Mutters Tiefkühltruhe

Als das Telefon am Samstagmorgen um acht Uhr klingelte, wusste ich sofort, dass es meine Mutter war. Wer sonst würde an einem Samstagmorgen um acht Uhr anrufen? Ich spielte kurz mit dem Gedanken, es zu ignorieren, aber jetzt war ich sowieso wach, und wie ich sie kannte, würde sie es alle paar Minuten wieder versuchen. Mutter verstand einfach nicht, dass nicht jeder denselben Tagesrhythmus hatte wie sie. Oder vielleicht verstand sie es und hatte beschlossen, sich davon nicht beirren zu lassen. Auch das traute ich ihr zu.

Ich quälte mich also aus dem Bett und tappte barfuß in den Flur zum Telefon.

„Hallo, Mutter“, nuschelte ich verschlafen in den Hörer.

„Karl-Otto, mein Schatz! Warum brauchst du immer so lange? Hast du nicht gehört, wie ich angerufen habe? Du solltest dein Telefon lauter stellen.“

„Ich habe noch geschlafen, Mutter. Es ist-“

„Naja, macht ja nichts, jetzt bist du ja rangegangen. Wie geht es dir, mein Schatz? Ich höre ja nie was von dir“, ihr Ton war unüberhörbar vorwurfsvoll.

Ich seufzte. Wir hatten vorgestern das letzte Mal telefoniert, und am Mittwoch hatten wir uns zum Kaffee getroffen.

„Es geht mir gut“, sagte ich. „Warum rufst du an, Mutter?“

„Warum kann eine Mutter nicht einfach ihren einzigen Sohn anrufen, ohne Hintergedanken zu haben?“, fragte sie beleidigt. Noch bevor ich antworten konnte, fuhr sie fort: „Ich brauche deine Hilfe. Kannst du vorbeikommen?“

„Heute?“

„Natürlich heute. Sonst würde ich doch nicht anrufen. Es ist Samstag, also solltest du Zeit haben.“

Ich hatte keine Lust, ihr zu erklären, woran ihre Logik scheiterte, und dummerweise hatte ich heute tatsächlich Zeit, also seufzte ich nur. „Worum geht es denn?“

„Ich will die Tiefkühltruhe abtauen“, erklärte sie, „du weißt schon, die große im Keller. Die ist schon seit Jahren zugefroren, und jetzt will ich sie endlich wieder benutzen können. Aber dafür muss ich wohl alles auftauen und wegschmeißen.“

„Was ist da überhaupt noch drin? Ich wusste gar nicht, dass du die noch hast.“

„Oh, alles mögliche“, antwortete sie leichthin. „Also, wann kannst du hier sein?“

Ich stöhnte. „Lass mich wenigstens frühstücken.“

„Aber natürlich, mein Schatz! Also um neun? Bring ein paar Müllsäcke mit. Die großen, festen. Danke!“ Und damit legte sie auf.

Ich legte den Hörer zurück und massierte meine Schläfen. Es führte kein Weg daran vorbei. Wenn Mutter etwas will, dann bekommt sie das. Also kochte ich mir einen Kaffee, um ganz wach zu werden, machte mich fertig und frühstückte im Gehen.

Pünktlich um neun Uhr klingelte ich an Mutters Häuschen. Ihr Weihnachtsbaum lag noch am Straßenrand, vor der struppigen Hecke, die ihren Garten vor neugierigen Blicken schützt. Mutter ist sicher, dass alle ihre Nachbarn ihr hinterherspionieren würden, wenn sie könnten, deshalb lässt sie ihre Hecken mannshoch wachsen. Wenn sie geschnitten werden müssen, kommt sie nicht mehr an den oberen Rand. Aber dafür hat sie ja mich.

Mutter riss die Tür auf, bevor ich den Finger von der Klingel nahm. „Komm rein, komm rein“, rief sie, „wie schön, dass du deine alte Mutter mal wieder besuchst.“

„Hallo, Mutter“, begrüßte ich sie. Sie zog mich ins Haus, warf einen Blick auf die Straße und warf dann die Tür zu.

