Legas letzter Run

Naru stieß die Tür mit dem Fuß auf. Rauch quoll ihr entgegen, zusammen mit der Musik, die so alt und dreckig klang wie die Bar aussah. Ein Lächeln zuckte in ihrem Mundwinkel. Dann war sie wieder ganz Profi.

„Lega Run?“, fragte sie, und ihr Blick und die Waffen in ihren Händen machten klar, dass sie keine Lust hatte, lang auf eine Antwort zu warten. Dennoch, keiner der Anwesenden wollte der Verräter sein, hatten sie doch alle etwas zu verlieren, wenn (nicht falls) man eines Tages nach ihnen suchen sollte.

Das Schweigen breitete sich wie eine Welle im Raum aus. Naru sah sich um. Ihr Blick blieb an jedem Einzelnen kurz hängen, suchte nach einem verräterischen Zucken im Gesicht, einem Zittern von Fühlern, einem Rüsselrunzeln. Sie kannte jede der hier versammelten neunundzwanzig Spezies gut genug, um Zeichen der Nervosität zu erkennen.

Es war Lega selbst, der sich verriet. Als ihr Blick ihn streifte, zuckte seine linke untere Hand zu dem Blaster an seiner Hüfte. Bevor er ihn ziehen konnte, traf ihn der Schuss aus Narus Waffe. Sein gepanzerter Handschuh fing das meiste ab, aber er zuckte trotzdem zusammen und stieß einen hohen Schmerzensschrei aus. Mit einem Sprung war sie bei ihm und packte ihn am Kragen, ohne den Blaster loszulassen, der nun gegen sein pelziges Kinn drückte.

„Bist du Lega Run?“

„Was willst du… nein, nein, ich kenne keinen Lega Run!“, winselte er und versuchte mit den oberen Händen, ihren Griff zu lösen, während die unverletzte untere Rechte nach einer Waffe tastete. Naru rief mit einer Augenbewegung den Steckbrief auf ihrer ER-Brille ab. Viel wusste sie nicht über ihr Ziel, aber alle Informationen passten auf diesen Liraner.

„Lega Run, im Namen der Sirian Headhunter Interplanetary Incorporated nehme ich dich hiermit in Gewahr-“

Bevor sie den Satz beenden konnte, traf sie ein harter Schlag in die Carbonan-Panzerung ihres Bauches. Sie blickte nach unten, an ihrer Hand, die noch immer Lega Runs Kragen hielt, vorbei, und sah seine untere rechte Hand und die unterarmlange Elektroklinge, die er in ihre Weichteile zu stoßen versucht hatte. Ein Grinsen flackerte um ihre Lippen, und sie ließ ihn los und trat einen Schritt zurück, um ihr eigenes Schwert, das sie bereits in der Rechten hielt, zu heben.

„Ganz wie du willst, Lega“, sagte sie freundlich und zielte auf die Hand, die die Elektroklinge hielt.

Lega riss die Hand zurück und holte zu einem neuen Schlag aus. Seine obere rechte Hand massierte die verletzte Linke, doch die obere linke griff bereits wieder nach seinem Blaster. Ohne seine Klinge aus den Augen zu lassen, schoss Naru erneut und traf seine Waffe. Funken sprühten. Die Umstehenden schrien erschrocken auf. Legas Hand zuckte zurück, aber sie schien nicht verletzt zu sein. Der Blaster dagegen rauchte.

Die Gäste, die neben Lega gesessen hatten, waren inzwischen aufgesprungen und versuchten, dem Kampf zu entkommen. Naru beachtete sie nicht weiter, sondern zielte mit ihrem Schwert auf Legas Kopf. Der Liraner parierte hastig, ließ seine verletzte Hand los und griff mit den beiden oberen Händen hinter seinen Rücken. Naru konnte nicht sehen, was er damit vorhatte, aber sie wusste, dass es nichts gutes war. Wenn der Kampf zu lange dauerte, würde er die Überlegenheit seiner vier Arme einsetzen können. Sie musste ihn schnell außer Gefecht setzen.

Sie täuschte eine Schwerthieb auf seine rechte Seite an und schoss gleichzeitig auf seinen linken oberen Arm. Das heiße Plasma brannte sich durch Legas Ärmel und verschmorte die oberste Schicht seiner Panzerung, konnte ihm aber nichts anhaben.

Jetzt riss er eine schwere zweihändige Waffe hervor, eine Art Streitaxt, und hieb damit nach Naru. Sie sprang zur Seite, unterstützt von den integrierten Federn in ihren Stiefeln, und an ihrer Statt zerschmetterte die schwere Waffe einen Barhocker zu Kleinholz.

Mit demselben Satz, mit dem Naru ausgewichen war, landete sie auf der Theke, sprang über Legas Kopf, schlug einen Salto und schoss im Sprung auf seinen Rücken. Auch hier war er gepanzert, aber das Plasma durchtrennte den Gurt, der seine Axt gehalten hatte, sodass das schwere Leder zu Boden rutschte. Naru landete auf einem niedrigen Tisch. Ohne auf das Klirren der Gläser, die ihre Füße auf den Boden gestoßen hatten, oder die wütenden Schreie der Trinker zu achten, drehte sie sich um und griff Lega erneut an.

