Noch etwas zu erledigen (Teil 1)

Als Herr Schmidt von einem Auto überfahren wurde, stand er kurz vor der Rente – exakt zwei Wochen und drei Tage, um genau zu sein. Er hatte bereits begonnen, seinen Nachfolger einzuarbeiten, was jetzt während des Jahresabschlusses besonders anstrengend, aber auch, wie er fand, besonders lehrreich war, und eine nagelneue Angelausrüstung im Internet bestellt, um die vielen Mußestunden, die er erwartete, zu füllen.

Letztes erwies sich tragischerweise als unnötig.

Ersteres erwies sich als Problem.

Herr Schmidt wusste, dass er mit der Einarbeitung seines Kollegen noch nicht fertig war. Die Firma hatte eine Menge gewachsene Prozesse, in die man sich erst einmal einfuchsen musste, und im Jahresabschluss brauchte man sowieso jeden verfügbaren Kopf. Es hatte noch kein Kollege gewagt, in dieser Zeit Urlaub zu nehmen, und Herr Schmidt erinnerte sich mit einer Mischung aus Respekt und Entsetzen an Frau Wisnewsky, die sogar mit einem gebrochenen Bein bereits nach zwei Tagen wieder ins Büro gehumpelt war, um die Abteilung nicht hängen zu lassen. Sie war es gewesen, die ihn damals eingearbeitet hatte, und er hatte sich auch nach ihrer Verrentung und ihrem Tod geschworen, ihrem Vorbild gerecht zu werden.

Und nun hatte ihn dieses verdammte Auto überfahren. Herr Schmidt lag auf der Straße, bewegungsunfähig, und versuchte, Inventur zu machen. Seine Gliedmaßen waren noch alle dran, aber er konnte sie wie gesagt nicht mehr bewegen. Genau genommen konnte er sie nicht einmal mehr spüren, was vielleicht ein Glück war, denn so tat ihm nichts weh.

Ins Büro konnte er aber auch nicht. Er versuchte die Augen so weit zu drehen, dass er wenigstens sehen konnte, ob seine Aktentasche noch da war, musste aber zu seinem Entsetzen feststellen, dass er auch ihrer nicht mehr Herr war.

Er schnaufte empört über diese Wendung des Schicksal, nur um zu erkennen, dass auch seine Atemwege nicht mehr funktionierten. Der Schreck darüber ließ ihn auf- und aus seinem nutzlosen Körper fahren.

Er sah sich um. Da lag sein Körper, nun also entseelt, und sein Anblick machte Herrn Schmidt deutlich, welches Glück er tatsächlich hatte, nichts mehr zu spüren. Da mussten etliche Knochen gebrochen sein, und der Schädel sah auch nicht mehr ganz taufrisch aus. Oje, der Haarausfall an seinem Hinterkopf war schon weiter fortgeschritten, als er sich eingestanden hatte.

Herr Schmidt schüttelten seinen geisterhaften Kopf. Dieser arme Körper war wirklich nicht mehr zu gebrauchen. Er musste optimistisch bleiben und sich freuen, davon befreit worden zu sein.

Er sah an sich herunter. Sein Geisterkörper sah eigentlich ganz anständig aus, soweit er das beurteilen konnte. Ein wenig übergewichtig, aber das war er schon immer gewesen. Ein wenig transparent, aber das würde in nur in gut beleuchteten Räumen auffallen. Davon abgesehen fühlte er sich erstaunlich fit für einen Toten, und wer auch immer für die Ausstattung von Geistern sorgte, hatte ihm doch tatsächlich seinen anständigen Anzug samt – ein kurzer Handgriff in die Jacketttasche bestätigte das – U-Bahn-Monatskarte sowie seine Aktentasche gelassen. Sehr gut.

Er ging los. Nach ein paar Schritten warf er noch einmal einen Blick auf die Unfallstelle, ging dann aber entschlossen weiter. Man würde sich schon um alles kümmern. Er hatte jetzt anderweitig zu tun.

 

(09./14.02.2016, 517 Wörter

EDIT: Teil 2 ist fertig!)

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ein Kommentar

  1. Nachricht von Herrn Schmidt. Gut! :-)

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