„Hast du die Müllsäcke dabei?“

„Ja, Mutter.“ Ich zog die leuchtend blaue Rolle hervor. „Sind das die richtigen?“

Sie begutachtete sie kritisch, aber ich hatte die größten und stabilsten Müllsäcke gekauft, die ich im Supermarkt gefunden hatte. Schließlich gab sie sich zufrieden.

„Dann komm mal mit“, befahl sie und ging voran in den Keller. Er war so vollgestellt wie alles in ihrem Haus. Ich fragte mich nicht zum ersten Mal, wie sie das aushielt, aber es schien ihr zu gefallen. Wir mussten an einem Stapel alter Zeitungen vorbei, unter Umzugskartons, die zu einer Art Torbogen aufgestapelt waren (wer hatte das gemacht? Mutter hatte sicher nicht die Kraft dazu, einen vollen Karton auf diese Höhe zu hieven), hindurch und an dem Regal mit jahrzehntealten Einmachgläsern vorbei, bis wir die Tiefkühtruhe erreichten. Um sie herum stand alles voller Dosen.

Als Mutter meinen Blick bemerkte, erklärte sie: „Die habe ich schon runtergeräumt, damit wir an die Truhe rankommen. Sie ist jetzt seit gestern aus; meinst du, du kannst sie schon öffnen?“

Ich zuckte mit den Schultern und fasste nach dem Griff. Der Deckel klemmte, aber nach ein paarmal rütteln löste sich die Gummilippe am Rand mit einem nassen Schmatzen, und die Truhe ließ sich öffnen.

Es stank.

„Oje, vielleicht hätte ich die Truhe nicht so lange tauen lassen sollen…“ Mutter klang doch tatsächlich ein bisschen amüsiert. „Na, dann sollten wir uns wohl beeilen, alles wegzuschaffen.“

Widerwillig löste ich die Hand, die ich auf Mund und Nase gepresst hatte, von meinem Gesicht und zog die erste Mülltüte von der Rolle. Ich riss sie ab und reichte sie ihr. Sie schüttelte den Sack aus und hielt ihn mir mit der Öffnung voraus hin.

Ich schaute auf die rotbraune Masse in der Tiefkühltruhe. Offensichtlich hatte sie hier kiloweise Fleisch eingelagert, und nach Jahren der Lagerung und einem Tag im Warmen hatte es einiges an Konsistenz eingebüßt. Einige Teile waren in durchsichtige Plastiktüten verpackt, doch auch von denen troff der Saft. Ich schluckte.

„Hast du vielleicht Handschuhe?“, fragte ich vorsichtig.

Sie warf mir einen verächtlichen Blick zu. „Nun sei doch nicht so ein Weichei.“

„Gut“, schlug ich vor, „dann halte ich den Sack, und du holst das Zeug aus der Truhe, wenn dir das so wenig ausmacht. Zu schwer kann es ja nicht sein, du hast es schließlich auch hineingekriegt.“

Sie schnaufte empört. Dann drängte sie sich an mir vorbei in einen anderen Kellerraum und kehrte mit einem Paar Gummihandschuhe zurück, die sie mir in die Hand drückte.

Ich zog sie über und begann mit der Arbeit. Die ersten paar Teile waren ziemlich klein und leicht, sodass es schnell von der Hand ging. Was für ein Tier das mal gewesen war – oder vielleicht mehrere, die Truhe war bis zum Rand gefüllt – konnte ich anfangs nicht erkennen. Das Fleisch musste frisch eingefroren worden sein, und es war nicht besonders sachgerecht geschlachtet worden, denn es schwamm in halb geronnenem Blut.

Je weiter ich nach unten kam, desto größer waren die Teile. Es schien, als hätte Mutter über Jahre hinweg immer wieder etwas eingefroren.

Dann zog ich das Bein heraus.

Es war nur ein Unterschenkel samt Fuß, aber was ich in der Hand hielt, war ganz eindeutig ein menschliches Bein. Leicht behaart. Nicht sehr muskulös. Ich registrierte das alles unbewusst, während ich abwechselnd das Bein und meine Mutter anstarrte.

