Die Weihnachtspredigt (Teil 2)

(Teil 1)

Ein aktueller Aufhänger für seine Predigt über Geschwisterlichkeit…? Johannes war sicher, dass er sich dazu schon einmal etwas überlegt hatte, aber er konnte sich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern. Also nahm er die erste Idee, die ihm kam.

„Als Brüder und Schwestern im Herrn zusammenstehen“, wiederholte er. „Und gerade in der Weihnachtszeit gibt es ja viele Gelegenheiten, geschwisterliche Liebe zu unseren Mitmenschen zu zeigen. Die ganzen Flüchtlinge, zum Beispiel, freuen sich gerade jetzt in der kalten Jahreszeit über Zuwendung, nicht nur finanzielle, sondern auch menschliche. Auch sie sind unsere Geschwister im Herrn, liebe Gemeinde.“ Hm, das war jetzt nicht so versöhnlich wie sonst immer, fiel ihm auf. Zu Weihnachten wagte er es doch normalerweise nicht, konkrete Handlungsaufforderungen auszusprechen – was, wenn das die Einmal-im-Jahr-Kirchgänger abschreckte? Er sah sich in der Gemeinde um, doch niemand wirkte besonders verschreckt. Im Gegenteil, er sah rundum festtagsbratensatte, glänzende Gesichter, auf denen ein seliges Lächeln lag.

Irgendetwas an dem Anblick stieß ihm sauer auf. Satt und glänzend? Was an der Geburt des Herrn war denn satt und glänzend gewesen? Und selig, herrje, besonders selig war es wohl nicht gewesen, ein Kind im kuhfladenfeuchten Stroh eines Stalls zur Welt zu bringen. Daran waren nur diese albernen Weihnachtslieder schuld, „Oh, du selige“, „holder Knabe“, Klein-Jesus hatte seine Windeln vermutlich genauso vollgeschissen wie jedes Baby, und Maria und Josef waren vor allem gestresst und übermüdet gewesen.

Auf einmal kotzte ihn diese ganze satte Gemeinde an. Und, ja, er war ja auch satt und ausgeschlafen, hatte eher zu viel als zu wenig Schlaf gehabt, und die späte Christmette am Heiligabend war keine ausreichende Entschuldigung. Er war wütend, auch auf sich selbst. Und auf einmal hatte er keine Lust mehr, das für sich zu behalten.

„Ja, auch sie sind unsere Brüder und Schwestern, und sie stehen dem Herrn näher als so manche von uns. Schaut uns doch an, wie wir hier sitzen, warm angezogen, satt und wohlgenährt, wie wir uns damit beschäftigen, mit welcher neuen Modediät wir die Festtagspfunde wieder loswerden, während anderswo die Menschen heute nicht wissen, was sie morgen essen werden. Und wenn wir nach dieser Messe zurückgehen in unsere gut geheizten Stuben, wissen sie nicht, wo sie heute Nacht schlafen werden. Da sind Menschen in unserem reichen Land, die auf der Straße schlafen! Die nicht einmal einen Stall hatten – und glauben wir denn, dass der Stall von Bethlehem eine Zentralheizung hatte?

Nein, liebe Gemeinde, als der Herr zu uns kam und Mensch wurde, da hat er sich nicht eine gut beheizte Stube ausgesucht, sondern einen zugigen Stall, und die ersten, die ihn besuchten, waren die Ausgestoßenen ihrer Gesellschaft. Das vergessen wir gern in unserem Wohlstand, unserer Zufriedenheit. Wir gehen, einmal in der Woche oder einmal im Jahr, in die hübsch geschmückte Kirche, tun unser Geldstück in den Klingelbeutel und hören uns eine erbauliche Predigt an, und dann gehen wir heim und vergessen, dass Christus nicht zu uns kam, um uns zu erbauen, sondern um uns aufzuwecken. Wir schlafen gut mit unserem guten Gewissen, nicht wahr? Und die, die auf der Straße schlafen, die sehen wir nicht einmal; und wenn wir sie sehen, dann ärgern wir uns. Warum liegen die im Weg. Warum stinken die so. Warum arbeiten die nicht. Und die Flüchtlinge, ach Gott, sind das nicht alles Muslime? Die sind nicht wie wir. Die wollen wir hier nicht. Die schauen wir ja sowieso schief an.

So wie damals in Israel die Hirten schief angeschaut wurden. Und doch kam der Engel des Herrn zuerst zu ihnen, und nicht zu den braven Bürgern von Bethlehem in ihren geheizten Stuben. Und Christus ging zu den Zöllnern und den Prostituierten, denen, die nicht wie alle waren, denen, die alle nicht wollten, denen, die alle schief angeschaut haben.

Und wenn er sagt: Folgt mir nach, dann ist es das, was er meint. Christus wollte nicht, dass wir in eine hübsch geschmückte Kirche gehen, ob einmal im Jahr oder einmal in der Woche, unser Geldstück in den Klingelbeutel tun und dann heimgehen und gut essen und in unseren warmen Häusern gut schlafen. Er will, dass wir zu den Ausgestoßenen gehen. Denen, die im Weg liegen und stinken und anders sind. Und wenn es damals schon Muslime gegeben hätte, wäre er zu denen auch gegangen.

