie jedes Jahr, die Geburt Jesu, des Sohnes Gottes. Als die Hirten, die ersten Zeugen dieser wunderbaren Nacht, vom Engel des Herrn geleitet in den Stall kamen, da sahen sie das göttliche Kind, und bei ihm seine Eltern, seine engste Familie, in deren Liebe er als hilfloses Baby so geborgen war wie im weichsten Bettchen, obwohl er doch nur eine Futterkrippe als Wiege hatte.“

Sehr schön. Familie und Liebe. Er merkte schon, er würde das hinkriegen. Etwas schwungvoller fuhr Johannes fort: „Und so sollten wir dieses Fest zum Anlass nehmen, uns auf unsere eigene Familie zu besinnen. Keiner von uns musste in einem Stall zur Welt kommen, aber wir alle waren angewiesen auf die Liebe unserer Eltern. Und so, wie Eltern ihre Kinder lieben, so liebt uns auch Gott, unser Vater; und so, wie Geschwister zusammenstehen, so sollten wir einander als Brüder und Schwestern im Herrn ansehen und zueinander stehen.“

Hm. Er hatte das Gefühl, ein bisschen den Faden zu verlieren. Hätte er doch nur seine Notizen dabei… aber er konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, worauf er hinausgewollt hatte, und nun hatte er diesen Weg eingeschlagen und musste irgendwie weitermachen. Naja, Elternliebe, Geschwister im Herrn, das würde schon irgendwie die nötigen Punkte abhaken.

Doch wie sollte es jetzt weitergehen? Ein paar Minuten länger musste er schon noch predigen. Vielleicht ein aktueller Aufhänger? Was stand den gerade in den Zeitungen? Ihm fiel nur ein Thema ein…

 

(27.12.2015, 601 Wörter. Fertig bekommen habe ich die Geschichte diese Woche leider nicht mehr – ich bin, wie ihr seht, sowieso spät dran. Den zweiten Teil gibt’s dann im neuen Jahr – ich wünsche euch allen einen guten Start und ein erfolgreiches 2016!

EDIT: Hier ist Teil 2.)

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4 Kommentare

  1. Hmm, bei uns im Weihnachtsgottesdienst hatte die Predigt irgendwie weniger Inhalt und roten Faden, vielleicht hätte der Pfarrer bei uns auch improvisieren sollen… Sollte ihm vielleicht jemand mal als Tipp fürs nächste Jahr geben:-)

    1. :-P

      Dann bin ich gespannt, was du zu Teil 2 sagen wirst…

  2. Irgendwo steht „in etwas“ statt „in etwa“, kannst du dann nächste WOche ändern.
    Und: Ich bin auch gespannt. Sehr. Mein Wunsch: Werd „fies“…
    B.

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