Die Tür nach Narnia

Wer hat als Kind nicht davon geträumt, einen Geheimgang zu entdecken? Einen Kleiderschrank, dessen Rückseite nach Narnia führt, ein Bücherregal, hinter dem sich der Zugang zu Batmans Höhle befindet, eine Tapetentür, die ein Spukzimmer versteckt… Zu schade, dass ich in einem modernen Mehrfamilienhaus aufwuchs, wo die Chance auf eine solche Entdeckung gering standen.

Dann aber, als ich diesen Träumen schon längst entwachsen war und zum Studieren nach Berlin zog, änderte sich das.

Das Haus, in dem meine neue Wohnung lag, war ziemlich alt. Nicht gerade eine mittelalterliche Burg, in der man das erwarten würde, aber doch aus der Kaiserzeit; außerdem war es mehrfach umgebaut worden, und keine Wohnung war wie die andere geschnitten. Da konnten schon mal ein paar Quadratmeter verschwinden, wie ich feststellte…

Aber schön der Reihe nach. Wir, meine neuen Mitbewohner und ich, übernahmen die Wohnung unrenoviert, was uns in dem Moment günstig erschien: Ein Umzug ist teuer, und so konnten wir am Anfang etwas Miete sparen. Andererseits hatten wir im Monat unseres Umzugs genug Zeit, um alles in Ruhe zu machen, bevor das Semester anfing. Wir räumten also erst einmal alle Umzugskartons in ein Zimmer, bliesen unsere Luftmatratzen auf und begannen, die anderen Zimmer zu renovieren.

Sie waren in sehr unterschiedlichem Zustand. Manche Wände brauchten nur einen neuen Anstrich, andere mussten komplett neu tapeziert werden, und in der Küche galt es außerdem, die Elektrik neu zu verlegen, denn es gab im ganzen Raum sage und schreibe zwei Steckdosen, und die Kabel kamen uns, zogen wir an der losen Tapete, mit bröckelnder Isolierung entgegen. Zum Glück kannte Stella sich damit aus; ihr Vater ist Elektriker, das kam uns hier sehr zugute. Das Badezimmer dagegen war in nahezu perfektem Zustand, was uns sehr erleichterte – keiner von uns hatte Lust, Fliesen zu verlegen.

Wir brauchten fast eine Woche für die Küche, eine Zeit, in der wir uns hauptsächlich von Käsebrot und Lieferservice ernährten. Dann ging es an Maiks Zimmer. Auch hier musste die Tapete weg, das war schnell klar, aber sie war so schlampig geklebt, dass wir einen großen Teil einfach dadurch entfernen konnten, dass wir eine lose Ecke packten und zogen. Die Tapete kam in breiten Streifen von der Wand.

Arbeit, die leicht von der Hand geht, macht auch Spaß. Wir standen im Schlafzimmer, inmitten von Bahnen alter Tapete, und rissen um die Wette, eine Flasche Limo oder Bier in der Hand, immer einen Scherz auf den Lippen. Nach der Küche war dies hier fast erholsam.

Entsprechend guter Laune waren wir, und so war unsere erste Reaktion, als ein Stück Wand auf Maik fiel, zu lachen. Dann erst liefen wir zu ihm und schauten, ob er verletzt war.

Maik lachte ebenfalls; es schien ihm gut zu gehen. Er hob das Wandstück an und drehte es um. Auf der Rückseite der Tapete war eine Holztür. Wir schauten zur Wand. Maik hatte ein türgroßes Loch freigelegt, das in einen schmalen Raum oder Gang führte, der auf keinem Grundriss verzeichnet war.

Stella pfiff leise. „Ein Geheimgang. Wow.“ Sie stellte einen Fuß auf die hölzerne Schwelle, an der noch Tapetenreste klebten, und schaute hinein. „Ich glaube, es ist nur ein Raum“, meinte sie leicht enttäuscht.

„Ein Geheimzimmer ist schon auch ziemlich cool“, warf ich ein und drängte mich neben sie. Das Zimmer schien genauso breit zu sein wie Maiks Schlafzimmer, aber nur einen guten halben Meter breit. Der Boden bestand aus unlackierten Dielen. Die Rückwand, die der Tür gegenüberlag und an mein Zimmer grenzen musste, war aus unverputzten Ziegeln. Die beiden Schmalwände waren im Dunkeln nicht zu erkennen.