Der Liraner drehte sich langsamer um, langsam genug, dass sie mit einem Schwerthieb seine rechte untere Hand erwischte, die immer noch die kurze Elektroklinge hielt. Blut spritzte, und Lega heulte auf. Seine verletzte Hand schlug die Klinge heftig in ihre Richtung, und schon sauste die Axt erneut auf sie herab. In letzter Sekunde sprang sie nach hinten, doch Lega setzte nach und trieb sie mit kraftvollen Hieben vor sich her.

Naru sprang auf einen weiteren Tisch, der krachte, als Lega ihr nachsetzte. Dann spürte sie die Wand hinter sich. Wieder holte Lega mit der Axt aus.

Naru ließ sich nach unten fallen und stieß sich mit einer Hand von der Wand ab, sodass sie auf Lega zuglitt. Gläser klirrten. Die Axt fuhr in die Wand und blieb einige Zentimeter tief stecken. Lega brüllte wütend und zerrte mit beiden oberen Händen an ihrem Griff, doch bevor er sie lösen konnte, rutschte Naru zwischen seinen gespreizten Beinen hindurch, vom Tisch herunter und hinter ihn. Sie drehte sich um, packte mit der Blasterhand seinen Gürtel und schwang sich daran in die Höhe, über seinen gekrümmten Rücken und auf seine Schultern. Von hier aus hatte sie freies Schussfeld auf die Hände, die er um den Griff der Axt geschlungen hatte, doch er konnte sie auch mit der Elektroklinge erreichen, die er noch immer in der blutenden Hand hielt.

Naru parierte die Elektroklinge mit ihrem Schwert und schoss auf den Axtgriff. In diesem Augenblick griff Lega mit der unteren Linken, die wohl doch noch nicht außer Gefecht war, nach ihrem Bein und riss sie herunter. Er schwang sie wie eine Puppe zur Seite, und ihr carbonangepanzerter Körper riss etliche Barbesucher zu Boden. Schließlich prallte ihr Kopf gegen die Wand, und Lega ließ sie los.

Naru war benommen, aber sie hatte keine Zeit, sich zu erholen. Sie wusste nicht, ob sie seine oberen Hände getroffen hatte, aber er war in jedem Fall noch gefährlich. Sie rappelte sich so schnell wie möglich auf und orientierte sich.

Die Axt steckte noch immer in der Wand. Lega hielt seine oberen Hände an die Brust gepresst, und jetzt roch sie auch verschmortes Fleisch – offenbar hatte sie ihn getroffen. Doch noch hatte er zwei funktionsfähige Hände. Und er kam auf sie zu, die Elektroklinge zum Schlag bereit.

Naru riss ihr Schwert hoch. Der Schlag fuhr ihr durch den ganzen Arm, aber immerhin hatte sie die Elektroklinge von ihrem ungeschützten Kopfe weggehalten. Sie schoss erneut auf ihn, traf aber nur seinen gut gepanzerten Bauch.

Lega brüllte unartikuliert und griff wieder an, doch jetzt war Naru besser vorbereitet. Sie parierte, duckte sich unter seinem Arm durch und rammte ihre Schulter gegen seine verletzten Hände. Er taumelte nach hinten. Sie setzte nach, fuhr mit dem Schwert an seiner Klinge nach unten und hieb tief in seine Finger.

Lega ließ die Klinge fallen und schrie auf. Seine untere Linke griff nach Naru, doch sie stieß den Arm mit ihrer Schwerthand zurück und presste den Blaster unter sein Kinn.

„Lega Run“, wiederholte sie, „im Namen der Sirian Headhunter Interplanetary Incorporated nehme ich dich hiermit in Gewahrsam. Du kannst friedlich mitkommen und deinen Kopf in einem Stück behalten oder weiter Widerstand leisten und mich eine Stange Geld, dich dafür dein Leben kosten.“ Sie grinste hart. „Deine Entscheidung.“

Lega verdrehte die Augen, wie um den Blaster unter seinem Kinn sehen zu können. Er atmete schwer. Schließlich ließ er die Arme sinken.

„Ich komme mit“, brummte er. „Aber ich verklage euch. Verdammte Bastarde.“

„Klar doch, Lega“, sie lächelte freundlich. „Verklag uns. Gleich nachdem sie dir den Prozess gemacht haben. Ich wette, die Strafkolonie wimmelt nur so von ausgezeichneten Anwälten.“

Sie stieß ihn vor sich her in Richtung Tür, zu ihrem Schiff und der Transportzelle, die seine neue Heimat würde, bis sie ihn auslieferte. Im Hinausgehen warf sie dem Barmann eine Visitenkarte hin.

„Tut mir leid wegen der Einrichtung“, rief sie über die Schulter. „Schreiben Sie ne Rechnung. Das kommt auf Legas Schadenssumme. Schönen Abend noch!“ Dann schlug die Tür hinter ihr zu und schnitt die Musik, die ihren Kampf untermalt hatte, ab.

 

(16./17. 01.2016, 1387 Wörter. Auf Wunsch vom Amelprojekt ein bisschen Action, um den kalten Januar aufzuheizen.)

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ein Kommentar

  1. Yay! Ein richtiger Schwertkampf, mit Blastern und allem, was will man mehr?

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