Literaturkritik

Arno warf das Buch auf den Tisch, dass es nur so klatschte.

„Hey!“, beschwerte sich Hartmut, „das geht doch kaputt so! Hab ein bisschen Respekt vor Büchern.“

„Hast du das gelesen?“, schäumte Arno und fegte das Buch mit einer heftigen Handbewegung zu Boden. „So ein Dreck! Das verdient keinen Respekt.“

Hartmut bückte sich und hob das Taschenbuch auf. Vorsichtig strich er über das geknickte Cover un versuchte, die Eselsohren wieder geradezubiegen.

„Also wirklich, Arno. Nur weil es dir nicht gefällt, musst du doch nicht…“

„Gefällt? Es geht doch nicht darum, ob es mir gefällt! Das ist, das ist eine Schande! Rufmord! Verleumdung! Eine bodenlose Unverschämtheit!“ Er riss Hartmut das Buch aus den Händen und warf es wieder weg, diesmal gegen die Wand. Es klatschte an den Putz und kam halb offen auf dem Teppich zu liegen.

„Jetzt beruhig dich doch. So schlimm kann es nicht sein. Es ist doch nur ein Buch…“

„Nur ein Buch?“, ereiferte sich Arno, „nur ein Buch? Weißt du, wie viele Leute dieses Buch gelesen haben? Und jetzt haben die einen völlig falschen Eindruck von uns! Das ist, das ist…“, er brach ab und fuchtelte hilflos mit den Händen. „Eine Unverschämtheit ist das!“

„Wirklich so schlimm?“, Hartmut hob die Augenbrauen. „Ich habe das Gefühl, dass du ein bisschen übertreibst.“

„Das kann man gar nicht übertreiben! Und überhaupt. Du würdest das genauso schlimm finden. Wenn du wüsstest, wie sie über solche wie uns schreibt…“ Arno schüttelte den Kopf. „Da möchte ich mal sehen, wie du ruhig bleibst. Sowas sollte verboten werden, also wirklich. Jugendliche lesen das!“, fuhr er erneut auf, „halbe Kinder noch! Die denken dann womöglich, dass das alles stimmt!“

„Das was alles stimmt?“ Jetzt war Hartmut neugierig geworden. „Kann das wirklich so schrecklich sein?“ Er hob das Buch erneut auf und strich die Seiten glatt, auch wenn das ein zunehmend fruchtloser Versuch war. Dann überflog er den Klappentext. Er zuckte mit den Achseln.

„Klingt nicht allzu schlimm. Bisschen kitschig, aber das sind wir doch gewöhnt.“

„Du hast ja auch noch nicht reingelesen!“

Hartmut seufzte. „Ich mach ja schon.“ Er schlug das Buch auf und begann zu lesen. „Hm, fängt doch eigentlich nicht schlecht an…“, murmelte er. Dann: „Naja. Mhm. Hmm…“ Er überflog einige Seiten, blätterte schneller. „Ach“, meinte er irgendwann. „Naja, so ganz korrekt ist das nicht. Und ein bisschen albern, Teenieromanzen eben. Aber was ist daran so schlimm?“

„Lies weiter“, herrschte Arno ihn an. „Warte, bis du zu der Szene auf der Wiese kommst.“ Ungeduldig ging er auf und ab, ohne Hartmut aus den Augen zu lassen.

„Wiese?“

„Du wirst schon sehen“, prophezeihte Arno düster. Hartmut schaute verwirrt, blätterte aber brav weiter. Dann las er langsamer, konzentrierter. Runzelte die Stirn. Stutzte. Las einen Absatz ein zweites, dann ein drittes Mal. Schüttelte den Kopf.

Schließlich blickte er auf.

Arno sah ihn erwartungsvoll an. „Na?“

„Das ist… meint die das ernst?“, Hartmuts Stimme zitterte vor Wut. „Wirklich? Glitzern? Ich fass es nicht. Das kann die doch nicht… Kinder lesen das?“, seine Stimme wurde immer lauter. „Das ist ja wohl eine Unverschämtheit! Was fällt der ein! Ich kann es nicht glauben! Glitzern!“

Arno nickte grimmig. „Siehst du?“

Hartmut schnaubte. „So ein Dreck“, zischte er und pfefferte das Buch so heftig auf einen Stuhl, dass der umkippte. „Unglaublich. Diese Dreistigkeit! Der sollten wir eine Lehre erteilen…“

„Ja, schon“, antwortete Arno zerknirscht, „aber sie wohnt in Amerika. Und du weißt doch, mit dem Reisen ist das nicht so einfach für uns Vampire…“

 

(28.01.2016, 589 Wörter)

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2 Kommentare

  1. Glänzend! ;-)

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