Und deshalb, liebe Gemeinde, möchte ich Ihnen heute nicht vom holden Knaben im lockigen Haar erzählen, sondern von dem Elend vor unserer Haustür. Aber warum sollte ich davon erzählen? Wir können es selber sehen, wenn wir einmal richtig hinsehen, statt uns mit kleinlichen Kinkerlitzchen aufzuhalten. In dem Park vor unserer Kirche schlafen Obdachlose. In der Turnhalle unserer Schule sind Flüchtlinge untergebracht. Machen wir die Augen auf und sehen wir unsere Brüder und Schwestern! Helfen wir ihnen! Folgen wir Christus. Der nicht zu uns kam, um uns zu beruhigen, sondern um uns aufzurütteln.“

Johannes merkte, dass er rot geworden war. Er hatte sich ganz schön in Rage geredet. Das konnte er so schnell nicht mehr wieder hinbiegen… Andererseits, er hatte nichts gesagt, das er bereuen müsste. Oder? Nun ja. Wenn ihn jemand darauf ansprach, musste er sich eben etwas einfallen lassen. Und vielleicht war es zur Abwechslung mal ganz schön, an Weihnachten etwas aufgescheucht zu werden. Half sicher der Verdauung.

Und jetzt war es ohnehin zu spät. Ohne noch einen Blick in die Gemeinde zu werfen, schloss er mit einem: „Amen“ und ging zurück auf seinen Sitz. Mit zitternden Händen und klopfendem Herzen setzte er sich hin. Was für eine Predigt. War da der Teufel in ihn gefahren oder der Heilige Geist? Oder war es nur sein eigenes schlechtes Gewissen gewesen?

Nachdem er sich wieder etwas beruhigt hatte, stand er wieder auf. Der Gottesdienst musste schließlich weitergehen. Den Rest der Feier brachte er ohne weitere Schwierigkeiten über die Bühne. Endlich kam der Schlusssegen, dann zog er unter Gesang und Orgelklängen aus.

Normalerweise blieb er zu hohen Feiertagen an der Tür stehen und gab den Leuten die Hand, aber heute graute ihm ein wenig vor dieser Aussicht. Was, wenn ihn jemand auf seine Predigt ansprach? Doch da musste er durch. Vielleicht war das seine Buße für die schlechte Vorbereitung.

Da kam auch schon Frau Müller. Ausgerechnet die! Die hatte an allem was zu kritisieren, und „Sozialschmarotzer“ und „Muselmänner“ hasste sie besonders. Na, das würde ein Spaß… Obwohl, geschah ihr vielleicht recht, dass jemand sie mal mit der Nase darauf stieß, was Christus von ihrer Meinung halten würde. Er schluckte und bereitete sich auf die Attacke vor.

Doch Frau Müller lächelte selig, als sie ihm die Hand reichte.

„Frohe Weihnachten, Herr Pfarrer! Schön haben Sie gepredigt, jaja, die Familie, die ist wichtig, nicht wahr?“

„Frohe… Weihnachten“, stotterte Johannes. Familie? Hatte er sie nicht richtig gehört? Oder… sie ihn?

Auch sonst hörte er nur freundliche Worte, ein herzliches „Frohe Weihnachten“ hier und „schöne Feiertage“ da. Nur ein oder zwei Gemeindemitglieder sahen etwas blass und betreten aus, aber das konnte auch an den dicken Weihrauchschwaden liegen.

Johannes sah seinen Schäfchen sprachlos hinterher. Dann ging er langsam zurück in die Sakristei, zog sich wieder um, ging in seine Pfarrwohnung und sammelte sorgfältig all die vielen Plätzchen, Lebkuchen und anderen Weihnachtssüßigkeiten, die man als Pfarrer so geschenkt bekam, in Stoffbeutel und ging in die Schulturnhalle. Wenn dort keiner ein Wort mitbekam von dem, was er sagte, verstand er wenigstens, warum.

 

(01.-03.01.2016, 1212 Wörter.

Frohes neues Jahr)

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6 Kommentare

  1. Die Scheinheiligen. Ja.

  2. Toll erzählt. Da hab ich gleich ein paar Pfarrer vor Augen, denen das bestimmt so oder so ähnlich passiert.

    Wie hat Albert Schweitzer so schön gesagt (sinngemäß). Man wird eben genausowenig Christ, indem man in die Kirche geht, wie man ein Auto wird , indem man in die Garage geht.

    1. Danke :-)

      Ja, das ist ein sehr treffendes Zitat :-)

  3. Brigitte · · Antwort

    Genau so hatte ich mir das gewünscht!!!!!!!!!!!!!!!!!!! Danke.
    Brigitte

    1. Sehr schön, das freut mich :-) Danke fürs Lesen und Kommentieren!

  4. Sehr menschlich. ;)

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