Ich ging in das Zimmer und drehte mich um, um die Wand zu Maiks Zimmer anzuschauen. Sie konnte nicht sehr dick sein, der Türrahmen war höchstens zehn Zentimeter breit und stand nach innen ein Stück von der Wand ab. Gemauert konnte diese Wand kaum sein, aber ich konnte nichts genaues erkennen, denn sie war tapeziert. Ich trat näher heran. Das war aber keine normale Tapete. Es sah aus wie… Ich zückte mein Handy und ließ das Display auf die Wand leuchten. Tatsächlich, das Geheimzimmer war mit Zeitung tapeziert. Ich suchte nach einem Datum.

Jetzt stieß ich einen erstaunten Pfiff aus. „Leute, schaut euch das an! Wir sitzen auf einem geschichtlichen Archiv.“

Die beiden drängten sich neben mich in das schmale Zimmer, und ich deutete auf die Kopfzeile einer der Seiten. „1912. Jetzt wissen wir, wie alt das Zimmer ist.“

„Wie alt es höchstens ist“, korrigierte Maik. „Man tapeziert doch nicht mit der druckfrischen Zeitung. Aber das ist schon ganz schön beeindruckend“, setzte er hinzu und ließ sein eigenes Handy über die Seiten wandern.

Ich schaute mich inzwischen im Licht meines Handydisplays weiter um. Die Seite des Zimmers, die in Richtung Flur ging, war leer bis auf den Staub auf dem Boden. Die Zeitungen gingen bis zur Ecke und hörten dann auf; die Schmalseite war blanker Putz.

„Schaut mal hier!“, rief Stella plötzlich. Sie hatte die andere Seite, die in Richtung Außenwand, erforscht, und jetzt kniete sie auf dem Boden und fummelte an etwas herum. Wir gesellten uns zu ihr. Das erste, das wir sahen, war ein Regal, simple Bretter, die auf in die Wände geschraubten Holzblöcken ruhten und über die ganze Schmalseite gingen.

Stella hatte vor sich eine Kiste. „Ich krieg sie nicht auf“, sagte sie unglücklich. „Was da wohl drin ist?“

„Lass sie uns mit rausnehmen“, schlug ich vor, „im Hellen kriegen wir sie vielleicht besser auf.“

Die Kiste war erstaunlich schwer, und Stella und ich mussten zu zweit anpacken, um sie nach draußen zu bringen. Im Tageslicht, das durch die hohen Fenster fiel, sahen wir, dass sie aus massivem Holz und mit einem eingebauten Schloss versperrt war.

„Da muss ein Schlosser ran“, sagte Maik. „Oder eine Säge.“

„Die schöne Kiste!“, protestierte ich. „Die können wir nicht einfach kaputtmachen. Und wer weiß, was drin ist. Sollten wir das nicht lieber an ein Museum weitergeben?“

Stella schaute mich unsicher an, aber Maik schüttelte den Kopf. „Ich will erst wissen, was drin ist. Das ist mein Zimmer, also ist das auch meine Entscheidung. Kommt schon“, forderte er, als er unsere zweifelnden Blicke sah, „ihr wollt doch auch wissen, was dahinter steckt. Man findet nicht jeden Tag sein privates Narnia beim Renovieren. Wenn es Bedeutendes ist, können wir uns immer noch an ein Museum wenden. Aber lasst uns doch erst mal unseren Spaß haben.“

Ich musste lachen. „Narnia?“

„Na klar! Dahin führen doch Geheimtüren, oder nicht?“

„Schon klar. Dann hat dein neuer Anbau ja jetzt einen Namen“, ich grinste. „Aber wehe, du behältst die Kiste für dich. Dann musst du nämlich auch für zwei Zimmer Miete zahlen.“

 

(24.01.2016, 1099 Wörter. Inspiriert von einer wahren Begebenheit… Wie viel davon tatsächlich passiert ist und was erfunden, darf sich jeder selbst ausdenken ;-) Jedenfalls steckt in alten Berliner Häusern manchmal mehr, als man denkt.)

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3 Kommentare

  1. Der Geist alter Häuser. Ja. ;-)

  2. Oh, ich möchte so etwas auch einmal entdecken!

  3. Also… bin ich jetzt der einzige, der wissen will, was drin war? :D

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