„Was ist?“, fragte sie ungeduldig, „mach weiter! Ich will hier nicht den ganzen Tag stehen.“

„Das ist ein Bein“, stellte ich fest.

„Ja. Na und?“

„Ein menschliches Bein.“ Meine Stimme war ausdruckslos, hauptsächlich, weil ich keine Ahnung hatte, was ich bei diesem Anblick empfinden sollte.

„Das war Rüdiger. Furchtbarer Langweiler. Ich weiß gar nicht mehr, warum ich was mit ihm angefangen habe… aber küssen konnte er! Trotzdem, irgendwann ist es nun mal aus, und das wollte er nicht verstehen.“ Sie schaute ein bisschen versonnen, wie in Erinnerungen versunken.

„Rüdiger? War das nicht…“ Ich erinnerte mich vage an einen Freund des Hauses, der vor vielleicht zehn Jahren ab und zu da gewesen war, wenn ich sonntags zum Kaffee kam.

„Nun mach schon“, sie schüttelte den Sack in meine Richtung, und ich ließ das Bein hineinfallen. Mechanisch wandte ich mich wieder der Tiefkühltruhe zu und holte Rüdigers zweites Bein heraus, und dann seinen Arm, und dann eine Plastiktüte mit etwas Rundem darin, die ich schnell in den Sack stopfte, ohne sie weiter zu untersuchen.

„Wie kommt denn Rüdiger in deine Tiefkühltruhe?“, fragte ich schließlich.

„Na, wie schon“, Mutter klang gereizt, „ich habe ihn hineingelegt. Genau wie die anderen. Damals konnte ich noch mehr heben… Inzwischen dauert es so lang, sie klein genug zum Tragen zu machen, dass ich es allmählich aufgebe.“ Sie seufzte. „Ich bin eben nicht mehr die Jüngste…“

„Die anderen?“, wiederholte ich, und im selben Augenblick stießen meine Hände auf ein weiteres Bein. Es musste älter sein, denn dieses Mal war auch der Oberschenkel noch mit dran.

„Naja, du weißt, wie das ist, mein Junge. Auch als Frau hat man eben so seine Bedürfnisse. Und manche Männer verstehen einfach nicht, wann Schluss ist.“ Sie warf mir einen scharfen Blick zu. „Ich hoffe, dich habe ich besser erzogen.“

„Ja, Mutter“; antwortete ich automatisch. Dann stellte ich fest: „Der Sack ist voll.“

Sie streckte die Öffnung, die sie mit zunehmender Mühe gehalten hatte, in meine Richtung, und ich nahm ihr den Sack ab, zog das Band zu und verknotete es. Währenddessen riss sie den nächsten Sack von der Rolle. Dann ging es weiter, Sack für Sack, Schicht für Schicht, Liebhaber für Liebhaber. Ich fragte mich kurz, ob mein Vater auch darunter war. Immerhin war er irgendwann in meiner Kindheit einfach verschwunden.

Ich traute mich nicht, sie danach zu fragen, und ich wollte auch keine weiteren Namen wissen.

Endlich war die Truhe leer. Sie war immer noch siffig und stank, aber das Putzen würde ich nun wirklich nicht übernehmen. Außerdem machte ich das sowieso nicht gründlich genug für Mutter.

Ich richtete mich auf, warf die Handschuhe in den letzten Sack und drückte den Rücken durch. Es knackte. Ich war eben auch nicht mehr der Jüngste.

„Was willst du mit dem ganzen Zeug machen?“, fragte ich und nickte in Richtung des Haufens blauer Säcke.

Sie zuckte mit den Schultern. „Ich dachte, du könntest es vielleicht vergraben. Die Beete müssen sowieso umgegraben werden. Da kannst du das gleich mit erledigen.“

Ich nickte mechanisch. Warum nicht. Die Beete mussten sowieso umgegraben werden.

 

(10.01.2016, 1609 Wörter)

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3 Kommentare

  1. Gnihihi.
    Auch ne Strategie!
    Schön makaber, ganz nach meinem Geschmack. Daumen hoch!

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